La Strada Graz 2019

Murmuyo aus Chile – viel gelacht und nass gemacht

Von der Poesie des Alltags & der Vielfalt des Lebens

Wir waren schon sehr früh getrieben von der Leidenschaft, die Kunst zu den Menschen zu bringen. Unser Interesse galt immer jenen künstlerischen Arbeiten, die sich mit dem Ort und seinen BewohnerInnen auseinandersetzen. Aus diesem Drang heraus wurde das Festival La Strada ins Leben gerufen. Zwei Jahrzehnte der Weiterentwicklung liegen nun bereits hinter uns. Die Generation jener Kinder, die La Strada in seiner Geburtsstunde miterlebt haben, ist heute erwachsen und für sie ist das Theater in den Straßen und auf den Plätzen ihrer Stadt zum Selbstverständnis geworden – ein fruchtbarer Nährboden, stetig neues Terrain zu erobern und sich temporär an Emerging Spaces niederzulassen. An im Umbruch befindlichen Orten wie Graz-Reininghaus setzt das Festival seit Jahren gemeinsam mit KünstlerInnen, StadtplanerInnen und der Bevölkerung Transformationsprozesse in Gang und arbeitet stetig an der Entwicklung eines internationalen Creation Centers. Community Art-Projekte spielen dabei eine wesentliche Rolle. Die vielfältigen Lebensrealitäten der Menschen und die dahinter verborgenen Geschichten werden zur poetischen Grundlage der künstlerischen Produktionen.

La Strada sieht es als seine Verantwortung, für KünstlerInnen jene Rahmenbedingungen zu schaffen, die sie zur Entwicklung innovativer Produktionen brauchen. Die mehrjährige Entwicklungsphasen vorsehen, Reflexion und konzentriertes Arbeiten an den Themen möglich machen und erlauben, das Publikum in die Produktionsprozesse einzubinden. La Strada fördert den Austausch und die Zusammenarbeit zwischen lokalen und internationalen KünstlerInnen, unterstützt durch das 2003 von La Strada mitbegründete Netzwerk IN SITU. Bis dato hat es über 200 KünstlerInnen bei der Entwicklung innovativer Kreationen im öffentlichen Raum unterstützt und gefördert.

Der Bevölkerung Partizipation auf Augenhöhe zu ermöglichen, den Grad der Mitgestaltung ihres Lebensraumes zu erhöhen und gemeinsam nach Antworten auf die Fragen möglicher Formen des Zusammenlebens zu suchen – das alles sieht La Strada als Motor von Stadtentwicklung und Transformation. Prozesse, denen sich das Festival – mit dem Fokus auf Community Art – verschrieben hat.

Projekte aus diesem Bereich – der Kunst der Gemeinschaft – richten ihren Blick jenseits des Tellerrandes, dorthin, wo es Spannendes und Neues zu entdecken gilt. In Stadtquartieren der Zukunft, in Stadtbezirken, in denen das Festival noch nie war, in neuen urbanen Lebensräumen, auf den großen Bühnen der Stadt. Denn die Lust am Aufspüren neuer Perspektiven, am Ausloten großer Themen unserer Zeit und an der Suche nach künstlerisch zeitgemäßen Ausdrucksformen treibt uns an.

Werner Schrempf, Intendant La Strada Graz

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La Strada – immer bunt & lebendig

Wer wäre berufener als Werner Schrempf selbst, die dem Festival zugrunde liegenden Ideen und Gedanken im vorangestellten Statement auszuführen. Das Sommerspektakel gehört längst der Community, die Straßenkunst ist jener Generation,  die mit La Strada heranwuchs, ein fixer Bestandteil im Ablauf des Jahres geworden. Für die Nachkommen des urbanen Raumes, der auf den „Reininghausgründen“ im Entstehen begriffen ist, wird Kultur eine Selbstverständlichkeit sein. Und das ist gut so, dann wird man auch langsam das Ungleichgewicht zwischen den Sport- und Kulturseiten lokaler Zeitungen bereinigen können. Aber das würde in eine andere Diskusssion führen.

Effetto Larsen (IT) in der Tennenmälzerei

Das  Festivalprogramm bietet wie jedes Jahr eine bunte und lebendige Mischung aus atemberaubender Akrobatik, neuem Zirkus und lustigem Figurentheater (Attribute frei austauschbar), die dem geneigten Publikum von 0 bis 57 Euro feilgeboten wird. Hier einige Emfehlungen.

Circus Ronaldo (BE) & Murmuyo (CL)

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Was haben ein belgischerer und ein chilenischer Clown gemeinsam? Sie erzählen ihre Geschichten ohne Worte – und  sie rekrutieren ihre Komparsen aus dem Publikum. Sonst ist alles anders. Oder doch nicht?

Gravity & Other Myths (AU)

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Die australische Companie mit Sitz in Adelaide entsendet schon zum dritten Mal ihre jungen Akrobaten nach Graz – und die überraschen immer wieder aufs Neue mit humorvoll dargebotener Schwerelosigkeit.

Studio Dan (AT)

OMG, Frank Zappa! Vor 40 Jahren habe ich meine Englisch-Lehrerin mit der Übersetzung seiner Texte geplagt und ihn live in einem Konzert im damaligen Rock-Mekka, der Grazer Eishalle erlebt. Damals konnte man von Emerson., Lake & Palmer bis Dire Straits alles sehen, heute macht der Rock-Zirkus ja leider einen Bogen um Graz. Umsomehr Freude bereitete mir Studio Dans Hommage „How is your bird?“.

