Der letzte Artikel

Ein Hinweis auf die am 15. Jänner 2021 erschienene erste und die zweite, erweiterte Geburtstagsausgabe des GANGWAY Kulturmagazins auf Papier, 100 bzw. 120 Artikel aus den Stattegger Jahren, ist gleichzeitig auch der letzte Beitrag dieses Blogs.

Gangway: Die Stattegger Jahre, erschien an 24. Februar 2021, meinem 63. Geburtstag

Wenn man die ONLINE Ausgaben gelesen hat, gibt es inhaltlich keine Überraschungen auf den 168 bzw. 200 Seiten, aber ich muss zugeben, dass so ein gedrucktes Buch im Großformat beim Durchblättern schon einen mächtigen Eindruck macht, so bunt und dick es ist – und eben aus Papier. Das Layoutieren war ein walk down memory lane, wo die Besuche der einzelnen Veranstaltungen im Kopf wieder lebendig wurden. Gangway ist eine schöne Erinnerung, die man nun mit einer Spende erwerben kann – und zugleich Gutes damit tut.

Editorial der Printausgabe

Als einer der frühen Netz-Pioniere publiziere ich nun schon seit 25 Jahren im “neuen” Medium. Am 3. April 1996 erschien das erste Gangway, zuerst vierteljährlich, dann in loser Folge als Weblog. Ursprünglich Literaturzeitschrift des Gangan Verlags, entstan-den daraus im Lauf der Zeit vier Journale: das Gangway Cult-Mag (seit 2001 als Blog) und das Gangan Lit-Mag (bis 2019 50 Ausgaben), sowie die Gangan Reviews (seit 1999, Bücherliste hrsg. von Petra Ganglbauer) und Gangway Reviews (Rezensionen von Musik Alben, 2013).
Der Verlag (und ich) hatten von 1989 bis 2013 den Hauptsitz in Sydney, daher waren Beiträge zweisprachig. Mein aktueller Standort ist deutschsprachig, daher sind englischsprachige Artikel mit einer Ausnahme hier nicht enthalten.

Die Artikel in dieser Sammlung sind allesamt online publiziert, aber nicht in Print erschienen. Das wird hiermit nachgeholt. Weil ich krankheitsbedingt den Verlag zusperre, werden keine neuen Beiträge folgen.

Kurze Reisen etwa nach Ägypten, Griechenland, Spanien oder Berlin haben mittlerweile die Langstreckenflüge ersetzt. Material war also das steirische Kulturangebot, das im Vergleich mit Metropolen wie Perth und Sydney im Großstädtchen Graz gar nicht so schlecht war.
Mit diesem Band möchte ich auf meine journalistische Arbeit hinweisen, aber auch zeigen, wie langsam aber unaufhaltsam sich die Parkinson Krankheit in mein Leben geschlichen hat und es bestimmt.

Die 200 Seiten sind also einerseits die Dokumentation einer reichlich illustrierten Revue der Kulturlandschaft bis zur Pandemie, andererseits ein Spendenaufruf zu Gunsten der Parkinson-Forschung. Sie zeigen meinen Kampf mit der Krankheit und sind natürlich auch eine schöne Erinnerung.

Bedanken will ich mich noch ganz herzlich bei Ekaterina Deagot, Willi Eisenberger, Fergus Grieve, Otmar Klammer, David Kranzelbinder, Berndt Luef, Nikola Milatovic, Heide Oberegger, Stephanie Obrist, Peter Purgar, Natalie Resch und Werner Schrempf (habe ich jemanden vergessen?) für Beiträge in Wort und Bild.

Gangway gibt es nicht zu kaufen, aber eine großzügige Spende unterstützt die Parkinson Forschung durch Awards und Stipendien.

Gerald Ganglbauer
Stattegg, 14. Februar 2021

Ein Non-Profit Projekt

GANGWAY wird nicht über den Buchhandel vertrieben, sondern ist in limitierter Edition gegen eine Spende von € 20 aufwärts für PARKINSONG.ORG per Bankanweisung oder PayPal Link zu haben. Solange der Vorrat reicht. Erträge fließen in die Parkinson-Forschung, konkret in Travel Grants für YOPd Betroffene und Forscher zur Welt-Parkinson-Konferenz in Barcelona, 2022. Mehr Einblicke gibt es auf PARKINSONG.ORG.

