Grazer Augarten Fest 2015

Man wurde das Gefühl nicht los, inmitten einer kleineren Version des Donauinselfestes zu sein. Ich war eingeladen, jedoch ahnungslos, dass das 34. Grazer Augarten Fest in den letzten Jahrzehnten schon so herangewachsen war. Das hügelige Grün füllte sich schnell mit buntem Publikum, aber vom Aussehen durfte man keinen Schluß auf schlechtes Benehmen ziehen. Jung und Alt hatten gute Laune, hörten geile Musik und tanzten vor der Bühne, ganz ohne den üblichen Festivalmüll. Ein rundum angenehmer Tag: unsere Fotos aus dem Facebook.

Die Donauinsel im Vorgarten: Picknick und chillen

Die Donauinsel im Vorgarten: Picknick und chillen

Graz, 14. Juli 2015

La Strada Graz Festival 2015

Im Sommer 2014 ließ mir mein Buch keine Zeit für irgendetwas anderes als Schreiben, heuer erwarten mich in “La Strada Graz” von 31. Juli bis 8. August wieder bewegte und bewegende Tage, wie Intendant Werner Schrempf es ausdrückt. Gehen wir also ein Stück des Weges mit ihm und seinem internationalen Festival für Strassenkunst und Figurentheater gemeinsam.

Opernring 12/I
8010 Graz
T. +43 316 69 55 80

La Strada ist eine Arbeitsgemeinschaft des Vereines zur Förderung von Straßenkunst und Figurentheater in Österreich und derFirma die ORGANISATION, Büro für Gestaltung und Veranstaltungsorganisation GmbH.

Fester Bestandteil des Sommers in Graz: Seit 18 Jahren ist “La Strada” schon auf dem Weg

Einzeln nur Buchstaben, gemeinsam La Strada | Foto © Ulrike Sajko 2015 La Strada auf den Stufen des Grazer Opernhauses

Alle Informationen zum Programm von La Strada 2015 sind in der Programmzeitung. Das gesamte Programm gibt es auf www.lastrada.at zu sehen. Wir werden von der Eröffnung berichten, und hier mit einem Rückblick abschliessen.

Graz, am 15. Juli 2015

Opening: The 7 Fingers aus Kanada mit “Cuisine et Confessions”

The 7 Fingers nach der Show | Foto © Gerald Ganglbauer 2015

Sehr unterschiedliche Geständnisse wie: “Ich mag keinen Sellerie” oder: “Mein Vater starb im KZ in Argentinien” bildeten den Hintergrund zu choreografiertem Tanz und Akrobatik vom Feinsten. Die vielen Gästen nicht mehr unbekannten Ausnahmekünstler des Cirque-Nouveau ernteten wiederum eine Standing Ovation bei der gestrigen Eröffnungsveranstaltung von La Strada Graz in der Oper.

Mit liebenswürdiger Einbeziehung des Publikums und nahezu unglaublichen Kunststücken überzeugte die bunte Truppe, dass Poledancing nicht nur ins Rotlichtmilieu sondern auch in die Küche passt, dass Schaumschläger zum Jonglieren gemacht sind, dass Menschen fliegen können und dass sie im (scheinbaren) Sturz auch noch der Gravitation trotzen. Man muss es sehen um es zu glauben. Ab heute noch fünfmal zu erleben.

Don’t try this at home, sagt man anderswo. Sollte man auch hier das Publikum warnen: Versucht nicht, das zuhause nachzuahmen! Zumindest nicht die waghalsigen Schwünge und präzisen Sprünge. Die Küche vielleicht. Bildete ich es mir ein, oder roch es in der Oper tatsächlich nach Bananenkuchen? Ein grossartiger Vorgeschmack auf das vielseitige Programm der kommenden Woche.

Wir sehen uns bestimmt noch da und dort bei La Strada!

Ursprung, am 1. August 2015

Roadtest: Ein Blick in den Rückspiegel nach 8 Tagen Vollgas

Cirque Inextremiste übertrifft sich selbst in seiner zweiten Show| Foto © Claudia Parenzan

La Strada Graz 2015 hat mich wiederum sehr begeistert: Die Show der drei unverwundbaren Franzosen des Cirque Inextremiste hat jeden Zuseher vom Hocker geworfen – die süße und extrem waghalsige Rache (mit einem Bagger!) des in der Brettergerüst-und-Gasflaschen-Premiere (Helmut-List-Halle vor zwei Jahren) des skrupellos ‘verarschten’ Körperbehinderten war einfach ‘genial’ – Triebwerk Berlin (ebenso zum zweiten Mal zu Gast in Graz) offerierte wunderbar unterhaltsames Figurentheater gepaart mit Geschichtsunterricht – und auch der österreichische Beitrag “Penguin People” des Theater Asou überzeugte ganz ohne Worte, um nur drei Highlights der ersten Halbzeit anzuführen.

La Strada 2015 | Fotos © Ulrike Sajko und Gerald Ganglbauer
Premiere | Pressekarten | Besucher | Kein Vorhang | The 7 Fingers | Penguin People | MimiCry | Steinbauer & Dobrowsky

Anna Schrefls “Wetta” kombinierte im Innenhof der Universität multilinguale Wetterprojektionen mit Tanz und schönen Stimmen zu einer Klimakonspiration und wagte sich im Chor unter Franz Jochums Leitung sogar an eine Interpretation von Henry Purcells Cold Song, wohl eine Reminiszenz an Klaus Nomi. “MimiCRY”, eine Bearbeitung von Kafkas Bericht für eine Akademie von Steinbauer & Dobrowsky machte das im Kreis sitzende Publikum im Industriegebiet der Waagner-Biro-Straße schwindelig. Der Puppenspielern wie dem Wiener Nikolaus Habjan als Altmeister geltende Queenslander Neville Tranter und sein Stuffed Puppet Theatre bot als letzte Show im Next Liberty einen ausgezeichneten Abschluss des bunten Angebotes.

La Strada 2015 | Fotos © Gerald Ganglbauer und Claudia Parenzan
Nikolaus Habjan | Cirque Inextremeiste x 3 | Anna Schrefl | Benjamin Vandewalle | Triebwerk Berlin | Neville Tranter

Dennoch bin ich unzufrieden. Warum?

