Wozu (noch) Literatur?

perspektive 100 | 101

Wortlaut im Forum Stadtpark Graz

Ich bin schuld. Ich bin schuld, dass die Veranstaltung bis nach Mitternacht gedauert, ja dass sie überhaupt stattgefunden hat. Ich bin deshalb schuld daran, weil ich es war, der diese perspektive gemeinsam mit Alfred Ledersteger vor 38 Jahren als ein von den etablierten manuskripte deutlich zu unterscheidendes Medium im Underground begonnen hatte, und das bis jetzt, mit etlichen wechselnden Herausgebern, überlebt hatte und 100 Nummern alt geworden war.

Natürlich gab es viel zu sagen über 100 Hefte für zeitgenössische Literatur, ursprünglich junge, zeitgenössische Literatur, also geschätzte 60 bis 80 Hefte, wenn man die vielen Doppelnummern berücksichtigt. Da steckt jede Menge ehrenamtliche „labour of love“ drin. Ich weiss das sehr gut, habe ich doch 1988 (Gangan Viertel) und 1996 (Gangan Lit-Mag) wiederum selbst Zeitschriften gegründet und erst im Vorjahr mit der Jubiläumsausgabe #50 eingestellt. Aus bekannten gesundheitlichen Gründen.

Die Präsentation im Forum Stadtpark Graz startete um 18 Uhr, lief über gut sechs Stunden mit Pause fürs Abendessen, das machte auch die-hard Teilnehmer ziemlich streichfähig. Nach haltlos überzogenen „15 min“ Beiträgen der Autorinnen und Autoren erhielten die Herausgeber (Foto v.l.n.r. Robert Steinle, Silvia Stecher, ich, und mischen, ein Nachwuchs Lit-Mag aus Wolfsberg) um Mitternacht das Wort und stellten sich in einer Podiumsdiskussion den verschiedenen Perspektiven der Frage: „Wozu (noch) Literatur?“

Das Publikum war wohl schon zu Bett gegangen oder rauchte vor der Tür, das verbliebene Häufchen waren Autoren, die sich natürlich in der Gegenfrage gefielen. Und so blieb eine philosophische Auseinandersetzung mit dem Thema in dieser Nacht weitgehend aus und man begnügte sich mit einigen Anekdoten aus der Geschichte der perspektive seit 1982. Dann um 1:30 endlich ins Bett, die Schachtel mit zum Verkauf mitgenommenen Exemplaren stellte ich unverkauft zurück ins Lager.

Im Heft 100 | 101 2020, das derzeit von Silvia Stecher (Graz), Ralf B. Korte (Berlin) und Nora Tunkel (Wien) herausgegeben wird, sind auf 140 Seiten vermutlich Antworten nachzulesen, denn „wozu (noch) literatur?“ war schließlich auch das Motto der Doppelnummer.

Mehr unter perspektive.at.

In Gedenken an Helmut Schranz, 1963 – 2015

Focus ( ● ) Malerei

Georg Dinstl, Catrin Manoli, Markus Pippan, Verena Preininger

KUNSTHALLE GRAZ

Malerei ist nicht meins, ich kann bestenfalls sagen, ob mir ein Bild gefällt oder nicht. Die Kuratoren der KUNSTHALLE GRAZ hingegen sind bestimmt Kunstgeschichtler, die wissen, wer heiß ist unter zeitgenössischen Malern. Daher keine Review, sondern nur ein Hinweis auf die Ausstellung, um sich dort selbst ein Bild zu machen.

Im Brennpunkt der Ausstellung steht die Malerei. „Farbintensiv und betont gestisch: Vier steirische Künstlerinnen und Künstler präsentieren ihre Malerei in Verläufen von Abstraktion bis zum Informel. Die ungeminderte Kraft des bewährten Mediums eröffnet nach wie vor neue Aspekte.“

KUNSTHALLE GRAZ
Conrad-von-Hötzendorfstraße 42a
8010 Graz

Eröffnung: 15. September 2020, 17.00 bis 21.00 Uhr
Dauer: bis 06. Oktober 2020

Öffnungszeiten: DI, DO, FR von 17.00 – 20.00 Uhr, MI von 17.00 – 21.00 Uhr
an Sonn- und Feiertagen geschlossen

2084 oder Hey Siri, spiel mir mein Genre

Genres auf Knopfdruck: Einheitsbrei im Wunschkonzert

Ich hatte einen Traum. Mir träumte von der Zukunft, 100 Jahre nach Nineteen Eighty-Four. Es war ein schlechter Traum, aber ich werde bis 2084 schon von Würmern zerfressen oder verbrannt worden sein und das Schicksal aller Bücher aus Papier und aller Tonträger daher nicht mehr teilen: die vollständige Digitalisierung.

