All that Jazz

Berndt Luefs Jazztett Forum Graz ist ein fester Bestandteil der hiesigen Jazzszene, Luef selbst ein Urgestein. Wir kennen einander seit Jahrzehnten und ich habe schon einige Berichte in Gangway Music Reviews über seine Musik verfasst. Über die zehn hervorragenden Jazzmusiker, allesamt Profis mit eigenen Bands oder im Musikunterricht, braucht man nichts mehr zu sagen, auch deren Schrullen (wie barfuß auf der Bühne zu stehen) sind bekannt.

Cover_35d7230f16Für mich bislang unbekannt war Dorothea Jaburek, eine sehr sympathische kleine Frau mit großer Stimme, die ich auch deshalb erwähne, weil sie nach der Show meine Frage sofort spontan mit einem JA beantwortet hat, ob sie mit uns bei Parkinsong Duets mitsingen würde.

Hier eine Hörprobe, fünf Minuten Live Mitschnitt von gestern Abend, „Between the Walls“, von der gleichnamigen CD, den ich mit meiner nagelneuen ultrakleinen Canon IXUS 190 aufgenommen habe. Viel Vergnügen.

Dorothea Jaburek ist auf Facebook und hat eine ausführliche „hörbare“ Website – www.dorotheajaburek.com

A Page of Madness

Die renommierte Geigerin, Orchesterleiterin und Konzertmeisterin der Chicago Sinfonietta Renée Baker dirigiert das Styrian Improvisers Orchestra (STIO) zum Stummfilm A Page of Madness (1926, Teinosuke Kinugasa, japanischer Horrorfilm).


Renée Baker ist zur Zeit auch die Dirigentin des Aufsehen erregenden Chicago Modern Orchestra Project und seit langem Mitglied des weltbekannten Musikerkollektivs AACM (Association for the Advancement of Creative Musicians). Dabei spielte sie unter anderem mit Nicole Mitchell und George Lewis, im Great Black Music Ensemble und in Anthony Braxtons Creative Music Orchestra.

Das Styrian Improvisers Orchestra besteht bei variabler Besetzung aus 15 bis 25 Musikerinnen und Musikern der Grazer und Wiener Improvisationsszene. Unter den verschiedenen Dirigaten oszilliert das STIO zwischen Freiheit und Struktur, wobei sich virtuose Improvisationen und fragile Klanglandschaften abwechseln.

Do, 30. März 2017, 20:00 Uhr / STOCKWERK / Graz / Austria
RENÉE BAKER & STYRIAN IMPROVISORS ORCHESTRA
A Page of Madness

V:NM | Styrian Improvisers Orchestra | Josef Klammer

2016

“Heite grob ma Tote aus”

Voodoo Jürgens, 2016

Jahresrückblick mit ELP auf dem Plattenteller

Dieses Jahr wurde es mir bewusst. Unsere Generation ist vom Aussterben bedroht, denn mehr und mehr Babyboomer lösen die Verbindung zum Mutterschiff Erde. Der biologische Zerfall ist angelaufen, unsere Wurzeln finden keinen nahrhaften Halt mehr im Boden. Meine Zeitgenossen wandern einer nach dem anderen ab ins Nirwana, oder wohin auch immer, wobei Himmel, Fegefeuer und Hölle schon grundsätzlich ausgeschlossen sind.

Im Jahr 2016 verstarben musikalische Legenden wie David Bowie, Leonard Cohen, Prince oder George Michael. Mit den Songs der ersteren konnte ich mich identifizieren, letztere waren gar nicht mein Geschmack. Aber die wahre Erkenntnis unserer Sterblichkeit liegt in der Tatsache, dass bereits zwei Drittel von ELP tot sind, wie auch Thomas Huber, einer meiner besten Freunde aus der Jugendzeit.

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Durch die Wüste (1980), Rannach (2012) und Kohfidisch Open Air (1977)

In Graz bin ich mit Emerson, Lake & Palmer herangewachsen, die ich 1973 auf meinem allerersten großen Rockkonzert live gesehen hatte. Welcome back my friends, to the show that never ends hat sich in mein Hirn eingebrannt, wie religiösen Menschen die Möglichkeit von unbefleckter Empfängnis. Speziell bei den Zeugen Jehovas, deren Besuche ich damals freudig zuließ, weil ich das nichtsahnende Paar in angeregter Diskussion immer wieder vom „rechten Weg“ abbringen wollte. Das gelang mir zwar nie, war aber eine ausgezeichnete Vorbereitung in Kommunikation und Rhetorik auf das spätere Studium.