Zappalot, leider hatte ich nicht einmal ein Handy eingesteckt, weshalb ich mir einige von Nikos Bildern ausborge (vielen Dank, Steffi & Niko) um zumindest anzudeuten, wie sein Leben auf der Bühne umgesetzt wurde. So schön, so bunt, so Zappa. Daheim habe ich gleich die alten LPs herausgesucht und auf YouTube dieses Juwel vom Bayrischen Rundfunk aus dem Jahr 1978 gefunden. Ich hab sogar mitgesungen. OMG, ich bin richtig alt.

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Joanne Leighton (BE/AU)

Bevor sich die üblichen Verdächtigen beim Cirque Noël oder bei bei La Strada Graz 2020 (die Vorbereitungen sind bereits angelaufen) wiedersehen werden, ging man noch zur Abschlussveranstaltung in der Oper. Von 65 Minuten zeitgenössischem Tanz und Minimal Music überfordert, verließ ein Teil des Publikums vorzeitig die Vorstellung. Ich empfand das als rüpelhaft und die Flüchtenden hatten das Glück, nicht aus meiner Reihe zu kommen, denn ich hätte diese unhöflichen Banausen nicht an mir vorbeigelassen. In manchen Aspeketen is Graz eben doch noch ein Dorf.

Soweit meine persönlichen Favoriten, denn das gesamte Angebot wahrzunehmen, gestaktete ohnedies immer schwierig. Dann müsste in der dichten Abfolge auch noch das Wetter mitspielen. Ich bin nach wie vor der Ansicht, dass die Spielzeit zu kurz ist. Auch so manch ein Bekannter bekundete, dass er sich heuer etwas anschauen wollte, als es – husch und weg – auch schon wieder vorbei war.

Na dann, auf ein Neues in 2020!

Alle Fotos © Gerald Ganglbauer mit Ausnahme von „FLIP Fabrique“ & „Studio Dan“ © La Strada Graz / Nikola Milatovic

Infos und Programm – www.lastrada.at

Lange Nacht der Bücher

Die Lange Nacht der Bücher leitet am 7. November 2018 die BUCH WIEN 18 ein, die bis 11. November 2018 in der Messe Wien, Halle D, U2 Station Krieau stattfindet. Es wird gelesen, gesungen, gekocht und gefeiert. Welche Stars heuer geladen sind, wer das Eröffnungskonzert gibt und was dich sonst noch erwartet erfährst du hier.

Mit einem Konzert von Clara Luzia starten wir beschwingt in den Abend, gefolgt wird ihr Auftritt von der renommierten TV-Journalistin und ZIB 2 Anchorwoman Lou Lorenz-Dittlbacher, die uns in die Mechanismen der Macht einweiht.

Radio Wien – Moderator Reinhardt Badegruber stellt dieses Jahr den „Wien Quiz“ – Master der „Langen Nacht“. Ihr Wissen ist gefragt – es winken tolle Bücherpreise!

Star-Kabarettist Florian Scheuba führt als Moderator durch die Büchernacht, das Publikum erwarten die Stars der österreichischen Literaturszene Bernhard Aichner und David Schalko, sowie Hanna Herbst, die sich bei der Präsentation ihres neuen Buches Fragen zum Feminismus stellt.

Der beliebte Poetry Slam darf natürlich nicht fehlen – Slam-Ikonen Mieze Medusa und Markus Köhle begrüßen Slam-PoetInnen aus Belgien, Deutschland, Luxemburg, der Schweiz und aus Österreich, die dieses Jahr eine besondere Runde in ihrer jeweiligen Mundart bestreiten!

Die beliebte Kabarettgruppe maschek sorgt für äußerst humoristische Eindrücke aus ihrem neuen Werk und Christina Bauer und cookinCatrin liefern erstmals auf einer eigenen Kochbühne mit der Kreation ihrer Köstlichkeiten eine reine Gaumenfreude.

Interaktiv wird es am Stand der Antiquare: BesucherInnen können persönliche Fundstücke vor Ort schätzen lassen und alte literarische Kost bewundern.

Alles Infos zum Programm: www.buchwien.at & www.buchwien.at/programm2018

Pressetext, Bericht folgt

Laibach’s Sound of Music

Foto: Laibach, Cover: Poster für Laibach’s Sound of Music, 2018, Design: Metastazis

Der steirische herbst slowenische herbst ’18 eröffnet Volksfronten mit Laibachs Version eines der weltweit erfolgreichsten Filme, den hierzulande keiner kennt. Aber morgen wird sich das geändert haben.

Morgen geht nämlich alle anders als sonst los: die Eröffnungsrede von Ekaterina Degot gibts um 17:00 am Europaplatz vor dem Grazer Hauptbahnhof. Danach zieht die Underneath the Above Parade #1 des Bread & Puppet Theater durch die Keplerstraße in die Innenstadt bis zum Mariahilferplatz. Bin neugierig, ob das barrierefrei mit dem Rollstuhl zu schaffen ist.

Der Eröffnungstag wird schließlich mit Laibach’s Sound of Music gekrönt. Beginn ist pünktlich um 21:00 auf der Kasemattenbühne. Hier ein Sound Sample, „Spectre“ (2014) auf Spotify.

Im Ausland bin ich immer wieder darauf angesprochen worden, also musste ich mir den Film natürlich selbst ansehen und bin sehr gespannt, wie Laibach ihn umsetzt. Brachial, kitschig und laut, nehme ich an.