Das Festival ist volljährig geworden, meint der Intendant, und bietet das Programm zu einem erwachsenen Preis: Knapp 500 Euro hätte ich mit meiner Partnerin berappt, wäre ich ein ganz normaler Grazer und nicht ein privilegierter Journalist mit Freikarten. Das sind also knapp 500 Euro für Freizeit/Kultur in nur einer Woche; das kann sich nicht jeder leisten. Für das Gebotene zwar ein fairer Preis, aber erinnern wir uns, La Strada war ursprünglich freies Theater, eben Artisten, Gaukler und Jongleure auf der Straße.

Welchen Weg sollte La Strada fortan gehen? Ich habe in Sydney gelebt, einer reichen Stadt, die es sich einfach leistet, ein derartiges internationales Festival jeden Sommer auf die Karte der australischen Großstadt zu malen. Straßentheater im Sydney Festival ist kostenlos und hat bis zu einer Million Zuseher. Könnte das Großstädtchen Graz sich das leisten? Ich weiß es nicht, denn ich kenne das Kulturbudget dieser Stadt nicht, aber entweder gibt man den Bürgern und Besuchern all diese Top-Acts frei Haus, bzw. hängt das Theaterprogramm teilweise an den “steirischen herbst” (Steinbauer & Dobrowsky und Anna Schrefl hätten diesmal schon dorthin gepasst) oder man bringt bescheidenere Produktionen unter die Leut’ und damit zurück auf die Straße, wo dieser Weg vor 18 Jahren einmal begonnen hat.

Let’s go home!
Neville Tranter and his dog leave the stage at the end of the show.

Ursprung, am 9. August 2015

DÜRINGER im Lässerhof

Wenn für uns der Ernst des Lebens beginnt, hängt man uns einen leeren Rucksack um, den wir nun nach und nach mit unserer Geschichte befüllen werden. Diese wird von uns fälschlicherweise als „unser Leben“ bezeichnet. Doch sie ist lediglich unsere Lebensgeschichte und steht oft dem Leiden näher als dem Leben im eigentlichen Sinn. Mit dieser traurigen Geschichte identifizieren wir uns nur allzu gerne. Nicht, weil es so schön ist und Spaß macht, sondern weil’s die anderen ja auch tun und man dadurch nicht mehr  so alleine ist. Man lässt das gestörte Ich zurück und verschwindet im Wir. So findet man Schutz und Geborgenheit im kollektiven Wahnsinn. Dieser Unerträglichkeit werden wir im zweiten Teil meiner Vortragstrilogie auf den Grund gehen. Nicht auszuschließen, dass wir dabei wieder unserem evolutionären Begleiter, dem Neandertaler begegnen. Dieser hatte uns ja einiges voraus: Er hatte die Zeit. Wir haben nur mehr die Uhr … und diese tickt schon lange nicht mehr richtig.

„WIR – Ein Umstand“ … kultur findet stattegg

„WIR – Ein Umstand“ … Teil 2 einer Vortragstrilogie | Pressefoto

Roland Düringer (* 31. Oktober 1963 in Wien) ist ein österreichischer Kabarettist und Schauspieler. Sein Vater war Garderobier am Wiener Burgtheater. Durch diesen lernte Düringer den Schauspieler Herwig Seeböck kennen und nahm an einem seiner Theaterworkshops teil, wo er auf Alfred Dorfer traf. Düringer absolvierte die HTL für Maschinenbau, nebenbei spielte er im Ensemble von Seeböck. Seine Karriere begann er in der österreichischen Kabarettgruppe Schlabarett, in der er unter anderem gemeinsam mit Alfred Dorfer, Andrea Händler, Eva Billisich und Reinhard Nowak spielte. Die Kabarettgruppe löste sich 1992 nach Erfolgen mit den Programmen Atompilz von links (1985) und Kultur gegen alle (1986) auf.

Am 18. Jänner 1994 spielte Düringer sein erstes Solo-Kabarettprogramm Hinterholzacht, 20 Jahre Abrechnung. Ebenfalls 1994 erschien Muttertag – Die härtere Komödie, der erste Kinofilm der Schlabarett-Gruppe unter der Regie von Harald Sicheritz, in dem Düringer mehrere Rollen übernahm. 1995 feierte sein zweites Soloprogramm Superbolic Premiere. Im selben Jahr spielte er in Harald Sicheritz‘ Film Freispiel mit Alfred Dorfer, Lukas Resetarits, Wolfgang Böck und Andrea Händler. Nach Rollen in der österreichischen Fernsehserie Kaisermühlen-Blues schuf Düringer 1997 sein drittes Programm, Benzinbrüder, das österreichweit ein großer Erfolg wurde.

Den bisherigen Höhepunkt seiner Karriere erreichte Düringer mit der Kinofassung seines ersten Programms, Hinterholz 8. Der Film übers Hausbauen war in Österreich ein Riesenerfolg, in der österreichischen Kinohitliste von 1998 übertraf ihn nur Titanic. 1998 erhielt Düringer die Goldene Romy als bester österreichischer Schauspieler. 1999 spielte er in der TV-Produktion Die Jahrhundertrevue, erneut unter der Regie von Harald Sicheritz. Düringer drehte dann mit Alfred Dorfer die ORF-Sitcom MA 2412, die es zwischen 1998 und 2002 auf vier Staffeln und einen Kinofilm brachte. 2001 brachte er sein viertes Soloprogramm, 250 ccm – die Viertelliter-Klasse, auf die Bühne. Den nächsten österreichweiten Erfolg landete Düringer 2002 mit dem Kinofilm Poppitz. Im September 2004 feierte sein Kabarettprogramm Düringer spielt Dürflinger Premiere.

Sein Kinofilm Die Viertelliterklasse lief ab März 2005 in den österreichischen Kinos. Düringer ist ein begeisterter Motorsportler, der 1999 ein eigenes Motocrossteam, Die Benzinbrüder MotoXtreme, gründete. Daher drehten sich seine Kabarettprogramme oft um Fahrzeuge und die Freuden und Leiden des Menschen mit ihnen. Düringer ist als einer der bekanntesten österreichischen Schauspieler unter anderem Werbeträger für VISA und für die Kampagne Denk an morgen beim Kühlschrank entsorgen des UFH Umweltforum Haushalt. Im Kabarettprogramm Düringer ab 4,99, zum ersten Mal präsentiert im März 2006 in Neukirchen am Großvenediger, übte er Kritik an der Konsumgesellschaft. Dabei wurde auch das Publikum intensiv in den Ablauf einbezogen und kurzerhand in Verkäufer und Käufer eingeteilt oder auch als Personal rekrutiert.