Spendenkonten: PayPalhttps://paypal.me/Parkinsong
ING Bank Austria – IBAN: AT35 1921 0204 0700 1003

100 Artikel in Print, noch mehr online

Ich hatte Gangway seit 1996 in HTML programmiert, komplexeren Code und Design später mit Macromedia Dreamweaver gestaltet und im Hinblick auf eine leichtere Übergabe der Website 2016 Beitrag für Beitrag erst auf eine von WordPress gehostete Datenbank migriert. Dort waren noch alle Artikel vollständig, auch die Englischen, wie zum Beispiel über die Sydney Opera oder die Access Gallery in der Dank Street, habe dann zwar auf gleich 10 selbst gehostete Datenbanken aufgerüstet, aber mit neuem Standort Stattegg nur mehr die deutschsprachigen Beiträge migriert.

Im Sampler habe ich alle Stattegger Beiträge ab 2014 vollständig abgedruckt und mit einigen früheren auf genau 100 Artikel ergänzt. Online finden sich auch noch extra Bilder und Videos, die ich zum Teil mit QR Code zu meinem YouTube Kanal verlinkt habe, sowie deutschsprachige Beiträge vor 2014, wie zum Beispiel über Opus, das Klanghaus Untergreith oder Konzerte auf der Rannach und in der Auster. Print und Online Ausgaben ergänzen einander nun perfekt.

Gerald Ganglbauer
Herausgeber

Die Kultur in den Zeiten von COVID-19

Alles absagen, verschieben? Nein. Lassen wir uns von Gabriel Garcia Marquez inspirieren. Die Liebe in den Zeiten der Cholera war größer als die Krankheit. Auch das verrückte Jahr 2020 konnte die Kreativität der Künstler Community mit einer Pandemie nicht brechen.

Max Höfler präsentiert das GANGAN Lit-Mag im Livestream

Am 25. März 2020 war im Forum Stadtpark Graz die lange vorausgeplante GANGAN Lit-Mag Präsentation im Kalender eingetragen, für den 8. Oktober 2020 war ein Parkinson Benefizkonzert im Lässerhof plakatiert. Beides durfte nicht über die Bühne gehen, die Schachteln voller Literaturmagazine lagern noch im Keller und auf ein virenfreies Konzert hätten wir bis Ende Februar 2021 (oder noch länger) warten müssen.

Die Spatzen (und Babyelefanten) pfeifen es von allen Dächern, was auch im Eventprogramm des Wiener Falter zu lesen ist: „Wegen der aktuellen COVID-19-Verordnung der Regierung sind alle Veranstaltungen bis auf weiteres abgesagt!“ Das können wir doch nicht so unwidersprochen akzeptieren. Tun wir auch nicht.

Das Benefizkonzert wurde von 8.10.20 auf 27.2.21 verschoben

Am Abend der verbotenen Veranstaltung präsentierte Gastherausgeber Max Höfler spontan das neue Heft in einem Facebook-Stream aus seinem Wohnzimmer und erreichte hunderte interaktive Zuseher. Tags darauf haben die Zeitungen Livestreams adaptiert. Das Benefizkonzert schenke ich mir zu meinem Geburtstag mit einem professionell gefilmten Livestream für alle Welt von Peter Droneberger mit GRAZCONNECTED am Samstag, 27.2.21 19:00 UTC+01, wenn STATTEGG ROCKT.

So entsteht aus einer ursprünglichen Einschränkung durch den Corona Lockdown etwas sogar noch Größeres. Kultur ist Leben.

Gerald Ganglbauer
Executive Producer
PARKINSONG.ORG

Ingomar – Versuch eines Nachrufs

Foto: KK

Ungleiches gesellt sich

Nova-Spa Stammgäste kannten Ingomar und schätzten seine Gesellschaft seit Jahren. Er war ein Mensch, der auf alle offen zuging und man merkte sich seinen ungewöhnlichen Namen. Den Damen wird er wegen seiner unprätentiös versprühten, charmanten Komplimente in Erinnerung bleiben, den Männern durch anspruchsvolle Gespräche über Gott und die Welt. Obwohl er und ich in Religionsfragen diametral auseinander liegende Positionen vertraten, wuchs aus Ungleichem gegenseitige Wertschätzung und Freundschaft. Die Welt interessierte uns beide. Ingomar hat wahrscheinlich als einziger Saunagast jedes meiner Bücher gelesen. Ich hatte ihm, der sich aus Facebook und Co. nichts machte, vor Jahren einen kleinen Webauftritt für seine KMB-Reisen bei Gruber gebaut, denn für ihn stand „KMB“ für „Kultur mit Begegnung“.

Tief betroffen hat die KMB-Steiermark die Nachricht aufgenommen, dass ihr langjähriger Vorsitzender, Prof. Ingomar Tratz, verstorben ist.