Singen wir mit der Trapp Family „Climb every mountain …“

Stattegg-Ursprung, am 19. September 2019

Eröffnungstag steirischer herbst ’18

Laibachs Sound ist unverkennbar, deren politische Botschaft verschwommen

Wer sich auf den Weg machte, um etwas über „The Sound of Music“ in den Kasematten zu lernen, musste sich zwei Stunden später so klug wie zuvor an den Abstieg vom  Schlossberg machen. Vielleicht konnte man sich über den Film mit den zwei Erzählebenen, der Geschichte der Salzburger Familie Trapp und ihrer Flucht in die USA, sowie unterschwelligem Faschismus in Österreich auf der Party danach im Dom Im Berg mit den Musikern unterhalten, sofern sie ihn überhaupt gesehen hatten. Fakt ist: Laibach’s Sound of Music war bloss eine unterhaltsame Musikrevue, der ihre umstrittene Beschäftigung mit Heimat, Nationalsozialismus und Faschismus zugrunde gelegen hat, bevor sie eine Produktion für Korea als „zensurierte“ Auftragsarbeit für den steirischen herbst adaptierten und noch ein paar oberflächliche und unaufällige Referenzen zum „österreichischen“ Hollywood-Film hinterlegten.

Seit ich die Band vor mehr als zwanzig Jahren bei den Wiener Festwochen gesehen hatte, war die Fliegermütze Markenzeichen des Frontmannes mit der Grabesstimme. Bekannt wurden die Mannen aus Ljubljana mit einem Cover von „Live is Life“, dessen Video im Stil der Hitler-Jugend gedreht war. Meiner Meinung nach war ihr Umgang mit Relikten aus der Nazi-Ära oft ein Grenzgang. Allerdings es ist auch ein Privileg der Kunst, zu verunsichern. Hier waren sie alle nett gekleidet und das Zusammenspiel der Stimmen von Boris Benko und Marina Mårtensson klang überzeugend froh und ergänzte sich gut durch die tief eingeworfenen Laute von  Milan Fras. Irgendwann klang es abgelutscht, denn 90 Minuten wurden lang und es wurde zu kalt in den Kasematten. Das letzte Werk, „Also sprach Zarathustra“ (2016), konnte mich noch von der Retroavantgarde der Band überzeugen, diese seichte Revue nicht.

Es sagt ja auch niemand, dass die gestrige Aufführung zur Eröffnung des steirischen herbst ’18 samt Streichorchester und Kinderchor tatsächlich an eine Umsetzung der Handlung des Films gebunden war. Dieser Gedanke entsprang nur meiner Erwartungshaltung, weil ich im Ausland vielfach darauf angesprochen wurde und eine Auseinandersetzung der Inlandsösterreicher mit dem Thema überfällig war. Fakt ist, dass vor den musikalischen Szenen eine Präambel verlesen wurde, worin heftige Kritik an Österreichs blau-schwarzer Politik und somit an den Österreicherinnen und Österreichern geübt wurde, die sie gewählt haben. Das vorweg gesagte wurde zwar wieder entschärft, indem es der Philosoph Slavoj Žižek in seiner „Predikt“ als Fiktion ausgab, aber die klare politische Haltung änderte nicht einmal sein philosophischer Exkurs über die Liebe. Die bunten Visuals, von kitschigem Cliché bis militaristischer Ikonografie aus Korea passten farblich gut in die Kasemattenbühne. Ein letzte Referenz auf die Freilichtbühne der Salzburger Festspiele.

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Mit dem Rollstuhl zum Konzert zu gelangen, war eine andere Sache – eine Herausforderung der besonderen Art. Ein erster Versuch mit dem Auto auf den Berg zu fahren musste abgebrochen werden, weil die Straße wegen Bauarbeiten gesperrt war. Der Lift war ebenso außer Betrieb. Ein Anlauf mit der Schlossbergbahn war schließlich erfolgreich. Die Bahn hat auf beiden Stationen einen Treppenlift und freundliches Personal. Von der Bahn bis zum Eingang ist der Weg für Rollstühle allerdings ein Wahnsinn. Die tiefen großen Kopfsteine mögen zwar gut aussehen, sind aber unüberwindbar, weshalb ich auf Krücken hüpfen musste. Wenn man selbst Betroffen ist, wird einem Barrierefreiheit plötzlich zu einem enorm wichtigen Begriff.

Stattegg-Ursprung, am 21. September 2019

La Strada Graz Festival 2018

Jedes Jahr verspricht uns Werner Schrempf Superlativen aus der Welt des Straßen- und Figurentheaters, vor allem auch aus dem Neuen Zirkus, dessen scheinbare Schwerelosigkeit und präzise Koordination der Bewegung mich so fasziniert. Es mag vielleicht an meiner eigenen zunehmend schwindenden Beweglichkeit liegen, welche die Bewunderung der gesunden Artisten und Tänzer immer größer werden lässt. Wie auch immer, lassen wir das große Staunen einfach zu, wenn uns La Strada Graz von 27. Juli bis 5. August 2018 verzaubert. Denn der Intendant hält immer, was er verspricht.

Opernring 12/I
8010 Graz
T. +43 316 69 55 80

La Strada ist eine Arbeitsgemeinschaft des Vereines zur Förderung von Straßenkunst und Figurentheater in Österreich und der Firma die ORGANISATION, Büro für Gestaltung und Veranstaltungsorganisation GmbH.
Wer laufend am Laufenden sein möchte, dem steht die La Strada-App als gratis Download zur Verfügung.

Eröffnung

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Gerald Ganglbauer bei der La Strada Eröffnung © Nikola Milatovic

Standing Ovation gibt es wiederum von der Eröffnung am Freitag in der Oper zu berichten, wo das französische Kollektiv Compagnie XY mit Il n’est pas encore minuit… frei nach André Heller „fliegende Menschen“ kreiert hatte,  ganz ohne Trapez. Ça va? Mais oui!