Der Feind ist nicht die Technik per se, es droht uns keine totalitäre Überwachung, wie seinerzeit unter Metternich und auch George Orwells „Großer Bruder“ ist längst nicht mehr die große Gefahr. Wir selbst sind es. Wir lassen die Schubladisierung aller Kreativität und „Unterhaltung“ in sogenannte Genres zu. Was seit den 1970er Jahren aus den USA im Bereich Computerspiele einfließt, wird auf alle Künste emsig angewandt. Damit schränken wir uns zunehmend und freiwillig auf immer mehr Normierungen ein.

Genres sind enge Behälter, wo nur drin sein darf, was genau hineinpasst. Alles nicht Passende hat schon jetzt bei DJs und in Bücherregalen keinen Platz mehr und existiert damit de facto nicht. Gemischter Satz von Walter W. Hölbling wird nirgends in einer Auslage stehen, so schön der Gedichtband auch ist, weil das Genre „Lyrik“ in einer Ecke steht, eine CD mit Parkinsong Duets wird von Radiostationen nicht in ihre Jukebox geladen und On Air gehen, weil so unterschiedliche Lieder kein einheitliches Genre haben.

Die Programmierung eines kommerziellen Radiosenders wie Ö3 wird immer enger, was zur Folge hat, dass immer weniger Titel in seiner Playlist sind, da nur ein Genre gestattet ist: „Pop“. In der Musik ist das offensichtlicher als in der Literatur. Hat ein Album in seiner digitalen Information nicht das passenden Genre Code, wird es nicht gespielt, auch nicht auf Hörerwunsch. Die Bücher der jungen Autorin Barbara Ladurner passen in keine Schublade, also bleibt sie unsichtbar.

Bücher zu verbrennen wie in Ray Bradburys Fahrenheit 451 wird durch das fortschreitende Aussterben der Buch- und Plattenläden wegen mangelnder Nachfrage gar nicht mehr nötig sein. Den Verlust der Freiheit der Kunst, also jeglichen individuellen Ausdrucks auf Papier, Vinyl oder Plastik verdanken wir der freien Marktwirtschaft. Ohne Kunstförderung führt der Weg aller Kunstschaffenden in den Abgrund der Genres digitaler Content Provider und ihrer allmächtigen Monopole.

Welche Konsequenzen werden sich daraus ergeben, wenn wir nicht rechtzeitig gegensteuern? Ein langsames spurloses Verschwinden von Büchern und Tonträgern, weil dann nur mehr Einheitsbrei geschrieben und verlegt, Musik nur mehr für digitale Genres produziert wird.

Im Jahr 2084 tragen wir bestimmt ein Armband, das unseren Bedarf an Unterhaltung mit standardisierten Geschichten und akustischen Darbietungen befriedigt, das keine Texte einzelner Schriftsteller oder Kompositionen realer Musiker abruft, sondern nur mehr Genres. Wie aus einem Trichter, in den oben alles vom Content Provider aus seinen Schubladen hinein entleert wird und unten am Bluetooth Kopfhörerausgang als Buchstabensalat oder akustischer Brei herauskommt und drahtlos via implantierter Hörgeräte direkt in unsere Köpfe eingespielt wird.

Ein Albtraum für Kreative. Zukünftige Konsumenten kaufen keine CDs einer Band oder Bücher eines Autors, die streamen Content, also Inhalte nach Kriterien wie Rhythmen, Tonreihen, Worten etc. Man hat in Realzeit eines von hunderten Genres auf seinem Handgelenk, Massenproduktion nach exakt definierten Parametern. „Hey Siri, spiel Industrial Metal“ und sofort erdröhnen dir im Schädel synthetische Riffs, die früher einmal von Bands wie Rammstein auf Instrumenten gespielt und auf Tonträgern verkauft wurden. „Du hörst jetzt Musik aus dem Genre Industrial Metal und allen Subgenres. Enjoy!“

„Oida, das ist doch cool“, wird die Jugend sagen.