Seit 2. Jänner 2013 veröffentlicht Düringer ein Videotagebuch, in dem er Begebenheiten aus seinem Leben und alltägliche Ereignisse kommentiert. Besondere Aufmerksamkeit in den Medien erregte sein Aufruf zur Selbstanzeige, nachdem Freisprüche gegen Mitglieder des Vereins gegen Tierfabriken vom Oberlandesgericht Wien aufgehoben wurden.

Ab Mai 2009 wurden 13 Autos aus Düringers privater Sammlung für einen guten Zweck versteigert. Mit dem Erlös finanzierte Düringer einem wegen der Folgen eines Verkehrsunfalls gehbehinderten Fan einen behindertengerechten Minivan.

Die 2009 in Kasten bei Böheimkirchen gedrehte Fernsehserie Der wilde Gärtner, eine Mischung aus Comedy und Gartenmagazin, wurde vom ORF im Jahr 2011 ausgestrahlt.

Im Dezember 2011 hielt Düringer in der Sendung Dorfers Donnerstalk eine Wutbürgerrede, die in den österreichischen Medien für Aufregung sorgte. Auf YouTube erreichten die Aufnahmen innerhalb weniger Tage mehrere zehntausend Aufrufe. Die Rede basierte auf dem Buch Vom Systemtrottel zum Wutbürger von Rahim Taghizadegan und Eugen-Maria Schulak. Ende Mai veröffentlichte Düringer das Buch Das Ende der Wut, das er zusammen mit Schulak und Taghizadegan verfasst hat.

Im Dezember 2012 gab Düringer bekannt, er werde ab 1. Jänner 2013 als Experiment sein Leben auf minimale Bedürfnisse reduzieren, ähnlich denen die in seiner frühesten Jugend geherrscht hatten, und „wie in den 70ern leben“. Er verzichtet seither auf bargeldloses Bezahlen, Handy, E-Mail, Fernseher, meidet Supermärkte, isst selten Fleisch und nutzt nach Möglichkeit öffentliche Verkehrsmittel. Auch wohnt er seither nicht mehr in seinem Haus, sondern in einem danebenstehenden 28m² großen Wohnwagen, der über ein Trocken-WC verfügt und somit unabhängig vom Kanalnetz ist.

Über dieses neue Leben berichtet Düringer in seinem Videoblog „Gültige Stimme“. Ab Mitte 2013 entstand aus mehrtägigen Interviews mit Clemens G. Arvay über dieses neue Lebensthema das Buch Leb‘ wohl Schlaraffenland.

Quelle: Wikipedia

Düringer muss man selbst erlebt haben! | Fotos © Gerald Ganglbauer 2015

Ursprung, 14. Juni 2015

Lendwirbel am Freitagabend

Für mich war es das erste Mal, aber den LENDWIRBEL gibt es schon seit 2007. Seit 2009 können die VeranstalterInnen auf die Unterstützung von zahlreichen KünstlerInnen, MusikerInnen und freiwilligen Wirbel-Begeisterten zählen, sodass 2011 bereits rund 30.000 Menschen das Spektakel feierten. Bei den Auftritten der heißesten Grazer Bands am Freitagabend fühlte es sich sogar sechsstellig an! Die Musiker spielten auf Augenhöhe mit den Zuhörern … aber was schreibe ich, Saint Chameleon und The Base habe ich an anderer Stelle bereits ausführlich vorgestellt, die 200 Bilder sprechen für sich selbst.

Maximiertes Publikum
Low-Tech Event

Lendwirbel Locations: Volksgarten – Lendplatz – Mariahilferstraße – Südtirolerplatz – Griesgasse – Griesplatz, von 2. bis 10. Mai 2015, die Fotos sind vom 8. Mai, 19:15 Saint Chameleon, und 20:30 The Base

Boris Bukowski/69 im Rathauskeller

Im Rathauskeller Wies geht das Licht aus und von der karg beleuchteten Bühne singt eine vertraute Stimme hinter bedecktem Gesicht die Worte, die Fans seit 30 Jahren so genau kennen, dass sogar geringfügigste Textänderungen bemerkt werden: “Ich bin hier, ich bin hier und ich steh‘ auf einem Bein, und sie klopfen an die Tür, doch sie können hier nicht rein …”. Der Fritze mit der Spritze war immer noch Boris Bukowskis signature song bei Gags & Stories + Songs von Boris, einer Veranstaltung der Kulturinitiative Kürbis Wies.

Im vorigen Jahrtausend war er bei “Magic/69”, nun ist der Ex-Drummer und Sänger 69

Wir waren zu früh in Wies. Die geplante Cruise im offenen Cabriolet durch die schöne Südsteiermark wurde durch einen Regenguss verkürzt, das Dach musste geschlossen werden und statt Fahrtwind in den Haaren reservierten wir eine Stunde auf einer Kegelbahn. Bis dahin setzten wir uns ins Gasthaus in den Nichtraucherbereich auf ein alkoholfreies Getränk und ein Eis. Wir hatten viel Zeit bis zu einer Vernissage dreier Künstler der Kulturinitiative Kürbis vor dem Konzert, zu dem mich Wolfgang Pollanz eingeladen hatte. Bis auf uns war der Gastraum leer, als Boris Bukowski mit seinem Gitarristen zufällig ins selbe Lokal kam, ebenso in den Nichtraucherbereich und – nachdem er uns begrüßt hatte – ebenso Alkoholfreies bestellte. Daran erkennst du, sage ich ihm augenzwinkernd als wir kegeln gehen, dass wir älter geworden sind. Vor dreißig Jahren wären schon einige Biere hier gestanden und wir hätten eine Zigarette nach der anderen geraucht. So ändern sich die Zeiten. Ich kannte Boris seit 1985, als Mike Markart einen Beitrag im ganganbuch 2 über das Magic Sound Studio machte, das er mit dem Magic/69 Keyboarder Andi Beit nach dem Ende der Band bis 1991 betrieben hatte.