Nur noch bis 3. August zu sehen!

Fotos von Nikola Milatovic

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Stattegg-Ursprung, am 24. Juli 2018

Zirkus im Augarten

Bestias – Baro d’Evel Cirk Cie

Zum Stamm der „Bestias“, so der Titel der Produktion im Zirkuszelt gehören Brieftauben, Pferde und Menschen, und sie erzählen eine Geschichte, die einen Anfang hat und ein Ende. Oder doch nicht? Dem französisch-katalanischen Duo Camille Decourtye und Blaï Mateu Trias gelingt es jedenfalls mit „Neuem Zirkus“, also einer wohldosierten Mischung aus inszenierter Akrobatik, zeitgenössischem Tanz und Gesang, die Zuseher im Bann zu halten, auch wenn die Geschwindigkeit variiert und man im babylonischen Kauderwelsch manchmal den Faden verliert.

Es wird fetzig zur live gespielten Musik von Nicolas Lafourest, es wird wild gestritten, es wird sinnlich, auch zart und leise, wenn die zwölfjährige Tochter der beiden Zirkusdirektoren kleine Auftritte hat, und spassig, wenn sich die schlaksige Noëmie Bouissou, die schon mit sieben Jahren in die Zirkusschule in Toulouse ging, verbiegt als hätte sie keinen Knochen im Körper.

Erst in einem Gespräch mit jener Artistin nach der gelungenen Aufführung wird mir klar, warum gerade aus Frankreich, Katalonien oder dem französischen Kanada so viel Zirkuskunst kommt: Weil es dort Schulen dafür gibt. Das Ergebnis sind großartige Kollaborationen und innovative Projekte, wie jenes von Baro d’Evel Cirk Cie. Wir können La Strada dankbar sein, dass Graz in den Tourdaten der Compagnie aufscheint.

Noch bis Sonntag. Nicht versäumen!

Open  Dance

So ist La Strada authentisch: Tango die halbe Nacht

Zum Ausklang des Abends gab is noch Tango auf der Kaiserfeldgasse, aber kaum Platz zum Tanzen. Rudi Lackner vom Grand Café Kaiserfeld und Werner Schrempf waren jedenfalls sehr zufrieden mit den Besucherzahlen.

Stattegg-Ursprung, am 2. August 2018

La Belle Image

Big band French Style – Musiker in Bewegung

Das war ein großartiger Spass am Freiheitsplatz, „a Gaude“ trotz Affenhitze. Die Tanzbeine zuckten, die Lachmuskeln wurden trainiert und auch die Hände hatten zu tun. Bewegung, wie vom Arzt verordnet. Das geheime Rezept: Lateinamerikanisch inspirierte Musik einer gut synchronisierten tanzenden Brass Band. Neben mir schwitzte die Komponistin „aus Solidarität“, ein Wort, das dem deutschen Kulturbetrieb fremd geworden ist – hier ist jeder gegen jeden – wo hingegen in Frankreich der Begriff „compagnie“ blüht. Künstlergruppen überall.  Gut drauf, lustig und locker, keine „Tall Poppies“, Hör-, See- und Spielvergnügen für Publikum und  Künstler gleichermassen. Das wurde mit viel Applaus belohnt und verschwitzte Menschen vor und hinter der Bühne, die nur ein symbolischer Strick am Boden markierte, zerstreuten sich mit strahlenden Gesichtern wieder über die Straßen der Stadt.

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NoFit State Circus and Motionhouse

Neuer Zirkus: Die Show der Briten nannte sich schlicht „Block“

Was einfach begann – als Spiel mit großen grauen Blöcken – wurde schließlich zum Bau eines wackligen Turms, auf dem die Truppe herumturnte als wäre er ein solides Bauwerk, bis sie ihn im großen Finale umstürzten. Das war einfach gesagt das, was sich in 40 Minuten am Grazer Hauptplatz ereignete, und in Weiz und Stainz, weshalb sehr viele Zuseher bei freiem Eintritt großartige Akrobatik erleben durften, von der sie noch lange erzählen werden.

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Stattegg-Ursprung, am 3. August 2018

Gravity & Other Myths

Cirque Noël x 2

Ich habe mich schon gefragt, ob es überhaupt möglich wäre, den Cirque Noël noch besser zu machen. Dabei ist es so einfach: Intendant Werner Schrempf macht zwei!

7 Fingers (Kanada)

Diese Compagnie aus Montréal in Graz vorzustellen, hieße Eulen nach Athen tragen, haben sie doch schon zuvor für La Strada in der Grazer Oper standing ovations erhalten. Diesmal erzählen sie mit dem Programm Réversible in der Helmut List Halle eine sehr dynamisch choreografierte Zirkusgeschichte, ihre eigene, in einem Sprachmix aus Englisch und Deutsch, charmantem französischen Akzent und Spanisch. Die Vorstellungen sind bis 4. Jänner zu sehen, wenn man das Glück hat noch Restkarten zu bekommen – www.cirque-noel.at

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Standing Ovations für 7 Fingers‘ großartige Tanzakrobatik | Foto: Gerald Ganglbauer

Gravity & Other Myths (Australien)