Mir wird es erspart bleiben.

Siehe auch: https://www.gangway.at/kultur/ich-hasse-schubladen/

Ich hasse Schubladen

Ein Genre (von frz. genre für Gattung bzw. Stil) klassifiziert typische Merkmale erzählerischer literarischer oder filmischer Werke, wird aber auch längst in der Musikwissenschaft und in der Spielwissenschaft verwendet. Seit den 1970er Jahren hat sich, von den USA ausgehend, der Begriff als Mittel zur einfacheren Katalogisierung im Zug der Digitalisierung überall breit gemacht. Ich hasse diese Schubladen, weil da vieles oft nicht eindeutig reinpasst, das dann in den Zwischenräumen verschwindet. Die analoge Welt lässt sich eben nur sehr ungern in eine Matrix aus „0“ und „1“ zwingen.

Beispiele aus der Musikwissenschaft

Blues | Atlanta Blues | Bluesrock | Britischer Blues | Chicago Blues | Country Blues | Delta Blues | Detroit Blues | Electric Blues | Fife and Drum Blues | Hokum | Jump Blues | Louisiana Blues | Memphis Blues | Piedmont Blues | Rootsmusik | St.-Louis-Blues | Swamp Blues | Swamp Rock | Texas Blues | Urban Blues | Vaudeville-Blues | West Coast Blues | Country-Musik-Stil‎ | Alternative Country | Bakersfield Sound | Blue Yodeling | Bluegrass | Cajun-Musik | Country Blues | Country Boogie | Country-Rock | Honky Tonk | Nashville Sound | Neo-Traditionalismus | New Country | Outlaw-Bewegung | Red Dirt | Rockabilly | Roots Rock | Rootsmusik | Southern Rock | Swamp Rock | Tex-Mex | Texas Country | Urban Cowboy | Western Music | Western Swing | Zydeco | Dark Music‎ | Dark Cabaret | Dark Rock | Dark Wave | Death-Rock | Electro | Electro Wave | Future Pop | Gothabilly | Gothic Metal | Gothic Punk | Gothic Rock | Industrial Dance | Industrial Rock | Mittelalter-Rock | Neofolk | Neue Deutsche Härte | Neue Deutsche Todeskunst | Pagan-Folk | Rhythm ’n’ Noise | Swiss Wave | Disco‎ | Euro Disco | Hi-NRG | Post-Disco | Digital Emotion | Munich Sound | Elektronische Musik‎ | Folk-Genre‎ | Anti-Folk | Balkan-Pop | Bordunmusik | Bretonische Musik | Deutschfolk | Filk (Musik) | Folk Metal | Folk-Punk | Folk-Rock | Folktronica | Indie-Folk | Irish Folk | Irish Rebel Music | Keltische Musik | Klezmer | Neofolk | New Weird America | Old-Time Music | Pagan-Folk | Psychedelic Folk | The Psychedelic Sounds of the 13th Floor Elevators | Rootsmusik | Serbische Brass-Musik | Tallava | Tschalga | Turbo-Folk | Stilrichtung des Funk‎ | Deep Funk | Electro Funk | Funk Metal | Funkeado | P-Funk | P-Funk-Mythologie | Hip-Hop‎ | Afrikanischer Hip-Hop | Alternative Hip-Hop | Bongo Flava | Boom bap | Britcore | Britischer Hip-Hop | Chipmunk Soul | Cloud Rap | Conscious Rap | Deutscher Hip-Hop | Down South | Eastcoast-Hip-Hop | Electro Funk | Freestyle-Rap | G-Funk | Gambischer Hip-Hop | Gangsta-Rap | Grime | Hardcore-Rap | Hip House | Hiplife | Hipster-Rap | Horrorcore | Japanischer Hip-Hop | Jazz-Rap | Kwaito | Latin Hip Hop | Miami Bass | Nerdcore | New Jack Swing | NS-Rap | Polnischer Hip-Hop | Pop-Rap | Portugiesischer Hip-Hop | Rio Funk | Scratchen | Screw | Senerap | Trap | Türkischer Hip-Hop | Westcoast-Hip-Hop | Zeckenrap | Jazz-Stil‎ | Acid Jazz | Archaischer Jazz | Avantgarde-Jazz | Bebop | Cape-Jazz | Chicago-Jazz | Cool Jazz | Dark Jazz | Dixieland | Electroswing | Ethno-Jazz | Exotica | Flamenco Jazz | Free Jazz | Fusion | Gypsy-Jazz | Hard Bop | Highlife | Imaginäre Folklore | Jazz-Rap | Jazzfunk | Jungle Style | Kansas-City-Jazz | Kaseko | Kwela | Latin Jazz | Mainstream Jazz | Marabi | M-Base | Modaler Jazz | Modern Creative | Modern Jazz | Neobop | Neoswing | Neue Improvisationsmusik | New-Orleans-Jazz | Nu Jazz | Pop-Jazz | Post Bop | Progressive Jazz | ScatSka-Jazz | Smooth Jazz | Soul-Jazz | Straight-ahead-Jazz | Stride-Piano | Swing | Third Stream | Traditional Jazz | Vocalese | West-Coast-Jazz | Lateinamerikanische Musik‎ | A media luz | Adiós muchachos | Afrokubanische Rumba | Bachata | Bachatango | BambucoBolero | Boogaloo | Cachua | Calypso | Candombe | Canyengue | Cayambe | Chacarera | Chamamé | Champeta | Corrido | Cortina | Cuarteto | Cumbia | Cumbia Andina | Cumbia Electrónica | Cumbia Romántica | Cumbia Villera | Danzón | Duranguense | El Choclo | Electrotango | Exotica | Guajira | Guaracha | Habanera | Huaino | Joropo | Kaseko | Kompa | La Cumparsita | Latin Hip Hop | Latin House | Latin Jazz | Latin Pop | Latin Rock | Mambo | Mariachi | Marinera | Merengue | Mestizo-Musik | Milonga | Murga | Norteña | Nueva Trova | Punta | Punta Rock | Rara | Reggaeton | Rumba | Salsa | Saya | Soca | Son Cubano | Son montuno | Songo | Tango | Tango Argentino | Tango de Salon | Tango Nuevo | Tex-Mex | Timba | Vallenato | Vals peruano | Zouk | Metal‎ | Alternative Metal | New Wave of American Heavy Metal | Black Metal | Blackgaze | Christlicher Metal | Dark 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Siehe auch: https://www.gangway.at/kultur/2084-oder-hey-siri-spiel-mir-mein-genre/