Katholische Männerbewegung

Bildung war ihm ein wichtiges Anliegen, dem pensionierten Religionslehrer des BG/BRG Carneri, KMB Bildungsreiseleiter und Ost-Mitteleuropa Kenner. Auf der URANIA Website liest man lapidar zu Prof. Ingomar Tratz: „Zur Zeit keine Kurse vorhanden“. Den Dozent wird man ersetzen, den Mensch in Erinnerung behalten. Ruhe in Frieden, mein Freund.

Gerald Ganglbauer

Jazz Festival Leibnitz 2020

Pannonica (Gina Schwarz) live im Kulturzentrum Leibnitz

Was für ein Fest! Das 8. Jazz Festival, das „Ausnahmefestival“, das Otmar Klammer und Isabella Holzmann in Zeiten der Pandemie auf die Leibnitzer Bühnen gebracht haben, wurde eine großartige, ausverkaufte Erfolgsgeschichte, dank sieben Bands, allesamt einheimischer Provenienz, den vielen südsteirischen Helferinnen und Helfern, die eine virenfreie Umgebung garantierten und dem treuen Publikum, das im geschätzten Altersdurchschitt jenen von den jungen Musikern der nächsten Generation verdoppelte.

Das Virus hielt sich von Leibnitz fern, zumindest nach meiner „STOPP Corona“ App und das scheint tatsächlich dem erzwungenen „Glücksfall“ (so Otmar Klammer) zu danken, das ursprünglich geplante internationale Aufgebot auf das nächste Jahr zu verschieben und den Massstab auf Austrian Jazzlines zu verkleinern, ohne dabei Qualität einzubüßen.

Kulturzentrum Leibnitz

Und so war es in der Tat, viele und verschiedene Künstler begeisterten das Publikum. Ich sage absichtlich „verschiedene“, weil manche in zwei oder gar drei Bands mitwirken und wie mir der Tompeter Mario Rom sagte, dessen Album Mario Rom’s Interzone – Truth Is Simple To Consume ich vor einiger Zeit besprochen hatte, wie gut es sei, auf Festivals nicht Bands, sondern Musikerfreunde zu treffen. Der Schlagzeuger Niki Dolp meinte beim Frühstück, dass der Grund dafür ein finanzieller Druck sei. Ich hatte die halbe Band Jakob Gniglers erst um halb Eins ins Hotel gebracht, da wartete um dreiviertel Acht bereits ein Taxi und am Sonntag trommelte er schon wieder mit Shake Stew.

Grottenhof

Der Sonntag zeigte sich wettermäßig von knallharter Sonne bis zu zarten Regentropfen als sehr wechselhaft, musikalisch in zwei Sets aber als totalen Ohrenschmaus, den die sieben Herren, später vom Blues Gitarristen Christopher Pawluk unterstützt, konstant groovig servierten. Ich werde übrigens Gnigler und Shake Stews neueste Alben Shake Stew – (A)live! und Gnigler – Straight On, Downstairs, 2nd Door Left im Musikteil besprechen.

Insgesamt waren es drei aussergewöhnlich schöne Tage mit dem Medikament „Jazz Live“, das fast ohne Nebenwirkungen der Seele in 2020, einem der seltsamsten Jahre meines Lebens, wohl taten, auch wenn sie durch die späten Stunden dem Körper viel abverlangten. Gerne würde ich 2021 das 9. Jazz Festival Leibnitz (30.9. bis 4.10.2021) noch erleben.

Wozu (noch) Literatur?

perspektive 100 | 101

Wortlaut im Forum Stadtpark Graz

Ich bin schuld. Ich bin schuld, dass die Veranstaltung bis nach Mitternacht gedauert, ja dass sie überhaupt stattgefunden hat. Ich bin deshalb schuld daran, weil ich es war, der diese perspektive gemeinsam mit Alfred Ledersteger vor 38 Jahren als ein von den etablierten manuskripte deutlich zu unterscheidendes Medium im Underground begonnen hatte, und das bis jetzt, mit etlichen wechselnden Herausgebern, überlebt hatte und 100 Nummern alt geworden war.

Natürlich gab es viel zu sagen über 100 Hefte für zeitgenössische Literatur, ursprünglich junge, zeitgenössische Literatur, also geschätzte 60 bis 80 Hefte, wenn man die vielen Doppelnummern berücksichtigt. Da steckt jede Menge ehrenamtliche „labour of love“ drin. Ich weiss das sehr gut, habe ich doch 1988 (Gangan Viertel) und 1996 (Gangan Lit-Mag) wiederum selbst Zeitschriften gegründet und erst im Vorjahr mit der Jubiläumsausgabe #50 eingestellt. Aus bekannten gesundheitlichen Gründen.