Der Neue Zirkus ist immer gut für eine Überraschung. Was diese jungen Artisten aus Adelaide im Grazer Orpheum anbieten, verdient die allerhöchste Bewunderung. Was anfangs recht einfach aussehen mag, steigert sich im hervorragenden Teamwork der sieben Australier (der junge Mann mit den Aussie-Socken ist Schlagzeuger: er ist quasi das Metronom der Gruppe und bringt in der Show auch seinen Körper einmal als Instrument ein) in A Simple Space zu begeistertem Applaus über nie zuvor gesehene Kunststücke. Aber ich will nichts verraten, denn solange es noch die eine oder andere Restkarte gibt, muss man das mit eigenen Augen gesehen haben – www.gomcircus.com.au

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A Simple Space wird noch bis 31. Dezember gezeigt und obwohl die Performance in hunderten Auftritten perfektioniert durch alle Lande tourt, hat sich die Gruppe gefreut, in mir einen zerstreuten Australier zu treffen, der die Speicherkarte der Kamera zuhause vergessen hat und seine Exklusivfotos daher nur mit dem Handy machen konnte. Dennoch habe ich mich sehr gefreut, wieder einmal Landsleute zu treffen.
Cheers maties. You were bloody terrific!

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Gravity & Other Myths posing after the show for a fellow Australian | Foto: Gerald Ganglbauer

50 Jahre steirischer herbst

Updates >> 24. September >> 11. Oktober >> 14. Oktober

Die letzte Eröffnung

Where are we now? Die scheidende Intendantin Veronica Kaup-Hasler erinnerte in ihrer emotionalen Rede, dass der steirische herbst das älteste multidisziplinäre Festival für zeitgenössische Kunst in Europa sei und sich immer wieder neu erfinden müsse. Mit fünfzig Jahren am Buckel und dem 88-jährigen früheren Präsidenten Kurt Jungwirth anwesend kam ich mir auch schon sehr alt vor. Immerhin hat der steirische herbst seit dem Jahr 1977 mein Leben begleitet und damit sicher auch meine Offenheit für Neues und meine Liebe zur Avantgarde durch ein erweitertes Kulturverständnis mitgeformt. Obwohl es heute noch Menschen gibt, die unter dem steirischen herbst einfach den Herbst in der Steiermark verstehen, bin ich überzeugt, dass durch die unermüdliche Aufklärung des Festivals das seinerzeit kleinstädtische Bewußtsein der Einheimischen im Lauf der Jahre weltoffener geworden ist. Steter Tropfen höhlt den Stein.

Die nackte Performance

Die dänische Choreografin Mette Ingvartsen kannte ich bereits von 7 Pleasures, die ich vor zwei Jahren das Vergnügen hatte im Dom im Berg zu sehen. Mit to come (extended) landete sie eine gelungene Urauführung, einen vielstimmigen Orgasmus vor weitaus größerem Publikum. Die Anwesenden waren von der erotischen Körpersprache sichtlich begeistert, wenn auch ohne spontane Entkleidungen und Beteiligung am Tanz, die wohl so manchem in den Sinn gekommen war. Schade, dass man während der zweiteiligen blau/nackten Vorstellung nicht fotografieren durfte, Wer nicht dabei war und die Produktion dennoch unbedingt sehen will, muss eben nach Paris fliegen.

Das große Buffet

Als nach dem lange anhaltenden Applaus für die Tänzer ein schier endlos scheinendes Buffet langsam auf die Bühne gerollt wurde, war die Reaktion etwas zögerlich, doch dann ging es schnell, La Grande Bouffe war in der Tat ein opulent-sinnliches Angebot für den Gaumen, dem niemand widerstehen konnte. Beim darauf folgenden Abtanzen konnte man die Kalorien ohnedies wieder abbauen, sich mit den numehr bekleideten Tänzern aus aller Herren Länder unterhalten und nach Mitternacht guter Dinge nachhause fahren.

Stattegg, am 23. September 2017

Die nackte Performance II

Am nächsten Tag setzt sich das Nacktsein auf der Bühne fort. Ich frage mich, ob es in einer Zeit, in der die in den 60ern erkämpfte Freiheit von einem neuen Konservatismus langsam wieder überdeckt wird, der Kunst bedarf, an sexual liberation zu erinnern.

Simon Mayer – Oh Magic

In der Abgeschiedenheit des Dom im Berg ist diese Erinnerung großartig gelungen. Der Oberösterreicher Simon Mayer hat es im besten Sinn mit seinem choreografierten Konzert Oh Magic mit Clara Frühstück, Tobias Leibetseder und Patric Redl, sowie den von Manuel Wagner ferngesteuerten Robotern bewiesen. Die Premiere bot 70 Minuten lang Überraschungen, anfangs im verdunkelten Raum den zaghaft suchenden Scheinwerfer eines R2-D2 artigen Lichtroboters, die ruhige Melodie eines selbstspielenden Klaviers, einer Triangel, Rückkopplungen eines Mikrofonroboters im Zusammenspiel mit dem Erscheinen des Menschen mit Stimme, Atmung und rockigem Sound Design, bis hin zur schrittweisen Entkleidung, ekstatischer Besessenheit mit dem nackten Körper und an Wahnsinn grenzende Trommelrituale. Ich gebe zu, dass diese Subsummierung in einem Satz der erlebten Show in keiner Weise gerecht wird, aber vielleicht verirrt sich der eine oder andere Leser noch zum Talk nach der zweiten und letzten Aufführung am Sonntag.

Stattegg, am 24. September 2017

Die zwei Alten

Einmal gänzlich ohne nackte Haut kommt die berührende Dokumentation der belgischen Künstlergruppe Berlin vom (Über-)Leben von Nadia und Pétro Opanassovitch Lubenoc aus. Zwei 80-jährige, die sich weigerten, nach dem nuklearen Meltdown im 25 Km entfernten Tschernobyl das ukrainischen Dorf Zvizdal (so auch der Titel des Stücks) zu evakuieren, werden einfühlsam porträtiert.