Ekaterina Degot

Eröffnungsrede zum steirischen herbst ’18

Europaplatz Graz, 20.9.18

steirischer herbst
20.9.–14.10.18

Ekaterina Degot © steirischer herbst

Der Platz, auf dem wir uns heute versammeln, heißt Europaplatz. Manche von Ihnen wissen das vielleicht gar nicht, denn dies ist offenkundig und unverkennbar ein Bahnhofsplatz. Genau so hieß dieser Platz auch, bevor er 1972 voller Stolz zum Europaplatz aufgewertet wurde. 1972 war ein Jahr des Optimismus, denn in der Politik gab mit Willy Brandt, Olof Palme und Bruno Kreisky ein starkes sozialdemokratisches Trio den Ton an. 1972 war ein gutes Jahr für das europäische Projekt.

Tatsächlich gibt es viele Europaplätze in Europa, die seltsamerweise oft an Bahnhöfen liegen, als befinde sich Europa stets anderswo und immer mindestens eine Zugreise weit entfernt. Nicht anders ist es in Berlin und Wien. Europaplätze sind in der Regel Nicht-Orte. Man kann ihren Namen kaum behalten und sie nicht einmal als Plätze im Gedächtnis bewahren. Sie sind Übergangszonen, Rundkurse der Migration, Rennbahnen für Aufbrechende und Neuankömmlinge, Heimat der Vertriebenen und von sich selbst Entrückten, sowie der Heimwehkranken und der Obdachlosen.