Aber zurück zu ELP, dem Anlass zu dieser Betrachtung. Nach dem Konzert haben mir die Ohren vom quadrophonen Klangerlebnis so geglüht, dass ich mir sofort das gleichlautende dreifach-Album gekauft habe und die drei Briten zu meinen Lieblings Progrockern machte. Derart sozialisiert – soweit ich das beeinflussen wollte oder konnte –  habe ich auf unzähligen Openairfestivals in den späten 70er und frühen 80er Jahren guten Rock und freie Liebe gesucht und meine gelb-braun-gestreiften Hosen bekamen vor vier Jahrzehnten dementsprechend oft grüne Flecken auf uneinsichtigen Wiesenstücken.

Heuer ging die Show für ELP doch zu Ende. Keith Emerson starb am 11. März 2016 in seinem Haus in Santa Monica, Greg Lake starb am 7. Dezember 2016 an Krebs. Carl Palmer, Jahrgang 1950, geht es gut. Schlagzeuger leben gesünder.

“A bullet had found him
His blood ran as he cried
No money could save him
So he laid down and he died”

Aus: Lucky Man (Greg Lake)

Hello World

Am 3. April 1996 begrüßte ich die virtuelle Welt mit eben diesen Worten, die auf allen Bildschirmen des damals noch in der Steinzeit befindlichen World Wide Web zeitgleich erschienen. Ich hatte eine “website” am Internet gebaut, in einer Zeit, wo der Mann von der Straße weder wusste, wofür “http://” stand, noch eine E-Mail Adresse zu seinem täglichen Leben gehörte. Doch da war sie, meine erste “homepage”, mit ihr war ich “online” und der Gangan Verlag sichtbar für alle Welt. Zumindest für jene Teile der Welt, die sich den Luxus leisteten, denn man bezahlte noch Unsummen für jede Minute Internetzugang.

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Als Startseite diente eine zentrierte Logo des Verlags, der man mit den damaligen Modem-Geschwindigkeiten beim Laden zusehen konnte, dann gab es einige Seiten Text über unsere Bücher, die durch geheimnisvolle Hyperlinks verknüpft waren, sowie die erste Ausgabe von Gangway, meinem vierteljährlichen Literaturmagazin. Alles noch in selbst erlernter HTML für den neuen Netscape Browser geschrieben, der gerade die erste Version vom März 1995 abgelöst hatte. Interessierte können sich die Entwicklung von gangan.com gern im Internetarchiv WayBackMachine ansehen. Gangway ist in der australischen Nationalbibliothek archiviert.

Vor zwanzig Jahren zählte ich damit zu den Pionieren des Internet, war stolz darauf und beobachtete voller Neugierde, wer sich meine Seiten ansah. Das waren in den 90-er Jahren sicherlich keine Leser zeitgenössischer Literatur, denn ich verkaufte kein einziges Buch. Aber es wurden immer mehr. Meist Computer-Geeks, die damals noch ziellos “surften”, wie man den sinnlosen Zeitvertreib nannte, jedoch keinerlei Interesse am Buchmarkt mitbrachten. Dennoch war ich überzeugt davon, dass das Internet einmal in jedem Haushalt landen würde und aktualisierte meinen Webauftritt parallel zum Fortschritt der Technik und der Programme.

Bei gangan.com und gangway.net ist nichts “von der Stange”, alles ist selbst entwickelt, programmiert und gestaltet. Als ich 1986 auf der Uni Graz Akademischer Medienfachmann wurde, war vom Internet noch keine Spur und es gab praktisch auch keine Ausbildung. Meiner Zeit voraus, habe das Metier weitgehend autonom erlernt und erst 2006 ein Diplom als Web Entwickler am SIT (Sydney Institute of Technology) gemacht. Leider wurde bald darauf meine berufliche Laufbahn mit der Diagnose Parkinson gebremst. Meine Vision, die ich seinerzeit in einem gemieteten Haus in der Whaling Road hatte, hat sich jedenfalls heute im Eigenheim am Jakobsweg mit rund einer halben Million Zugriffen pro Jahr auf meine Seiten längst bewahrheitet.

Ich wünsche mit der völlig neu gestalteten Website viel Vergnügen und eine spannende Entdeckungsreise in alle Ebenen des mittlerweile tausende Seiten umfassenden virtuellen Verlagshauses.