Massstabgetreues Modell aus Zvizdal

Über einige Jahre hinweg wurden die beiden eigensinnigen Verweigerer jeglicher Vernunft besucht und gefilmt, wie sie ihren kontaminierten Heimatboden bestellen und abgeschnitten von der Welt ohne Strom und fließendes Wasser der Natur und den unsichtbaren Strahlen trotzen. Auch die Liebe zwischen den beiden früheren Nachbarn wuchs im Sperrgebiet. Das umfangreiche Filmmaterial bis zum Tod Pétros wurde in eine multimediale Aufführung eingebettet, die mich nachdenklich hinterließ, was im darauffolgenden Talk auch das Publikum zum Ausdruck gebracht hat.

Auf dem Heimweg sind mir Parallelen zu Marlen Haushofers Die Wand in den Sinn gekommen.

Nadja lebt im Internet weiter: berlinberlin.be/chernobyl code: leavingzvizdal

Stattegg, am 11. Oktober 2017


Die nackte Performance III

Auch Apollon Musagète, die „Freakshow“ von Florentina Holzinger, wollte ich mir anschauen, aber leider war das wegen einer Terminkollision mit dem Jazz Festival Leibnitz nicht möglich gewesen. War sehr gut, wie man mir berichtet hat.

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Apollon Musagète | Foto ©2017 Radovan Dranga

Eine Gelegenheit, wieder einmal meinem Bedauern Ausdruck zu verleihen, dass ein Großteil der Produktionen viel zu kurz, nämlich meist nur zweimal, auf die Bühne kommt. Einem Besucher mit durchschnittlicher Freizeit ist es dadurch kaum möglich, sich alles anzusehen. Die herbst-Statistik gefällig? An 24 Festivaltagen gab es 137 Projekte und 451 Einzelveranstaltungen, das ist genauso wenig machbar, wie alle Bücherneuerscheinungen des Herbstes zu lesen.

Where Are We Now?

In der „Philosophierkantine“ des steirischen herbst werden bei einem Glas Wein und Speisen aus der Bar Gedanken weitergesponnen. Aber erst einmal wurde in eigener Sache das herbst-Buch vorgestellt.

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Buchpräsentation: 50 Antworten auf die Frage „Where Are We Now?“

Vorträge wurden als Diskussionsgrundlage serviert: Mangelnder Zugang zum Weltkulturerbe wurde von einer Kuratorin bedauert, Weltreligionen in einem Filmbeitrag angesprochen und heftig diskutiert, danach kam eines meiner Lieblingsthemen und ein süßes Dessert auf den Tisch: „Poly“ (Polyamory), ein Thema, das an unserem Tisch für angeregte Gespräche sorgte. Um Trading in einem Eisbrecher ging es im letzten Vortrag des Abends, aber da sich die Uhrzeiger gegen Mitternacht bewegten, hatten sich die Tische schon weitgehend gelichtet. Gute Nacht.

Pursuit of Happiness

Mit meinem letzten Gig im 50. steirischen herbst schließt sich der Kreis. Nature Theater of Oklahoma und die slowenische EnKnapGroup inszenieren in der Grazer Helmut List Halle ihre Suche nach dem Glück: „Pursuit of Happiness“. Das zweiteilige Stück trug ganz eindeutig die Handschrift der New Yorker. Im ersten Teil die Saloon-Szenen, Whiskey an der Bar, Finger am Abzug der Colts, Raufereien und ausgeschlagene Zähne, danach der überlange Monolog des Künstlers. Ich erinnerte mich an Life and Times – Episode VI, auch hier wieder die betont künstlichen Bewegungen, die extrem artikulierte Sprache, den persiflierten Akzent der Südstaaten und die großartige Darstellung der Tanzgruppe, für die der hohe Textanteil auch etwas Neues war, wie wir im anschließenden Talk erfuhren. Bleibt zu hoffen, dass die acht Slowenen (zwei Mitglieder der Gruppe waren nicht in dieser Produktion) auch mit eigenen Shows nach Graz kommen.

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Abschied von Pavel und Kelly, die in Neuberg an der Mürz noch den Dreh von Die Kinder der Toten fertigstellen, und von Veronica, deren Nachfolge  Ekaterina Degot antreten wird. Ich bin schon gespannt auf den 51. steirischen herbst (und den Ausgang der morgigen Nationalratswahl).

Stattegg, am 14. Oktober 2017

La Strada Graz Festival 2017

Machine de Cirque (Kanada)
Machine de Cirque

Foto © Nikola Milatovic

La Strada: Die fünf Ausnahmekünstler des jungen kanadischen Ensembles sind allesamt Multitalente, die neben dem artistischen auch ihr musikalisches Können unter Beweis stellen. Unter der Regie von Vincent Dubé erschaffen sie eine einzigartige, eine surreale Welt.

15 Jahre nach der Apokalypse finden sie ihre ganz eigene Überlebensstrategie. Ihr Weg zur Rettung führt über eine höchst erstaunliche Maschine – gleich einem Ersatzteillager, mit dessen Teilen sie sich meisterlich spielen. Immer bereit, ihre Körper und Seelen zu entblößen und uns zum Lachen zu bringen, zu bewegen und zu überwältigen.