Drei erkegelte Sauen stolz in der Tasche, wurde es Zeit, ins Rathaus zu schlendern. Es war kalt geworden und es regnete nach wie vor und ich war froh, unterwegs lange Hosen gekauft zu haben. Mir gingen diverse Fetzen der Lyrics und Melodien seiner Lieder durch den Kopf und ich summte schließlich “Ich bin müde” vor mich hin, rief mir alle Strophen ins Gedächtnis, war mir gar nicht bewusst, dass ich soviel seiner Musik kannte. Im Programm waren diese Tunes natürlich auch. Mit seiner älteren, leicht brüchigen Stimme gesungen, war es ein schönes Erlebnis, die Memory Lane gemeinsam mit einem “Urgestein der steirischen Rockszene” entlang zu gehen. Apropos Rockgeschichte: David Reumüller hat in der Edition Kürbis als Herausgeber im Rockarchiv Steiermark die Bandgeschichte von Magic/69 mit vielen Bilddokumenten und einer Vinylsingle veröffentlicht.

Boris Bukowski – Live im Rathauskeller Wies |Video © Gerald Ganglbauer 2015

Der 1946 in Gleisdorf geborene 1974 promovierte Jurist Boris Bukowski war zuerst Drummer und später Leadsinger von Magic/69, produzierte nach dem Bandende 1980 in seinem Tonstudio u.a. das erste EAV Album sowie Peter Weibels schräges Hotel Morphila Orchester. Seine Solo-Karriere startete er 1985, u.a. mit Der Fritze mit der Spritze, dem wahrscheinlich bekanntesten Song über Psychiatrie und Kokain (1987 auf Intensiv) und endete sie wieder um fast ein Jahrzehnt, in dem er nicht mehr auf der Bühne stand. Seit 2001 gibt es ihn wieder live und seit dem Vorjahr und dem Erscheinen seiner locker vom Hocker geschriebenen Autobiografie Unter bunten Hunden wieder auf Konzertournee mit dem jungen Gitarristen Markus Kissinger.

Die alten Hadern waren nicht nur mir, sondern dem Publikum im entsprechenden Alter 50+ ebenso geläufig. Man hörte es beim Mitsummen. Bloss die neuen (in diesem Jahrtausend geschriebenen) Lyrics schienen ein wenig zu sperrig und schwer bekömmlich zu sein. Politische Botschaften, Soziale Ungerechtigkeiten, Umweltzerstörung und dergleichen passten irgendwie nicht zu dem Mann auf der Bühne, von dem man Texte über Liebe und Liebeskummer erwartete, einer Ikone des Austropop, der gar nicht wie 69 wirkte.

Ein Extra-Bonus des Abends war die Entdeckung von Matthias Forenbacher, dessen noch unveröffentlichtes neues Album im Keller vor und nach dem Gig im Hintergrund gespielt wurde und mir sofort sehr positiv auffiel. Sein Album “Life Vest” war 2009 bei Pumpkin Records (Kürbis) erschienen. Die CD wollten wir bei der Heimfahrt im Auto spielen. Auch um Mitternacht musste für die einstündige Fahrt zurück nach Ursprung das Dach leider geschlossen bleiben. Dennoch – trotz des Sauwetters – ein lohnender Landausflug.

Infos: www.kuerbis.at und www.bukowski.at

Ursprung, 20. April 2015

pangea … musik lebt

pangea (von altgriechisch πᾶν pān “ganz” und γαῖα gaia “Erde”, “Land”, wörtlich also „Ganze Erde”), war der letzte globale Superkontinent der Erdgeschichte. In Graz steht Pangea für: “Musik lebt.” Eine monatliche Weltmusik-Konzertreihe live in der Postgarage. Konzeption und Koordination: Stefan Bauer, Günter Brodtrager, Vesna Petković, Anita Brodtrager. Im April gab es feinste Töne vom Tori Trio und Das Großmütterchen Hatz Salon Orkestar.

Postgarage, 2nd floor
(Eingang über Rösselmühlpark)
Dreihackengasse 42
8020 Graz
pangea@postgarage.at

Die Verneigung gilt den Veranstaltern, denn pangea beweist, dass Musik lebt

Das Salon Orkestar nach dem zweiten Encore | © Gerald Ganglbauer 2015

Einmal hatte ich schon das große Vergnügen, einen pangea Abend in der Grazer postgarage mit lebendiger Musik zu verbringen. Rauchfrei auf gemütlichen Sofas vor der einzigartigen Kulisse, die Günter Brodtrager aus von hinten mittels Lichtbändern beleuchteten ausrangierten Leiterplatten geschaffen hat. Nachhaltigkeit war seinen Greenbrains Ideen immer schon wichtig.

Der geeignete Venue war somit vorhanden, und seine junge Frau Anita Brodtrager tat sich mit Vesna Petković (Sosamma) zusammen, um “eine Reaktion zwischen Tradition und Moderne, eine Plattform für LiebhaberInnen feiner Töne und schöner Stimmen” zu schaffen. Jeden Monat steht ein Konzert zweier Bands am Programm, welches irgendwo zwischen Volksmusik und Jazz einzureihen wäre. Vor einigen Monaten hatte ich die Grazerin Marina Zettl dort gehört (und in den Music Reviews besprochen), gestern waren es das Tori Trio und Das Großmütterchen Hatz Salon Orkestar, ein unüblich instrumentiertes Quartett, das an jenem Abend seinen fünften “Geburtstag” feierte. Aber vorerst zum Tori Trio, was übrigens ein Anagramm ist, aber das werden unsere smarten Leserinnen und Leser selbst sofort gesehen haben.

Das Akkordeon, beiden Acts dieses Abends gemeinsam, wird üblicherweise assoziiert mit Tango (Nuevo) oder Zigeuner- und Volksmusik, auf Neusprech heißt das heutzutage Ethno oder Worldmusic. Was auch immer die Schublade, das Publikum, etwas älter als der Durchschnitt in der Postgarage, honorierte die Darbietungen mit stillem Zuhören und tosendem Applaus, was sehr angenehm auffiel, da bei Pop/Rock-Konzerten oftmals die Geräuschkulisse des Publikums in den hinteren Reihen lauter ist als ruhigere Passagen der Musik.

Tori Trio – Live in der Postgarage Graz | © Gerald Ganglbauer 2015

Der Slowene Jure Tori liebt sein Akkordeon und entlockt ihm ein breites Spektrum an Klängen, die sich dem Jazz wie dem Balkan einfügen und spiegelt intensiv erlebte Gefühle beim Spiel auch in seinem Gesichtsausdruck. Was auch der Grazer Jazzfreunden gut bekannte Ewald Oberleitner am Bass tut, wenn seine flinken Finger in die Seiten des sichtlich vielgereisten Instrumentes greifen. Cool bleibt nur Ariel Cubría, der Mann aus Havanna an der Gitarre.