Als ich eingeladen wurde, den steirischen herbst zu leiten, und im vergangenen Jahr in dieser Funktion erstmals nach Graz kam, war ich mir schon im allerersten Augenblick sicher, dass das Festival nirgendwo anders beginnen kann als hier – im öffentlichen Raum und in einem Teil der Stadt, der einstweilen noch nicht zu ihrer bevorzugten Lage gehört. Ich wollte, dass wir den Anfang in diesem Durchgangsraum machen, dass wir uns versammeln, wo Einheimische und Außenseiter, Österreicherinnen und Österreicher und Fremde durcheinanderströmen und allesamt einer Unbeständigkeit anheimfallen, die für so manche ein Dauerzustand ist.

Während diese Rede in den vergangenen Tagen allmählich in meinem Kopf Gestalt annahm, suchte ich nach einem Anfang jedoch lange Zeit vergeblich. Ich fragte mich, wen ich eigentlich ansprechen wollte. Sollte ich mich an die „lieben Besucherinnen und Besucher des Festivals“, an meine „lieben Freunde und Kolleginnen“ oder gar an die „geschätzten Pressevertreter, Sponsorinnen und Unterstützer“ wenden? Sollte ich außerdem noch – oder stattdessen – versuchen, die Aufmerksamkeit zufälliger Passanten auf diesem Bahnhofsvorplatz zu gewinnen? Dieser Vorbeieilenden, die uns auf dem täglichen Weg von oder zu ihrem harten Tagwerk mitsamt ihrem schweren Gepäck anrempeln?

Sie erraten es schon: Mir geht es um diese Passanten. Denn auch wir selbst gehören schon zu ihnen und sind nicht mehr nur „liebe Besucherinnen“ oder „werte Gäste“, sobald wir uns dem Umzug der großartigen, furchtlosen Künstlergruppe Bread & Puppet Theater anschließen. Wir werden der mitreißenden Gewalt der Kunst erliegen und dem Vertrauen in unser eigenes besseres Selbst nachgeben, dem sich diese Gruppe verpflichtet weiß. Wir können nicht die „lieben Zuschauer“ sein und in dieser passiven Rolle verharren. Wir werden selbst zu einem Teil des Kunstwerks und verleihen ihm mit unserem eigenen Körper Gestalt.

Passantinnen und Passanten also. Aber wie soll ich diese, Sie, uns alle ansprechen? Doch nicht mit „Meine Damen und Herren“, und auch nicht als „liebe Freunde und Kolleginnen“, denn noch während ich das murmele, sind sie alle längst auf und davon.

Es gibt eine überall anerkannte Form der Ansprache, die mir in dieser Situation angemessen erscheint: „Verzeihung, dürfte ich Sie etwas fragen?“ – „Entschuldigen Sie, können Sie mir sagen, wo die Straßenbahnhaltestelle ist?“ – „Verzeihung, interessieren Sie sich für zeitgenössische Kunst?“ – „Entschuldigung, sind Sie für Einwanderung oder dagegen?“ – „Gestatten Sie eine Frage: Horten Sie Nazi-Devotionalien in Ihrer Wohnung?“ – „Verzeihung, sind Sie einverstanden mit dem Spruch ‚Tod dem Faschismus, Freiheit für das Volk!‘?“ – „Entschuldigung, sind Sie für Conchita oder für Gabalier?“

Solche Fragen werden wir Ihnen im Verlauf dieses Festivals stellen. Also verzeihen Sie mir bitte, falls und dass ich Sie anspreche. Bekanntlich soll man heute schriftlich um Erlaubnis fragen, bevor man jemanden anruft. In diesem Sinn bitte ich hiermit um Ihre Erlaubnis, mich direkt an Sie zu wenden: jetzt und in den kommenden Jahren, in der aktuellen und in künftigen Ausgaben des steirischen herbst. Wir wollen mit Ihnen reden über das, was für uns alle von Bedeutung ist. Wir wollen Sie – und das ist Teil des Spiels – in die prekäre Lage bringen, sich vielleicht von uns gestört zu fühlen.

Zugegeben: Es kann sehr lästig sein, wenn man von jemandem angesprochen wird. Ich bin die erste, die ihre Ruhe braucht und in Frieden gelassen werden will. Mir ist auch klar, dass Kunst stören und manchmal unerfreulich sein kann. Aber genau so soll Kunst eigentlich sein. Sie sollte unsere Überzeugungen erschüttern und eine andere Sicht auf die Dinge unterbreiten. Sie sollte zerstörend Neues schaffen. Manchmal, wenn wir Glück haben, geht sie dabei so weit, dass unser Leben hinterher nicht mehr dasselbe ist.