Die Präsentation im Forum Stadtpark Graz startete um 18 Uhr, lief über gut sechs Stunden mit Pause fürs Abendessen, das machte auch die-hard Teilnehmer ziemlich streichfähig. Nach haltlos überzogenen „15 min“ Beiträgen der Autorinnen und Autoren erhielten die Herausgeber (Foto v.l.n.r. Robert Steinle, Silvia Stecher, ich, und mischen, ein Nachwuchs Lit-Mag aus Wolfsberg) um Mitternacht das Wort und stellten sich in einer Podiumsdiskussion den verschiedenen Perspektiven der Frage: „Wozu (noch) Literatur?“

Das Publikum war wohl schon zu Bett gegangen oder rauchte vor der Tür, das verbliebene Häufchen waren Autoren, die sich natürlich in der Gegenfrage gefielen. Und so blieb eine philosophische Auseinandersetzung mit dem Thema in dieser Nacht weitgehend aus und man begnügte sich mit einigen Anekdoten aus der Geschichte der perspektive seit 1982. Dann um 1:30 endlich ins Bett, die Schachtel mit zum Verkauf mitgenommenen Exemplaren stellte ich unverkauft zurück ins Lager.

Im Heft 100 | 101 2020, das derzeit von Silvia Stecher (Graz), Ralf B. Korte (Berlin) und Nora Tunkel (Wien) herausgegeben wird, sind auf 140 Seiten vermutlich Antworten nachzulesen, denn „wozu (noch) literatur?“ war schließlich auch das Motto der Doppelnummer.

Mehr unter perspektive.at.

In Gedenken an Helmut Schranz, 1963 – 2015

Focus ( ) Malerei

Georg Dinstl, Catrin Manoli, Markus Pippan, Verena Preininger

KUNSTHALLE GRAZ

Malerei ist nicht meins, ich kann bestenfalls sagen, ob mir ein Bild gefällt oder nicht. Die Kuratoren der KUNSTHALLE GRAZ hingegen sind bestimmt Kunstgeschichtler, die wissen, wer heiß ist unter zeitgenössischen Malern. Daher keine Review, sondern nur ein Hinweis auf die Ausstellung, um sich dort selbst ein Bild zu machen.

Im Brennpunkt der Ausstellung steht die Malerei. „Farbintensiv und betont gestisch: Vier steirische Künstlerinnen und Künstler präsentieren ihre Malerei in Verläufen von Abstraktion bis zum Informel. Die ungeminderte Kraft des bewährten Mediums eröffnet nach wie vor neue Aspekte.“

KUNSTHALLE GRAZ
Conrad-von-Hötzendorfstraße 42a
8010 Graz

Eröffnung: 15. September 2020, 17.00 bis 21.00 Uhr
Dauer: bis 06. Oktober 2020

Öffnungszeiten: DI, DO, FR von 17.00 – 20.00 Uhr, MI von 17.00 – 21.00 Uhr
an Sonn- und Feiertagen geschlossen

2084 oder Hey Siri, spiel mir mein Genre

Genres auf Knopfdruck: Einheitsbrei im Wunschkonzert

Ich hatte einen Traum. Mir träumte von der Zukunft, 100 Jahre nach Nineteen Eighty-Four. Es war ein schlechter Traum, aber ich werde bis 2084 schon von Würmern zerfressen oder verbrannt worden sein und das Schicksal aller Bücher aus Papier und aller Tonträger daher nicht mehr teilen: die vollständige Digitalisierung.

Der Feind ist nicht die Technik per se, es droht uns keine totalitäre Überwachung, wie seinerzeit unter Metternich und auch George Orwells „Großer Bruder“ ist längst nicht mehr die große Gefahr. Wir selbst sind es. Wir lassen die Schubladisierung aller Kreativität und „Unterhaltung“ in sogenannte Genres zu. Was seit den 1970er Jahren aus den USA im Bereich Computerspiele einfließt, wird auf alle Künste emsig angewandt. Damit schränken wir uns zunehmend und freiwillig auf immer mehr Normierungen ein.

Genres sind enge Behälter, wo nur drin sein darf, was genau hineinpasst. Alles nicht Passende hat schon jetzt bei DJs und in Bücherregalen keinen Platz mehr und existiert damit de facto nicht. Gemischter Satz von Walter W. Hölbling wird nirgends in einer Auslage stehen, so schön der Gedichtband auch ist, weil das Genre „Lyrik“ in einer Ecke steht, eine CD mit Parkinsong Duets wird von Radiostationen nicht in ihre Jukebox geladen und On Air gehen, weil so unterschiedliche Lieder kein einheitliches Genre haben.