Das Großmütterchen Hatz Salon Orkestar – hier mit Gast-Perkussionist Ernst Grieshofer | © Gerald Ganglbauer 2015

Franziska Hatz, das Großmütterchen, ist in einer Klasse für sich, wenn die zarte Frau mitunter einbeinig wie Ian Anderson das schwere Tasteninstrument spielt. Sie ist ein Energiebündel in Bewegung wenn sie mit den großartigen Kollegen Julian Pieber am Schlagzeug, Richie Winkler an den Blasinstrumenten und Simon Schellnegger am Saiteninstrument einen komplexen Klangteppich aus Akkordeon, Klarinette/Saxofon, Bratsche, Schlagzeug und Perkussion und subtilen Loops webt. Seit fünf Jahren tut die Musikerin aus der Südsteiermark das in dieser Besetzung und “Terry Goes Around”, ihr letztes Album, werde ich wohl noch ausführlicher in Gangway Music Reviews besprechen.

Die nächsten Termine:

So., 10. Mai 2015, 20 Uhr: Barrio Mixto (Latin Jazz) & Brazuca (Brasilianische Popmusik)
So., 7. Juni 2015, 20 Uhr: Alma (Zeitgenössische Volksmusik) & Holler my Dear (Pop/Swing/Funk/Folk)
Info: pangea.postgarage.at

Ursprung, am 16. April 2015

Brücke zur Kleinkunst

Ich war noch nie dort, oder es ist so lange her, dass ich es vergessen habe. Meine alten Freunde Waltraud und Martin Huber sind dort Stammgäste, wie auch einige meiner Musiker-Freunde aus der Indieszene. Der Auftritt von Luka Sulzers junger Grazer Band Saint Chameleon gab den Anstoss, doch einmal den Verein neben der Caritas zu besuchen. Es wurde ein großartiger Abend.

„Die Brücke“ in Graz ist ein feiner Venue für intime Kleinkunst – vom Poetry-Slam bis zur World Music

Begeisterter Applaus für Saint Chameleon live in “Die Brücke” | © Gerald Ganglbauer 2015

Saint Chameleon, eine junge Grazer Band, sind momentan noch so etwas wie ein “Geheimtipp”: Zuerst weich, dann wieder harsch und grob, fügen sich die Instrumente und Stimmen zu Geschichten über ihre Umgebung zusammen. Die Texte reichen von philosophischen Fragen die das Leben stellt, bis zu Roadtrips und Seemännern. Und so macht es auch die Musik selbst. Sie swingt, stampft, fließt und zerstört die Stereotypen die man von Rockmusik hat.

Saint Chameleon live

Man kann den Geist von Künstlern wie Tom Waits, C. W. Stoneking und Django Reinhardt spüren, aber auch andere Genres dieser Welt der Musik sind im Schaffen von Saint Chameleon zu finden.

Eine zärtliche Ballade

Saint Chameleon setzt sich aus sieben Mitgliedern, aus fünf Ländern zusammen: David Dresler, Kajetan Kamenjasevic, Lukas Custos, Luka Sulzer, Emiliano Sampaio, Francesco Doninelli und Thilo Seevers. Die Ursprünge liegen bei einem Treffen von Lukas und Luka in den Straßen von Graz im Jahr 2010 als ersterer als Straßenkünstler performt. Das große beiderseitige Interesse in jede Art von Musik macht die Entscheidung in einem musikalischen Projekt zu kollaborieren einfach.

Gute Stimmung in der Brücke

„Jetzt da die Basis vorhanden ist kommt der Rest auch ziemlich schnell. Da Graz eine Stadt voll von Musik jeder Art ist, ist es auch nicht schwer die restlichen Teile zu finden. Emiliano, ein Jazz Komponist, bekannt für sein „Mereneu Project“, schließt sich der Formation als Posaunist an. Kajetan und Francesco fügen später Bass und Violine hinzu und nach einigem ausprobieren kommen im Herbst 2014 der Pianist Thilo Seevers und der Schlagzeuger David Dresler hinzu.“ (Luka Sulzer)

Ursprung, am 26. Jänner 2015

30 Jahre Gangan Verlag

Am 14. Jänner 2015 feierte der Gangan Verlag 30 Jahre seines Bestehens im Literaturhaus Graz. Gerhard Melzer begrüßte, Gerhard Fuchs führte ein, Gerald Ganglbauer las aus seinem Buch “Ich bin eine Reise” , The Base spielte feine Musik und der Buchautor sang mit. Anschließend wurde den preisgekrönten Weinen vom Vinothek Verlag zugesprochen und das gelungene Fest klang im Thomawirt erst weit nach Mitternacht aus.

Gerhard Fuchs
Beginnen, Bewegen, Verändern.
Gerald Ganglbauers Reise.

Eine kurze Einleitung. Der Versuch, Ihnen Horst Gerald Ganglbauer vorzustellen. Kennt man den? Noch, wieder? Vielleicht eher die Älteren, die sich erinnern. Die Älteren, so wie ich. Denn weg war er lang, aus Graz seit 1986, aus Österreich seit 1989. Und seit 2013 ist er wieder da, in seinem Haus da draußen, nördlich von Andritz, jenem Bezirk, von dem aus er aufgebrochen ist, in vielerlei Hinsicht.