Hier setzt der neue steirische herbst an. Er nennt sich Volksfronten und handelt von den politischen Widersprüchen und Gegensätzen unserer Zeit. Wir alle sind Tag für Tag und in jedem Augenblick darin verstrickt. Die Widersprüche und Gegensätze sind gesellschaftlicher Art. Sie haben mit Ungleichheit und vorenthaltenen Lebenschancen zu tun. Sie brüten und nähren die Würmer des Faschismus. Unterdessen geraten wir auf eine falsche Fährte. Man erzählt uns, dass es in diesen Gegensätzen und Kämpfen um Kulturen, Religionen oder Rassen gehe, dass sie den geschniegelten und gebügelten, überkommenen Identitäten unserer Vorfahren und ihrer angeblichen Unvereinbarkeit mit den geringfügig anders geschneiderten Identitäten gewisser anderer entspringen.

Das ist nicht wahr, und es hindert uns, gemeinsame Sache zu machen. Dieser Verhinderung wollen wir mit dem Begriff Volksfronten unter Einbeziehung des darin mitschwingenden Unbehagens entgegentreten. Eigentlich ist die Sache ganz einfach. Nicht einfach sind die reichhaltigen, komplexen, vielschichtigen künstlerischen Gesten, die daran anknüpfen – die Projekte, Performances, Installationen und philosophischen Debatten. Wir hoffen, dass Sie sich Zeit für sie alle nehmen werden. Seien Sie mit uns in diesen drei leidenschaftlichen Wochen! Wir hoffen, uns in den kommenden Jahren mit Ihnen auf viele weitere geistige Wagnisse einzulassen.

Stefan Weber ist tot

Die Jüngeren wissen vielleicht nicht, woher sie den Namen kennen sollten, für meine Generation war er der komplett überdrehte schrille Bandleader von Drahdiwaberl, schon zu Lebzeiten eine Legende, hatte er 1969 doch die „wildeste Band Österreichs“ gegründet und bei allen Auftritten ordentlich die Sau herausgelassen. Nun ist er tot, 71-jährig gestorben und ich hoffe, er kann es mit den Engerln wieder ausgelassen treiben, denn in den letzten Jahren hatte er mit dem Scheiß-Parkinson keinerlei Lebensqualität mehr. Ich weiss nur zu genau wovon ich spreche, von seiner Tochter Monika und im Vorjahr habe ich ihn noch im Spital besucht. Aber „Gespräch“ gab es leider keines. Mich haben nur zwei dunkle Augen angestarrt als ob er mich verstehen würde, aber seine Zunge konnte keine Worte mehr formen. Ich war bei ihm, um die Zusage zu erbitten, seinen „Parkinson Blues“ übersetzen und als Duett aufnehmen zu dürfen. Monika sagte mir danach, dass er sich gefreut habe und mit meiner Übersetzung und dem Projekt einverstanden sei. Das war Parkinson im letzten Stadium und ich habe lange darüber sinniert, wann es wohl bei mir so weit sein würde, – und das waren keine guten Aussichten.

Schade, dass er seinen Blues nicht mehr auf der Parkinsong CD hören kann. Meine tiefe Anteilnahmne geht an Monika und die Familie, aber jetzt hat ers wieder gut, da oben mit den Engerln, denn unten habens ihn doch nicht reingelassen. R.I.P. Stefan.

G-G-SIX-O

Gerald Ganglbauer wird 60

Gerald-Ganglbauer-WSDer österreichisch/australische Verleger, Autor, Kulturjournalist und Parkinson Ambassador feiert Geburtstag in der Postgarage mit einem unplugged Benefizkonzert seiner Musikerfreunde, gemischt mit kurzen Lesungen aus „Geografie der Liebe“ und „Korrespondenzen auf Papier“ – www.gangan.com

Fix dabei ist Norbert Wally (The Base) und Singer/Songwriter Joerg Veselka, der seine neue Band vorstellt auch im ersten Beitrag für Parkinsong Duets zu hören ist.