Die Programmierung eines kommerziellen Radiosenders wie Ö3 wird immer enger, was zur Folge hat, dass immer weniger Titel in seiner Playlist sind, da nur ein Genre gestattet ist: „Pop“. In der Musik ist das offensichtlicher als in der Literatur. Hat ein Album in seiner digitalen Information nicht das passenden Genre im Code, wird es nicht gespielt, auch nicht auf Hörerwunsch. Die Bücher der jungen Autorin Barbara Ladurner passen in keine Schublade, also bleibt sie unsichtbar.

Bücher zu verbrennen wie in Ray Bradburys “Fahrenheit 451” wird durch das fortschreitende Aussterben der Buch- und Plattenläden wegen mangelnder Nachfrage gar nicht mehr nötig sein. Den Verlust der Freiheit der Kunst, also jeglichen individuellen Ausdrucks auf Papier, Vinyl oder Plastik verdanken wir der freien Marktwirtschaft. Ohne abgesicherte Kunstförderung führt der Weg aller Kunstschaffenden in den Abgrund der Genres digitaler Content Provider und ihrer allmächtigen Monopole.

Welche Konsequenzen werden sich daraus ergeben, wenn wir nicht rechtzeitig gegensteuern? Ein langsames spurloses Verschwinden von Büchern und Tonträgern, weil dann nur mehr Einheitsbrei geschrieben und verlegt, Musik nur mehr für digitale Genres produziert wird.

Im Jahr 2084 tragen wir bestimmt schon Armbänder, die unseren Bedarf an Unterhaltung mit Output künstlicher Intelligenz befriedigen. Da werden keine Texte einzelner Schriftsteller oder Kompositionen realer Musiker abgerufen, sondern nur mehr Genres. Wie aus einem Trichter, in den vorprogrammierte Inhalte aus allen Schubladen hinein entleert werden und unten am Bluetooth Kopfhörerausgang als Buchstabensalat oder akustischer Brei herauskommen, der drahtlos via implantierter Hörgeräte direkt in unser Hirn eingespielt wird. 

Science Fiction ist ein Albtraum für Kreative. Zukünftige Konsumenten kaufen keine Alben einer Band oder Bücher eines Autors, nein, sie abonnieren Content, also Inhalte nach Kriterien wie Rhythmen, Tonreihen, Wortschatz etc.

Man hat in Realzeit eines von hunderten Genres auf seinem Handgelenk, Massenproduktion nach exakt definierten Parametern. „Hey Siri, spiel Industrial Metal“ und sofort erdröhnen dir im Schädel synthetische Riffs, die früher einmal von Bands wie Rammstein auf Instrumenten gespielt und auf Tonträgern verkauft wurden. „Du hörst jetzt Musik aus dem Genre Industrial Metal und allen Subgenres. Enjoy!“

„Oida, das ist doch cool“, wird die Jugend sagen.

Mir wird es erspart bleiben.

Siehe auch: https://www.gangway.at/kultur/ich-hasse-schubladen/

Ich hasse Schubladen

Ein Genre (von frz. genre für Gattung bzw. Stil) klassifiziert typische Merkmale erzählerischer literarischer oder filmischer Werke, wird aber auch längst in der Musikwissenschaft und in der Spielwissenschaft verwendet. Seit den 1970er Jahren hat sich, von den USA ausgehend, der Begriff als Mittel zur einfacheren Katalogisierung im Zug der Digitalisierung überall breit gemacht. Ich hasse diese Schubladen, weil da vieles oft nicht eindeutig reinpasst, das dann in den Zwischenräumen verschwindet. Die analoge Welt lässt sich eben nur sehr ungern in eine Matrix aus „0“ und „1“ zwingen.