Also wie beginnen? Ich beginne damit, den Autor, Buchmacher und Reisenden vorzustellen, indem er sich selbst vorstellt. Programmatisch nämlich, mit einem seiner Gedichte. Auch wenn der Verleger und Zeitschriftenherausgeber damals bald und heute erst recht nichts von seinen eigenen literarischen Texten wissen will – dennoch:

“beginnen”

aufhören
das vierblättrige kleeblatt
in der wiese zu suchen
da das glück
neben einem liegt.

aufhören
einem “ichweißnichtwas”
nachzulaufen
da eine offene hand
nur zu ergreifen ist

aufhören
das verdammte wort
“aufhören”
überhaupt zu denken
denn überall steht “beginn”

Das Gedicht “beginnen” stammt aus der Nummer 8 der in Bad Ischl als Schülerzeitschrift gegründeten und in Graz neu ausgerichteten “Perspektive”, einer Zeitschrift, die in der Steiermark als Periodikums-Dauerbrenner neben den “manuskripten”, den “Lichtungen” und dem “sterz” über Jahrzehnte Wegmarkierungen setzte. Diese Nummer 8 wurde im Sommer 1982 zusammengestellt und Gerald Ganglbauer blieb für drei Nummern federführend. Damals war der 24-Jährige TU-Student der Verfahrenstechnik mit einer Menge Tagesfreizeit, wie man so sagt, drauf und dran, jene Frau zu heiraten, die er bei einer/seiner Lesung im Forum Stadtpark kennen gelernt hatte: Petra Ganglbauer nämlich. Ein Beginn also, ebenso wie der von ihm mitgetragene Neustart der “Perspektive”. Das Neue lässt sich meist nur beginnen, wenn das Alte zu Ende ist. Nach drei Nummern Perspektive daher ein Mitarbeitsende und ab 1984 die neue Karriere als Verleger mit dem “gangan”-Verlag: das althochdeutsche gangan heißt bewegen, entwickeln, verändern, ein Verlagsmotto, ein Lebensmotto. Ein Neugieriger, der sich ständig neu orientiert, wach bleibt, mit dem Preis allerdings, dass vieles zu Ende geht, damit es dem Neuen Platz machen kann. Ab 1984 sechs Jahrbücher mit zuerst essayistisch-kulturkritischen, dann auch i.e.S. literarischen Beiträgen mit unterschiedlichen Herausgebern, 1989 das letzte mit den Editoren Franz Josef Czernin und Ferdinand Schmatz, wobei diese beiden Namen gleich als Fingerzeig für Ganglbauers literarische Geschmacksbildung gelten können: sprachbewusste, teilweise experimentelle Literatur, schwere Kost sozusagen, weitgehend unverkäuflich, kein Massenprodukt.

Bis 1994 gibt es 22 “gangan”-Publikationen in Print-Form, Autoren sind im Lauf der Jahre neben der seit 1986 zur Ex-Ehefrau mutierten, aber bis heute freundschaftlich verbundenen Petra, ein Peter, Pessl nämlich, der sich auch als Lektor für die diese Bewegung einsetzt, Mike Markart, Reinhold Aumaier, Magdalena Sadlon, Marc Adrian und noch ein – höchst talentierter und formbewusster – Peter, der sich leider wie viele aus jener Grazer Literatengeneration per Alkohol selbst zerstört hat: Peter “Pjotr” Köck, der noch kurz vor seinem Tod 1989 eine Werkausgabe bei “gangan” plante, von der dann bislang nur zwei Bände erschienen sind. Der Verleger jedenfalls ist nicht selbstmordgefährdet, auch nicht ökonomisch, er riskiert zwar auch sein eigenes Geld im Lauf dieser “gangan”-Jahre, bleibt aber der Realität so weit verbunden, dass er nicht in die pekuniäre Katastrophe abdriftet, er macht, er tut, er initiiert, er unterstützt, so lang eben, wie es irgendwie geht. Geld verdient er ab 1989 woanders, in Australien nämlich, wohin es ihn als Folge weiblicher Umgarnung mehr oder minder zufällig verschlägt. Dort ist er in kürzester Zeit Auslandsösterreicher und Eingebürgerter, organisiert Abenteuer-Trips für erlebnisgeile Touristen, verdient nicht schlecht als Graphiker und dann Webdesigner, stets einer der Ersten und im ökonomischen Konkurrenzkampf eine Nasenlänge voraus. Kein Geld bringt ihm “gangway” ein, ein Internet-Literaturmagazin, das bereits seit 1996 online ist, nunmehr in der 46. Ausgabe, ein Textacker mit österreichischen und australischen Literaturpflanzen, meist bunt gemischt, manchmal auch thematisch gebündelt, etwa zu Kulturhauptstadt Graz 2003.

Ein Hort der Kontinuität, Ganglbauer ist keiner, der in kürzester Zeit die Lust verliert und ununterbrochen zu neuen Ufern aufbrechen muss – eine merkwürdige Mixtur von Erprobtem und Verworfenem, das einen Neubeginn erfordert. Das Alsob und das Spiel, die Negierung der zwanghaften Realitätsfiktion sind der Antriebsmotor für die Reisen des Gerald Ganglbauer, die nicht nur Ortlosigkeit, Ortsveränderungen und Ortswechsel in einem räumlichen Sinn sind, sondern auch Neuentwürfe von Identitäten, eine Veränderungsbereitschaft, die die radikale Selbstnegation zumindest nicht ausschließt. Das Glück, das im Eingangsgedicht neben einem liegt, ist dabei immer ein konkretes, mit Personen, Situationen, Orten verbunden, keine abstrakt-philosophische Größe, der es an erfahrungsgesättigter Verwurzelung mangelt. Der Freude am Realen, an Frauen, am Meer, der Sonne, der Nacktheit, dem Sprechen und Zuwenden ist aber auch ihr Widerpart eingeschrieben: der Verlust, das Altern, die Krankheit, das Verstummen. 2006 wird Ganglbauer mit der Diagnose “Parkinson” konfrontiert, zwei Jahre später geht er als Fünfzigjähriger in Frühpension. Der Umgang mit der Krankheit ist letztendlich wiederum ein offensiver: Aktivitäten in der Parkinson Selbsthilfe Österreich und in New South Wales, Mitaufbau der österreichischen Parkinsonberatung, v.a. auch in der Online-Version.