Cirque Aïtal (Frankreich)
Pour le meilleur et pour le pire

Foto © Strates-Mario del Curto
„Von kühnen Balanceakten bis zu wild-wirbelndem Spiel auf der Wippe geht das französisch-finnische Paar an seine Grenzen. Schönheit und Anmut, Leidenschaft und ungefilterte Empfindsamkeit behalten hier immer die Oberhand.“ Le Monde

La Strada: „In guten wie in schlechten Zeiten“ heißt diese großartige Produktion des Neuen Zirkus – und auf eine Reise durch genau jene nimmt das Akrobaten-Paar Kati Pikkarainen und Victor Cathala seine Zuschauer mit. Balancierend, durch die Luft fliegend, einander haltend und hebend, inszenieren die beiden Artisten ihre Beziehung, lassen die Zuschauer an der Entwicklung, Spannung und dem Rhythmus des menschlichen Miteinanders teilhaben; streiten, versöhnen und lieben sich in der Manege. Und zeigen damit ihre ganz eigene Interpretation des zeitgenössischen Zirkus: geerdet und ohne Glitter – Autoradios, Abgase und wunderbare Akrobatik inklusive.

Standing Ovations für beide Produktionen: Die Eine bot großartige Akrobatik auf der Opernbühne, die Andere poetische Einblicke im Zirkuszelt

Die Zirkusmaschine sah ich mit den weit offenen Augen eines Kindes, das aus dem Staunen nicht hinaus kam und sich emotional wie schon lange nicht um die Artisten bangte. Was es zu sehen bekam, war eine Superlative akrobatischer Präzision in den unglaublichsten Kunststücken zur rockigen Musik des hauseigenen Schlagzeugers.

Die Episoden des jungen Paares im Zirkuszelt waren ganz anderer Natur. Ein klappriger roter Simca 1000 und ein artiger Hund begleiteten die beiden durch dick und dünn, um am Ende die Prüfungen des (Liebes-)lebens mit kraftvoller wie humorvoller Akrobatik zwar verdreckt, aber gemeinsam zu bestehen: „Le vent nous portera.“

28. Juli – 5. August 2017
Tickets & Informationen: +43 316 26 97 89

Barbara Balldini, Sexpertin

Sex und die Balldini. Die Geschichte könnte auch heißen: Sextalk coram publico, oder: Was sie schon immer über Sex wissen wollten, sich aber nie zu fragen trauten. 2013 hatte ich ihr erstes Buch Besser Schlampe als gar kein Sex besprochen und seither drei von ihren vier Kabarettprogrammen gesehen. Auch diesmal fand sie in Graz ein dankbares Publikum, das sich von ihrer Offenheit im Umgang mit Sexthemen begeistern ließ.

Die Aufgeklärten konnten sich herzhaft lachend gelegentlich selbst im Spiegel sehen, jene, die ein bisschen Nachhilfe beim Sex nötig gehabt hätten, waren ohnedies nicht da. Balldini mag eine gute Therapeutin und eine Göttin im Bett sein, sie ist aber auch geschaffen für die Bühne. Mit ihrem Vorarlberger Dialekt kann sie sich alles erlauben und beim Namen nennen, was auf Deutsch nicht ginge und auf Wienerisch schlichtweg ordinär klingen würde.

Nach ihrer zweiten ausverkauften „Best Of“ Show auf der Kasemattenbühne am Grazer Schlossberg hatte ich ein Rendezvous mit Barbara ausgemacht und mir vorweg allerhand Fragen für die wortgewandte Sexpertin zurechtgelegt.

Wir begrüßten uns wie alte Freunde und setzen uns nach der dreistündigen Show angeregt aber auch sichtlich erschöpft zusammen. Barbara schlug vor, ihr meine Fragen per Email zu schicken und so wurde aus dem geplanten Interview ein intimes Gespräch zweier Menschen, die in offenen Beziehungen leben. Barbara wusste instinktiv, dass sie in mir einen ebenso Unverklemmten getroffen hatte und so unterhielten wir uns über Tabuthemen so offen wie andere über Gott und die Welt.

Ich freue mich auf die nächste Barbara Balldini Show. Die heißt Freudenmädchen (Eindringliche Gespräche) und wird zu zweit im Sofa mit Mika Blauensteiner erstmals auf die „ganz persönlichen Fragen“ des Publikums eingehen.

Diese können auf balldini.com oder Facebook gepostet werden. Die beiden fürchten nichts. Wirklich nichts! Fein. Dann brauch ich gar nicht mehr nachzudenken. Termine ebenfalls auf balldini.com

Nature Theater of Oklahoma

Der steirische herbst ist kein Durchlauferhitzer, wo jedes Jahr andere Künstler durchs Dorf getrieben werden. (Martin Baasch, Leitender Dramaturg)

Das Ehepaar Kelly Copper und Pavol Liska, besser bekannt unter dem Namen Nature Theater of Oklahoma, ist wieder im Lande. Nach zahlreichen Episoden von Life and Times, die als Co-Produktionen mit dem steirischen herbst aufgeführt wurden, hat die scheidende Intendantin Veronica Kaup-Hasler die beiden noch einmal in die Steiermark geholt, um Elfriede Jelineks „Die Kinder der Toten“ mit ausgewählten Laiendarstellern und Beteiligung der gesamten Bevölkerung auf Super 8 zu filmen. Die Filmarbeit an sich, die an Originalschauplätzen in der Obersteiermark über vier Wochen im September/Oktober stattfinden wird, ist das eigentliche Kunstwerk. Mit etwas Glück könnte der Film sogar in die Kinos kommen.

Wer frühere Arbeiten der Künstler kennt, wird wissen, dass die freie Adaption von Jelineks Roman wieder sehr provozierend ausfallen wird, wobei Sex, Gewalt und Nationalsozialismus in dem Genre Horrorfilm nicht zu kurz kommen werden.