Update 16.02.2018

In einer Woche geht das Fest über die Bühne, und es wäre beinahe ohne GG gelaufen. Vergangene Woche hatte ich einen heftigen grippalen Infekt mit hohem Fieber. Zum Glück geht es sich noch aus mit den verordneten Antibiotika vor dem Fest fertig zu sein, sonst hätte ich um Mitternacht nicht einmal mit einem Glas Sekt anstossen dürfen. Meine Stimme ist bis dahin wahrscheinlich immer noch unbrauchbar für ein Duett, wir hatten ohnedies keine Zeit für Proben, aber dabei sein ist schließlich alles!

Die Vorbereitungen sind daher eine Woche im Verzug und als Rekonvaleszent mit streng verordneter Bettruhe kann ich auch nicht viel machen. Neue Überraschungsgäste wie Thomas Moretti und Barbara Ladurner haben sich angesagt. Norbert Wally wird seine Stimme auch in einer Lesung aus Geografie der Liebe einbringen und Katharina Karmel wird ihre den Briefen aus Korrespondenzen auf Papier leihen.

G-G-SIX-O ist ein Fest und daher werden in der Postgarage keine Bücher verkauft, sondern Hunderte Bände von Reinhold Aumaier und Magdalena Sadlon verschenkt. Vorbestellungen der Bücher von Gerald Ganglbauer und Barbara Ladurner werden aber gerne unter verlag@gangan.at entgegengenommen. Infos unter www.gangan.com

ANNA

Anschließend kann mit ANNA (präsentiert von Audiotherapie) die Nacht bis in die frühen Morgenstunden abgetanzt werden – soundcloud.com/clashmusic/clash-dj-mix-anna – wir haben für unsere Gäste einen Spezialpreis für den heißen brasilianischen DJ ausgemacht.

Bilder vom Fest

Fotografiert von Lucija Novak

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Facebook QR CodeG-G-SIX-O und ANNA
Freitag, 23. Februar, 19 Uhr
bis Samstag, 24. Februar, 7 Uhr
Postgarage postgarage.at
Dreihackengasse 42 am Rösselmühlpark
8020 Graz

Spenden zugunsten von Parkinsong Duets www.parkinsong.orgpon.or.at | Gangan Verlag | Gangan Records

Gehen, Bewegen, Verändern

Das Leben

Schon bevor ich von Graz nach Wien ging, hat mich der Drang nach Veränderung vorangetrieben. Ich wollte immer wieder Neues sehen und erleben. Seit dem 16. Lebensjahr habe ich ausgedehnte Reisen unternommen und im Alter von 30 Jahren Europa Adieu gesagt. Mit einem Standbein auf der anderen Seite der Erde bin ich selbst eine Reise geworden um viel von unserer Welt zu sehen.

In Australien hatte ich Short Stories und Gedichte gesammelt, übersetzt und in Pionierarbeit verlegt. Vieles war dort unkomplizierter als in Österreich: Es gab keine bürokratischen Hindernisse, wenn man Ideen umsetzen und neue Projekte verwirklichen wollte. Mit zunehmender Globalisierung sind diese Unterschiede zwischen Alter und Neuer Welt heute allerdings schon weitgehend verschwunden.

Eine Reise

Doch das Leben ist eine Reise. Als ich im Jahr 2006 meine Parkinson-Diagnose erhielt, hat für mich ein langsamerer Lebensabschnitt begonnen. Diese Krankheit bremst mich. Aber: Was man nicht ändern kann, muss man wohl akzeptieren. Seit 2007 bin ich deshalb in Pension, habe Selbsthilfegruppen für Parkinson-Erkrankte gegründet und mit Dr. Gerschlager ein Parkinson-Forum aufgebaut.

Und die Wurzeln? Ich bin ein typischer Doppelstaatsbürger. Wenn ich mich in Europa aufhalte, fühle ich mich als Australier, wenn ich in Australien bin, als Europäer. Und immer als Auslandsösterreicher. Meine Luftwurzeln werden mich hoffentlich noch lange beweglich halten.

Version 2
Daheim in Stattegg, fotografiert von Werner Schandor

Soweit ein kurzes Statement, das ich vor zehn Jahren schrieb. Heute ist es nach wie vor gültig, wenn auch mein Bewegungsradius mittlerweile sehr viel kleiner geworden ist. Von 16.000 Kilometer im Flugzeug nach Sydney auf 16 Kilometer am Fahrrad nach Graz. Aber letztes Jahr war ich noch in den USA und 2019 will ich nach Japan.