Allerdings auch keine Mythisierungen und Selbststilisierungen: In Interviews und Texten thematisiert er die Zeiten der Depression, der Mutlosigkeit und Aussichtslosigkeit. Dennoch schon wieder ein Neubeginn: 2014 die Veröffentlichung des Lebensberichts “Ich bin eine Reise”, nach 20 Jahren wieder ein Print-Buch im Gangan-Verlag. Der Autor schneidet drei Textebenen mit unterschiedlichen Entstehungszeiten, welche die jeweiligen Bewusstseinshorizonte dokumentieren, ineinander: der träumerisch-romantische Maturant, der erfahrungssüchtige Mitdreißiger und der doch einigermaßen erfahrungsgesättigte Fünfzigjährige mit seinem Zentralthema “Parkinson” und einer ganz besonderen Liebesbeziehung in den letzten Jahren. Über den individuellen autobiographischen Horizont hinaus scheint mir Ganglbauers Lebengeschichte nicht untypisch für ein Generation von literaturinteressierten bis literaturbesessenen österreichischen Jugendlichen in der Post-68er-Ära, die die internationale Flower-Power-Bewegung, die sexuelle Revolution und den politischen Oppositionsgeist zu einer ganz individualistisch-anarchischen Existenzweise amalgamiert haben, die das Reise- und Aufbruchsmotiv zentral stellt, nie einer melancholischen Handlungs- und Tatenlosigkeit das Wort redet. Geredet wird schon, aber auf ein Gegenüber bezogen, mit Wünschen und einem Sich-selbst-Aussetzen verbunden, geschrieben, veröffentlicht und verlegt wird auch, aber nicht im Sinn des Zurschaustellens des fertigen Produkts, sondern innerhalb eines Prozesses, stets auf der Reise, innen wie außen. Festlegungen sind zu vermeiden: ein wenig Andritz überallhin, nunmehr ein bisschen Sydney nach Stattegg. Die Chimäre des vierblättrigen Kleeblatts mag die ständige Suche antreiben, dieser Reisende findet aber auch, hier, gleich neben sich, die offene Hand, die es zu ergreifen gilt, auch wenn sie wieder los lässt, die eigene oder die andere. Die versteinerten Verhältnisse zum Tanzen zu bringen, Kunst und Leben ineinander überzuführen, sich am Pathos des Futurs aufzurichten waren Eckpfeiler einer nicht zuletzt romantischen Existenzform, die in einer durchökonomisierten Welt kaum noch zu realisieren ist.

In einem Interview mit Barbara Belic erinnert sich Ganglbauer an Weltreisen mit dem Flugzeug vor 9/11, als stand-by Spontanflüge und Gelage in der Maschine bei Überseeflügen noch möglich waren. Das hat aufgehört, wie so vieles andere nicht mehr möglich ist, öffentlich wie privat, und die Ortlosigkeit des Webnomaden den seinerzeitigen realen Neubeginn als virtuelles Glücksversprechen inszeniert, das in der Täuschung ohne Enttäuschung auskommt. Die Reisen des Gerald Ganglbauer sind demgegenüber schmerzende Sisyphos-Unternehmungen mit Beulen und blauen Flecken, die das “verdammte wort aufhören” im Denken negieren, um es im und am Körper umso mehr als Begrenzung zu verspüren. Solche Akte der ehrlichen Selbstentblößung sind der Literatur eigen, aber auch der dokumentarischen Schilderung, wenn sie am Ich ansetzt. Zurechtgeschneidert und der pragmatischen Rezeptionssteuerung angepasst sind beide Artikulationsformen; als Erinnerung beginnen sie etwas, was eigentlich schon vorbei ist und übernehmen so Gewähr für das Andauern des Vergangenen. Nach all den äußerlichen Reisen ist jemand noch lange nicht angekommen; wenn er sich im Inneren seines Wegseins versichert, ist er angekommen, indem er fortgeht.

Gerhard Fuchs
Literatur h aus Graz, 15. Jänner 2015

SPÖRK im Lässerhof

Christof Spörk, “Salzburger Stier 2014”, empfiehlt in seinem neuen Programm “Ebenholz” (seine Klarinette) das Hamster-Rad zu verlassen und stattdessen zu L-E-B-E-N: lieben, essen, budern, entspannen, nix tun. Gar kein schlechter Rat, den ein begeistertes Publikum im Lässerhof erhielt, das zwar nicht derb, aber dennoch zart verarscht wurde. Politik und Gesellschaft zu spiegeln ist schließlich die Aufgabe guten Kabaretts. Jetzt keimt im “schwarzen Stattegg“ grünes Saatgut.

Sprachgewandter stand-up comedian entpuppt sich als steirisches Urgestein

Christof Spörk live im Lässerhof | © Gerald Ganglbauer 2015

Er hat sich einige Werkzeuge der tief verwurzelten Volkskultur ausgeborgt, um in der Gegenwart an versteinerten Denkmustern zu rütteln. So beginnt er die Schau mit einem Jodler, in dem er sich selbst elektronisch looped und immer wieder seine Stimme in einer neuen Tonspur darüber legt. Diese Klammer schließt er am Ende mit seiner Klarinette, die seinem Programm auch den Titel geliehen hat: Ebenholz. Das besagte Instrument ruht in einem alten Attaché-Koffer, seinem Büro, und darum herum schlingt er lose seine Geschichten, Lieder und Sketches. Der Steirer überzeugt ab dem ersten Satz mit Intelligenz, Witz und Kenntnissen. Und das perfekt in allen Dialekten Österreichs. Er wäre wahrlich ein guter Politiker. Kein transparenter, denn zu viel Transparenz sei gar nicht gut, meint er. Ein altes Antonym, blickdicht sei daher längst ausgestorben. Aber in vielen Fällen gäbe es Bedarf für eine blickdichte executive decision.

Christof Spörk kam 1972 in Voitsberg zur Welt, musizierte in der 80er Jahren in der Familienmusik Spörk, maturierte in Köflach, studierte Politikwissenschaften in Wien und hat sich nun im Südburgenland niedergelasssen, weil in der Bundeshauptstadt der Quadratmeterpreis unerschwinglich war. Seine vier Kinder gehen im steirischen Fürstenfeld zur Schule (das Harvard Burgenlands, wie er es nannte) und zwischen Fürstenfeld und Feldbach siedelte er auch eine Parodie der Freiwilligen Feuerwehr in tiefstem Oststeirischen Dialekt an: ich habe selten so gelacht. Es war vor ländlichem Publikum im schwarzen Stattegg ein Wagnis, die heilige Kuh über den Tisch zu ziehen, er erntete jedoch tosenden Applaus. Rot/Schwarz/Blau kam überhaupt nicht gut weg. Es wäre an der Zeit für die Grünen. Die Gemeinderatswahl am 22. März 2015 wird zeigen, ob die grüne Saat in Stattegg aufgeht.