Für diejenigen Leser, die noch nicht in die Welt des Nature Theater of Oklahoma verführt worden sind, ein kleiner Vorgeschmack aus ihrer letzten Produktion in Köln, „Deutschland 2071“.

Und das liest man im eben online gegangenen Programm des steirischen herbst:
Das Nature Theater of Oklahoma wagt heuer außerdem das Unmögliche: Die Literaturnobelpreisträgerin Elfriede Jelinek hat ihr, in ihren eigenen Worten, wichtigstes Werk freigegeben für eine filmisch-performative Inszenierung durch das amerikanische Performance-Kollektiv. „Die Kinder der Toten“ – ein „Gespensterroman“, über 666 unheimliche Seiten gehende, phasenweise hochkomische, dann wieder beklemmende sprachliche und geschichtskritische Herausforderung. Nach zweijähriger Vorbereitungszeit mündet die Auseinandersetzung mit diesem Koloss an Sprache heuer in eines der bislang größten Projekte des Festivals: „Die Kinder der Toten“ wird vielstimmig und multimedial an seinen Ursprung zurückgeführt – nach Neuberg an der Mürz zwischen Mürzzuschlag und Mariazell.

 

An den Originalschauplätzen werden Kelly Copper und Pavol Liska vom Nature Theater of Oklahoma öffentliche Dreharbeiten zu einer freien filmischen Adaption des Romans inszenieren. Zusätzlich entsteht ein Basislager mit zahlreichen Begleitveranstaltungen – hier werden Mitwirkende auf die Drehs vorbereitet; hier stürzen wir uns in eine 144-stündige Dauerlesung von „Die Kinder der Toten“; hier starten geführte Touren zu den Schauplätzen des Romans und befeuert das „Cinema 666“ sein Publikum.

Apropos Publikum, bevor ich vergesse es zu erwähnen, ich war beim Casting und habe eine Rolle als „Syrer“ bekommen. Wow, ich werde ein Filmstar … sicher nicht der späte Beginn einer Hollywood-Karriere, aber man darf gespannt sein!

Info +43 316 816 070, info@steirischerherbst.at, www.steirischerherbst.at

7×7+1=50

Der steirische herbst wird fünfzig

Vor rund 30 Jahren war Horst Gerhard Haberl dafür verantwortlich, dass ich als sein Student die Prinzipien von Werbung und PR verstand. In seiner Vorlesung an der Uni war mir nie fad, aber was dem Vater von Franz (HUMANIC)  nun als Logo für 50 Jahre steirischer herbst eingefallen ist, kann ich nur schwer nachvollziehen. War der Poststempel der letzten Jahre schon fad geworden, sind mir derlei Zahlenraster aus diversen Kalender Apps viel zu geläufig um einzigartig und unverwechselbar zu sein.

Druck

Typografisch ist die Helvetica, vom Grafiker Max Miedinger auf der graphique 57 für den Handsatz veröffentlicht, im Jahr 2017, nach 60 Lebensjahren als Hausschrift vieler Firmen allgegenwärtig, ebenso fad geworden. OK, ich gebe zu, dass viele Schriften schneller altern, die American Typewriter aus dem Jahr 1974 zum Beispiel, die ich Anfang der 80er noch im Kalenderteil unserer Jahrbücher einsetzte, ist längst verschwunden. Vielleicht weil sich heute keiner mehr an mechanische Schreibmaschinen erinnert? Nur, wozu lange über ein Logo reden.

Es geht ja schließlich um den Inhalt der Werbebotschaft. Und warum sollte sich ein Avantgarde Festival  in seiner visuellen Kommunikation immer wieder neu erfinden müssen? Weil Avantgarde seiner Zeit voraus sein sollte, wäre eine der möglichen Antworten, ist aber nicht die einzige. Genug.

Die Kinder der Toten

Es geht ja auch rückwärts mit viel Freude voraus. Nehmen wir das herbst-Freunden von den Life and Times Episoden gut bekannte Nature Theater of Oklahoma und mixen wir es mit Elfriede Jelineks Roman Die Kinder der Toten, der 1995 bei Rowohlt erschienen ist und 1996 mit dem Bremer Literaturpreis ausgezeichnet wurde, was seinerzeit in Australien völlig an mir vorüber gegangen war.

Kelly-Copper-Pavol-Liska-Nature-Theater-of-OklahomaKelly Copper & Pavol Liska vom Nature Theater of Oklahoma

Der Roman ist neben dem Internetroman Neid Jelineks umfangreichstes Werk und ist berüchtigt für seine Figurenvielfalt, seine verschlungenen Handlungsstränge und seine ironisch-zeitkritischen Querverweise. Gattungsspezifisch ist er dem postmodernen Roman und der Schauerliteratur zuzurechnen. Jelinek selbst bezeichnet ihn als einen „Gespensterroman in der Tradition der gothic novel“, kann man erfahren.

Untote und der Holocaust formen also die Asche, aus der Avantgarde entstehen soll und für dessen Besetzung 666 lebende Menschen gesucht werden. Im steirischen herbst HQ hat das Casting schon begonnen und auch ich habe mich selbstlos angemeldet, am Film- und Performance-Projekt in Neuberg an der Mürz mit Kelly und Pavol (leider ohne Kristin Worrall) mitzuwirken. Eine kleine Rolle hoffe ich zu bekommen, denn mit meinem Parkinson spiele ich einen Zombie bestimmt sehr überzeugend!

Informationen und Anmeldungen:
kinderdertoten@steirischerherbst.at
+43 664 24 500 85
www.steirischerherbst.at