Beispiele aus der Musikwissenschaft

Blues | Atlanta Blues | Bluesrock | Britischer Blues | Chicago Blues | Country Blues | Delta Blues | Detroit Blues | Electric Blues | Fife and Drum Blues | Hokum | Jump Blues | Louisiana Blues | Memphis Blues | Piedmont Blues | Rootsmusik | St.-Louis-Blues | Swamp Blues | Swamp Rock | Texas Blues | Urban Blues | Vaudeville-Blues | West Coast Blues | Country-Musik-Stil‎ | Alternative Country | Bakersfield Sound | Blue Yodeling | Bluegrass | Cajun-Musik | Country Blues | Country Boogie | Country-Rock | Honky Tonk | Nashville Sound | Neo-Traditionalismus | New Country | Outlaw-Bewegung | Red Dirt | Rockabilly | Roots Rock | Rootsmusik | Southern Rock | Swamp Rock | Tex-Mex | Texas Country | Urban Cowboy | Western Music | Western Swing | Zydeco | Dark Music‎ | Dark Cabaret | Dark Rock | Dark Wave | Death-Rock | Electro | Electro Wave | Future Pop | Gothabilly | Gothic Metal | Gothic Punk | Gothic Rock | Industrial Dance | Industrial Rock | Mittelalter-Rock | Neofolk | Neue Deutsche Härte | Neue Deutsche Todeskunst | Pagan-Folk | Rhythm ’n’ Noise | Swiss Wave | Disco‎ | Euro Disco | Hi-NRG | Post-Disco | Digital Emotion | Munich Sound | Elektronische Musik‎ | Folk-Genre‎ | Anti-Folk | Balkan-Pop | Bordunmusik | Bretonische Musik | Deutschfolk | Filk (Musik) | Folk Metal | Folk-Punk | Folk-Rock | Folktronica | Indie-Folk | Irish Folk | Irish Rebel Music | Keltische Musik | Klezmer | Neofolk | New Weird America | Old-Time Music | Pagan-Folk | Psychedelic Folk | The Psychedelic Sounds of the 13th Floor Elevators | Rootsmusik | Serbische Brass-Musik | Tallava | Tschalga | Turbo-Folk | Stilrichtung des Funk‎ | Deep Funk | Electro Funk | Funk Metal | Funkeado | P-Funk | P-Funk-Mythologie | Hip-Hop‎ | Afrikanischer Hip-Hop | Alternative Hip-Hop | Bongo Flava | Boom bap | Britcore | Britischer Hip-Hop | Chipmunk Soul | Cloud Rap | Conscious Rap | Deutscher Hip-Hop | Down South | Eastcoast-Hip-Hop | Electro Funk | Freestyle-Rap | G-Funk | Gambischer Hip-Hop | Gangsta-Rap | Grime | Hardcore-Rap | Hip House | Hiplife | Hipster-Rap | Horrorcore | Japanischer Hip-Hop | Jazz-Rap | Kwaito | Latin Hip Hop | Miami Bass | Nerdcore | New Jack Swing | NS-Rap | Polnischer Hip-Hop | Pop-Rap | Portugiesischer Hip-Hop | Rio Funk | Scratchen | Screw | Senerap | Trap | Türkischer Hip-Hop | Westcoast-Hip-Hop | Zeckenrap | Jazz-Stil‎ | Acid Jazz | Archaischer Jazz | Avantgarde-Jazz | Bebop | Cape-Jazz | Chicago-Jazz | Cool Jazz | Dark Jazz | Dixieland | Electroswing | Ethno-Jazz | Exotica | Flamenco Jazz | Free Jazz | Fusion | Gypsy-Jazz | Hard Bop | Highlife | Imaginäre Folklore | Jazz-Rap | Jazzfunk | Jungle Style | Kansas-City-Jazz | Kaseko | Kwela | Latin Jazz | Mainstream Jazz | Marabi | M-Base | Modaler Jazz | Modern Creative | Modern Jazz | Neobop | Neoswing | Neue Improvisationsmusik | New-Orleans-Jazz | Nu Jazz | Pop-Jazz | Post Bop | Progressive Jazz | ScatSka-Jazz | Smooth Jazz | Soul-Jazz | Straight-ahead-Jazz | Stride-Piano | Swing | Third Stream | Traditional Jazz | Vocalese | West-Coast-Jazz | Lateinamerikanische Musik‎ | A media luz | Adiós muchachos | Afrokubanische Rumba | Bachata | Bachatango | BambucoBolero | Boogaloo | Cachua | Calypso | Candombe | Canyengue | Cayambe | Chacarera | Chamamé | Champeta | Corrido | Cortina | Cuarteto | Cumbia | Cumbia Andina | Cumbia Electrónica | Cumbia Romántica | Cumbia Villera | Danzón | Duranguense | El Choclo | Electrotango | Exotica | Guajira | Guaracha | Habanera | Huaino | Joropo | Kaseko | Kompa | La Cumparsita | Latin Hip Hop | Latin House | Latin Jazz | Latin Pop | Latin Rock | Mambo | Mariachi | Marinera | Merengue | Mestizo-Musik | Milonga | Murga | Norteña | Nueva Trova | Punta | Punta Rock | Rara | Reggaeton | Rumba | Salsa | Saya | Soca | Son Cubano | Son montuno | Songo | Tango | Tango Argentino | Tango de Salon | Tango Nuevo | Tex-Mex | Timba | Vallenato | Vals peruano | Zouk | Metal‎ | Alternative Metal | New Wave of American Heavy Metal | Black Metal | Blackgaze | Christlicher Metal | Dark 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Siehe auch: https://www.gangway.at/kultur/2084-oder-hey-siri-spiel-mir-mein-genre/

Ekaterina Degot

Eröffnungsrede zum steirischen herbst ’18

Europaplatz Graz, 20.9.18

steirischer herbst
20.9.–14.10.18

Ekaterina Degot © steirischer herbst

Der Platz, auf dem wir uns heute versammeln, heißt Europaplatz. Manche von Ihnen wissen das vielleicht gar nicht, denn dies ist offenkundig und unverkennbar ein Bahnhofsplatz. Genau so hieß dieser Platz auch, bevor er 1972 voller Stolz zum Europaplatz aufgewertet wurde. 1972 war ein Jahr des Optimismus, denn in der Politik gab mit Willy Brandt, Olof Palme und Bruno Kreisky ein starkes sozialdemokratisches Trio den Ton an. 1972 war ein gutes Jahr für das europäische Projekt.