Spörk dissertiert mit Musik & Politik in Kuba 1959 bis 1999 (was sein ausgezeichnetes Spanisch erklärt), heiratet und arbeitet als außen- und innenpolitischer Redakteur bei profil. 2003 bekommt er den ersten “Salzburger Stier” für das Landstreich-Programm “Stau”, 2005 hat er einen desaströsen Auftritt beim Song Contest 2005 in Kiew. Aber er ist ist ein guter Unterhalter und kennt sein Charisma, bezieht das Publikum spontan mit ein, kommt gut rüber und schreibt immer mehr Musik-Kabarett. Er wird als stand-up comedian immer besser. Lieder schreiben ist seine wahre Liebe und voriges Jahr bekommt er wieder den “Salzburger Stier”. Ein Faden seines Programmes sind falsche, weil zu hohe/niedrige Erwartungshaltungen. Und weil er sie für das Publikum senkt, gewinnt er Sympathien. Tut und sagt was er denkt und beschenkt 200 Zuhörer mit einem wunderbaren Abend.

Ursprung, am 10. Jänner 2015

Auster Open 2014

Das AUSTER OPEN hat schon Tradition in Graz-Eggenberg. Leo Kysèla und Freunde spielen dort ihre neuen Lieder dem Sommer zum Gefallen. Heuer spielten sie allerdings nichts Neues, sondern ein “best of slow songs 1988-2013”. Leider auch nicht mehr in der gemütlichen hinteren Ecke des Badeareals, sondern gleich hinter dem Eingang auf der Betonrampe. Keine gute Wahl wie es schien, wenn man das Publikum beobachtete: Kein mitschnippen, mitsingen, und tanzen zur Musik wie vor zwei Jahren. Dennoch ein schöner Abend voller Geigen (schon wieder) und langsamer Balladen.

Das letzte Mal bin ich Leo vor zwei Jahren in Wien über den Weg gelaufen. Wir waren zufällig beide Podiumsgäste bei der Barbara-Karlich-Show. Das war kurz vor dem Auster Open 2012, das ich danach besuchte, weil ich den Soulman schon lange nicht mehr gehört hatte. Damals spielte er für mich neue Balladen, die ich jetzt, bei der 2014 Ausgabe, schon beim ersten Akkord wieder erkenne. So vertraut wurden mir inzwischen die Lieder, dass ich gar nicht bedauerte, nichts Neues auf seinem neuen Album zu finden, sondern einfach das Beste. “Back In The Days”, “Stand By Me”, oder “Together”, das eine Hymne für die Parkinson Selbsthilfe wurde.

Zwei Jahre später, wieder in der Auster. Da saßen wir nun bei einem gepflegten Wein am Tischchen unter Menschen mehrheitlich Mitte 50+ auf Plastikstühlen. Und keiner kam der Aufforderung nach, mitzuschnippen (außer mir), oder sang den Refrain von Lou Reeds Walk On the Wild Side nach Ermunterung des Barden an der Gitarre vor (außer mir). Es herrschte eine ehrfürchtige Stimmung, ähnlicher der eines klassischen Konzerts als einem Soul- und Blues Open Air. Es mußte wirklich an der Bestuhlung liegen, denn vor zwei Jahren waren es dieselben Menschen, die Holzbänke vorfanden, von denen man lieber den Allerwertesten erhob um die Knochen ein bisschen zu bewegen. Damals tanzte und lachte man noch auf der Wiese vor der Bühne, heuer war alles irgendwie steif.

Publikum damals und heiute

Die Band war dieselbe. Leo Kysèla (vocals, guitars, bass guitar, blues harp) Louis Kiefer (bass guitar, ac. guitar, trombone) Jasmin Holzmann (vocals, percussion) Sascha Pätzold (viola, string perc.) Support & Guest: Joerg Veselka (vocals, guitar, mandolin) Special Guest: Giorgio Hammer (viola). Die Lieder waren nach wie vor gut, die Stimmen und die Arrangements einzigartig.

Stand By Me
                     
               When the night has come
                 And the land is dark
                 And the moon is the only light we'll see
                 No, I won't be afraid
                 Oh, I won't be afraid
                 Just as long as you stand, stand by me
               So darling, darling
                 Stand by me, oh stand by me
                 Oh stand, stand by me
                 Stand by me             
               If the sky, that we look upon
                 Should tumble and fall
                 And the mountain should crumble to the sea
                 I won't cry, I won't cry
                 No, I won't shed a tear
                 Just as long as you stand, stand by me
               And darling, darling
                 Stand by me, oh stand by me
                 Oh stand now, stand by me
                 Stand by me             
            And darling, darling
                Stand by me, oh stand by me
                Oh stand now, stand by me, stand by me
                Whenever you're in trouble won't you stand by me
                Oh stand by me, oh won't you stand now, stand
                Stand by me
                Stand by me
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Back In The Days feat. Joerg Veselka | Video: © Gerald Ganglbauer 2014

Ich weiss nicht, wie alt Leo Kysèla ist. Das hat er in seiner Biografie vergessen zu erwähnen. Er begann mit 12 Jahren zu musizieren, hatte mit 15 die erste eigene Band und erste Auftritte. Zwischen 17 und 19 war er bereits als Solist in Sachen Blues tätig. Danach Architekturstudium, zahlreiche Bandprojekte, Liveauftritte. Er ist 1,90 groß gewachsen, blond und blauäugig, im Sternzeichen Zwilling und Aszendent Widder. Ich lernte ihn an der Seite von Ripoff Raskolnikov kennen, so etwa Anfang der 80er Jahre. Damals spielte er im Duo Power Project.

Er blieb aber bis heute unter dem Radar der Musikindustrie, hat keinen Plattenvertrag, ist nicht auf Wikipedia, hat kein Album auf iTunes. Seine CDs sind im Eigenverlag erschienen und die gibt’s nach den Konzerten zu kaufen. That’s it. Er ist Architekt, Tennislehrer, Skipper, jedoch seit 1986 hauptberuflich Musiker, Komponist und Produzent. Und vom Strahlen seiner Augen abgeleitet, als ich ihn auf ein kurzes Gespräch treffe, scheint er glücklich zu sein. Das Leben schmeckt ihm. Was will man auch mehr von der Musik.

Diskografie (Auswahl):

Soul Singer” Best of Slow Songs 1988-2013 (2014), Gurgaon Sunset (2011), Living in the Steinwehr (2008), Live im Bad zur Sonne (2006), The Souly Nights 1999 (2000).

Leo Kysèla am Web – www.kysela.at

Ursprung, am 20. Juni 2014