Gerald Ganglbauer
Stattegg-Ursprung, am 15. Februar 2016

whalingroad1996

Ausgegrenzt

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Airbourne am Big Day Out in Perth | Foto © 2011 Gerald Ganglbauer

Graz liegt nicht mehr auf der Landkarte des Rockzirkus

Die jungen Grazer tun einem leid. Sie müssen sich mit Andreas Gabalier zufrieden geben und aus dem Ausland kriegen sie gerade noch Unstimmig ein allerletztes Mal zu sehen. Auf der Landkarte internationaler Tourneen existiert Graz schon lange nicht mehr. Man muss sich sogar Rammstein im Westaustralischen Perth am Big Day Out anschauen oder zumindest nach Wien oder München fahren. Niemand kommt mehr nach Graz.

Zu meiner Zeit waren sie alle hier, von ELP über Dire Straits bis zu Frank Zappa. Auch der große Leonard Cohen. Aber heute gibt es keinen Vojo Radkovic, der sie für Vojo Concerts verpflichtet hätte. Er könnte sich das exorbitante Risiko heutzutage auch gar nicht mehr leisten. Damals ist die Neue Zeit eingesprungen. 2016 traut sich kein Grazer Veranstalter mehr an Rocklegenden, denn selbst ein ausverkauftes Konzert würde die Kosten nicht decken und die Stadt Graz erachtet Popkultur nicht als förderungswürdig. Ohne private Sponsoren bleibt es halt bei Gabalier. Sorry, Graz.

7×7+1=50

Der steirische herbst wird fünfzig

Vor rund 30 Jahren war Horst Gerhard Haberl dafür verantwortlich, dass ich als sein Student die Prinzipien von Werbung und PR verstand. In seiner Vorlesung an der Uni war mir nie fad, aber was dem Vater von Franz (HUMANIC)  nun als Logo für 50 Jahre steirischer herbst eingefallen ist, kann ich nur schwer nachvollziehen. War der Poststempel der letzten Jahre schon fad geworden, sind mir derlei Zahlenraster aus diversen Kalender Apps viel zu geläufig um einzigartig und unverwechselbar zu sein.

Druck

Typografisch ist die Helvetica, vom Grafiker Max Miedinger auf der graphique 57 für den Handsatz veröffentlicht, im Jahr 2017, nach 60 Lebensjahren als Hausschrift vieler Firmen allgegenwärtig, ebenso fad geworden. OK, ich gebe zu, dass viele Schriften schneller altern, die American Typewriter aus dem Jahr 1974 zum Beispiel, die ich Anfang der 80er noch im Kalenderteil unserer Jahrbücher einsetzte, ist längst verschwunden. Vielleicht weil sich heute keiner mehr an mechanische Schreibmaschinen erinnert? Nur, wozu lange über ein Logo reden.

Es geht ja schließlich um den Inhalt der Werbebotschaft. Und warum sollte sich ein Avantgarde Festival  in seiner visuellen Kommunikation immer wieder neu erfinden müssen? Weil Avantgarde seiner Zeit voraus sein sollte, wäre eine der möglichen Antworten, ist aber nicht die einzige. Genug.

Die Kinder der Toten

Es geht ja auch rückwärts mit viel Freude voraus. Nehmen wir das herbst-Freunden von den Life and Times Episoden gut bekannte Nature Theater of Oklahoma und mixen wir es mit Elfriede Jelineks Roman Die Kinder der Toten, der 1995 bei Rowohlt erschienen ist und 1996 mit dem Bremer Literaturpreis ausgezeichnet wurde, was seinerzeit in Australien völlig an mir vorüber gegangen war.

Kelly-Copper-Pavol-Liska-Nature-Theater-of-OklahomaKelly Copper & Pavol Liska vom Nature Theater of Oklahoma

Der Roman ist neben dem Internetroman Neid Jelineks umfangreichstes Werk und ist berüchtigt für seine Figurenvielfalt, seine verschlungenen Handlungsstränge und seine ironisch-zeitkritischen Querverweise. Gattungsspezifisch ist er dem postmodernen Roman und der Schauerliteratur zuzurechnen. Jelinek selbst bezeichnet ihn als einen „Gespensterroman in der Tradition der gothic novel“, kann man erfahren.

Untote und der Holocaust formen also die Asche, aus der Avantgarde entstehen soll und für dessen Besetzung 666 lebende Menschen gesucht werden. Im steirischen herbst HQ hat das Casting schon begonnen und auch ich habe mich selbstlos angemeldet, am Film- und Performance-Projekt in Neuberg an der Mürz mit Kelly und Pavol (leider ohne Kristin Worrall) mitzuwirken. Eine kleine Rolle hoffe ich zu bekommen, denn mit meinem Parkinson spiele ich einen Zombie bestimmt sehr überzeugend!

Informationen und Anmeldungen:
kinderdertoten@steirischerherbst.at
+43 664 24 500 85
www.steirischerherbst.at