Tatsächlich gibt es viele Europaplätze in Europa, die seltsamerweise oft an Bahnhöfen liegen, als befinde sich Europa stets anderswo und immer mindestens eine Zugreise weit entfernt. Nicht anders ist es in Berlin und Wien. Europaplätze sind in der Regel Nicht-Orte. Man kann ihren Namen kaum behalten und sie nicht einmal als Plätze im Gedächtnis bewahren. Sie sind Übergangszonen, Rundkurse der Migration, Rennbahnen für Aufbrechende und Neuankömmlinge, Heimat der Vertriebenen und von sich selbst Entrückten, sowie der Heimwehkranken und der Obdachlosen.

Als ich eingeladen wurde, den steirischen herbst zu leiten, und im vergangenen Jahr in dieser Funktion erstmals nach Graz kam, war ich mir schon im allerersten Augenblick sicher, dass das Festival nirgendwo anders beginnen kann als hier – im öffentlichen Raum und in einem Teil der Stadt, der einstweilen noch nicht zu ihrer bevorzugten Lage gehört. Ich wollte, dass wir den Anfang in diesem Durchgangsraum machen, dass wir uns versammeln, wo Einheimische und Außenseiter, Österreicherinnen und Österreicher und Fremde durcheinanderströmen und allesamt einer Unbeständigkeit anheimfallen, die für so manche ein Dauerzustand ist.

Während diese Rede in den vergangenen Tagen allmählich in meinem Kopf Gestalt annahm, suchte ich nach einem Anfang jedoch lange Zeit vergeblich. Ich fragte mich, wen ich eigentlich ansprechen wollte. Sollte ich mich an die „lieben Besucherinnen und Besucher des Festivals“, an meine „lieben Freunde und Kolleginnen“ oder gar an die „geschätzten Pressevertreter, Sponsorinnen und Unterstützer“ wenden? Sollte ich außerdem noch – oder stattdessen – versuchen, die Aufmerksamkeit zufälliger Passanten auf diesem Bahnhofsvorplatz zu gewinnen? Dieser Vorbeieilenden, die uns auf dem täglichen Weg von oder zu ihrem harten Tagwerk mitsamt ihrem schweren Gepäck anrempeln?

Sie erraten es schon: Mir geht es um diese Passanten. Denn auch wir selbst gehören schon zu ihnen und sind nicht mehr nur „liebe Besucherinnen“ oder „werte Gäste“, sobald wir uns dem Umzug der großartigen, furchtlosen Künstlergruppe Bread & Puppet Theater anschließen. Wir werden der mitreißenden Gewalt der Kunst erliegen und dem Vertrauen in unser eigenes besseres Selbst nachgeben, dem sich diese Gruppe verpflichtet weiß. Wir können nicht die „lieben Zuschauer“ sein und in dieser passiven Rolle verharren. Wir werden selbst zu einem Teil des Kunstwerks und verleihen ihm mit unserem eigenen Körper Gestalt.

Passantinnen und Passanten also. Aber wie soll ich diese, Sie, uns alle ansprechen? Doch nicht mit „Meine Damen und Herren“, und auch nicht als „liebe Freunde und Kolleginnen“, denn noch während ich das murmele, sind sie alle längst auf und davon.

Es gibt eine überall anerkannte Form der Ansprache, die mir in dieser Situation angemessen erscheint: „Verzeihung, dürfte ich Sie etwas fragen?“ – „Entschuldigen Sie, können Sie mir sagen, wo die Straßenbahnhaltestelle ist?“ – „Verzeihung, interessieren Sie sich für zeitgenössische Kunst?“ – „Entschuldigung, sind Sie für Einwanderung oder dagegen?“ – „Gestatten Sie eine Frage: Horten Sie Nazi-Devotionalien in Ihrer Wohnung?“ – „Verzeihung, sind Sie einverstanden mit dem Spruch ‚Tod dem Faschismus, Freiheit für das Volk!‘?“ – „Entschuldigung, sind Sie für Conchita oder für Gabalier?“

Solche Fragen werden wir Ihnen im Verlauf dieses Festivals stellen. Also verzeihen Sie mir bitte, falls und dass ich Sie anspreche. Bekanntlich soll man heute schriftlich um Erlaubnis fragen, bevor man jemanden anruft. In diesem Sinn bitte ich hiermit um Ihre Erlaubnis, mich direkt an Sie zu wenden: jetzt und in den kommenden Jahren, in der aktuellen und in künftigen Ausgaben des steirischen herbst. Wir wollen mit Ihnen reden über das, was für uns alle von Bedeutung ist. Wir wollen Sie – und das ist Teil des Spiels – in die prekäre Lage bringen, sich vielleicht von uns gestört zu fühlen.

Zugegeben: Es kann sehr lästig sein, wenn man von jemandem angesprochen wird. Ich bin die erste, die ihre Ruhe braucht und in Frieden gelassen werden will. Mir ist auch klar, dass Kunst stören und manchmal unerfreulich sein kann. Aber genau so soll Kunst eigentlich sein. Sie sollte unsere Überzeugungen erschüttern und eine andere Sicht auf die Dinge unterbreiten. Sie sollte zerstörend Neues schaffen. Manchmal, wenn wir Glück haben, geht sie dabei so weit, dass unser Leben hinterher nicht mehr dasselbe ist.

Hier setzt der neue steirische herbst an. Er nennt sich Volksfronten und handelt von den politischen Widersprüchen und Gegensätzen unserer Zeit. Wir alle sind Tag für Tag und in jedem Augenblick darin verstrickt. Die Widersprüche und Gegensätze sind gesellschaftlicher Art. Sie haben mit Ungleichheit und vorenthaltenen Lebenschancen zu tun. Sie brüten und nähren die Würmer des Faschismus. Unterdessen geraten wir auf eine falsche Fährte. Man erzählt uns, dass es in diesen Gegensätzen und Kämpfen um Kulturen, Religionen oder Rassen gehe, dass sie den geschniegelten und gebügelten, überkommenen Identitäten unserer Vorfahren und ihrer angeblichen Unvereinbarkeit mit den geringfügig anders geschneiderten Identitäten gewisser anderer entspringen.

Das ist nicht wahr, und es hindert uns, gemeinsame Sache zu machen. Dieser Verhinderung wollen wir mit dem Begriff Volksfronten unter Einbeziehung des darin mitschwingenden Unbehagens entgegentreten. Eigentlich ist die Sache ganz einfach. Nicht einfach sind die reichhaltigen, komplexen, vielschichtigen künstlerischen Gesten, die daran anknüpfen – die Projekte, Performances, Installationen und philosophischen Debatten. Wir hoffen, dass Sie sich Zeit für sie alle nehmen werden. Seien Sie mit uns in diesen drei leidenschaftlichen Wochen! Wir hoffen, uns in den kommenden Jahren mit Ihnen auf viele weitere geistige Wagnisse einzulassen.

Stefan Weber ist tot

Die Jüngeren wissen vielleicht nicht, woher sie den Namen kennen sollten, für meine Generation war er der komplett überdrehte schrille Bandleader von Drahdiwaberl, schon zu Lebzeiten eine Legende, hatte er 1969 doch die „wildeste Band Österreichs“ gegründet und bei allen Auftritten ordentlich die Sau herausgelassen. Nun ist er tot, 71-jährig gestorben und ich hoffe, er kann es mit den Engerln wieder ausgelassen treiben, denn in den letzten Jahren hatte er mit dem Scheiß-Parkinson keinerlei Lebensqualität mehr. Ich weiss nur zu genau wovon ich spreche, von seiner Tochter Monika und im Vorjahr habe ich ihn noch im Spital besucht. Aber „Gespräch“ gab es leider keines. Mich haben nur zwei dunkle Augen angestarrt als ob er mich verstehen würde, aber seine Zunge konnte keine Worte mehr formen. Ich war bei ihm, um die Zusage zu erbitten, seinen „Parkinson Blues“ übersetzen und als Duett aufnehmen zu dürfen. Monika sagte mir danach, dass er sich gefreut habe und mit meiner Übersetzung und dem Projekt einverstanden sei. Das war Parkinson im letzten Stadium und ich habe lange darüber sinniert, wann es wohl bei mir so weit sein würde, – und das waren keine guten Aussichten.

Schade, dass er seinen Blues nicht mehr auf der Parkinsong CD hören kann. Meine tiefe Anteilnahmne geht an Monika und die Familie, aber jetzt hat ers wieder gut, da oben mit den Engerln, denn unten habens ihn doch nicht reingelassen. R.I.P. Stefan.