Allerdings fürchte ich schon jetzt die Zeit, wenn es einmal nur mehr 16 Meter im Garten sein werden. Dann muss meine Vorstellung die Nullen ersetzen, müssen meine Reisen im Kopf weiter gehen, (mich) bewegen und verändern. Die körperliche Lähmung wird mich auf meine letzte Reise vorbereiten, hoffe ich.

Version 2Man weiss nichts über diese Destination. Es gibt viele Vermutungen, aber keine übermittelten Berichte.

Version 2Das wird noch lustig.

Welttag des Buches

23. April ist WELTTAG DES BUCHES und kunstGarten begeht ihn mit einer Literatur-Matinee

Die Autorin Marlen Schachinger (Foto: Wolfgang H. Wögerer, Wien) liest aus ihrem neuen und brandaktuellen Roman Martiniloben (5. Sep 2016, SEPTIME)

WBD-LandingPage_01_HeaderMona will der kalten Anonymität, dem aggressiven Gegeneinander und dem permanenten Stress in der Stadt entfliehen. Sie zieht in ein Dorf an der Landesgrenze, wo sie sich Ruhe und ein solidarisches Miteinander erhofft. Fortan pendelt sie zwischen beiden Lebenswelten und stellt fest, dass diese sich im Innersten ähneln. Das Dorf entpuppt sich als ebensolche Hölle wie die Stadt – nur mit einer anderen Dynamik: Mikrokosmos einer Gesellschaft, deren Klima durch Unsicherheit und Ängste dominiert ist, die einen radikalen Egozentrismus und rechte Tendenzen hervorrufen. Der vermeintlich erstarkte Gemeinschaftssinn äußert sich in manipulativer Sozialkontrolle: Fremdes wird kritisch beäugt, kommentiert und im Zweifel – ausgeschlossen. Als Mona sich für die im Dorf untergebrachten Flüchtlinge einsetzt, erfährt sie Missgunst und Ausgrenzung am eigenen Leib.
Durch Gerüchte genährt und Hetze geschürt, kippt die Stimmung im Dorf in Übergriffigkeit. Zum Martiniloben, dem Fest des Jahres, dem großen ländlichen Sauf- und Fressgelage, eskaliert die Situation.

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Karl-Markus Gauß schreibt: »Wie viele Autorinnen versammeln sich unter dem Pseudonym Marlen Schachinger? Ich schätze mindestens fünf. Die eine ist eine feministische Intellektuelle und Kämpferin erster Güte. Die zweite eine echte Stubengelehrte, die sich für so ziemlich alles interessiert. Die dritte gibt als fleißige und kollegiale Anthologistin einen Sammelband nach dem anderen heraus. Die vierte veröffentlicht Biografien, Sachbücher, Studien, Essays, Kurzgeschichten. Und die fünfte schreibt Romane, in denen sich alle fünf Frauen, die sich auf ihr gemeinsames Pseudonym geeinigt haben, regelmäßig treffen und bestens miteinander auskommen.«

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Aus organisatorischen Gründen  wird um Anmeldung bis zum Vorabend gebeten – unter kunstgarten@mur.at oder +43 316 262787. Bei Schönwetter und über 18° Celsius auf der Gartenbühne! Matinee Beginn 11:15.

schachinger lesung

Irmi Horn

Payer-Weyprecht-Str. 27
8020 Graz | Österreich
fon+fax +43(0)316 262787

2016

“Heite grob ma Tote aus”

Voodoo Jürgens, 2016

Jahresrückblick mit ELP auf dem Plattenteller

Dieses Jahr wurde es mir bewusst. Unsere Generation ist vom Aussterben bedroht, denn mehr und mehr Babyboomer lösen die Verbindung zum Mutterschiff Erde. Der biologische Zerfall ist angelaufen, unsere Wurzeln finden keinen nahrhaften Halt mehr im Boden. Meine Zeitgenossen wandern einer nach dem anderen ab ins Nirwana, oder wohin auch immer, wobei Himmel, Fegefeuer und Hölle schon grundsätzlich ausgeschlossen sind.

Im Jahr 2016 verstarben musikalische Legenden wie David Bowie, Leonard Cohen, Prince oder George Michael. Mit den Songs der ersteren konnte ich mich identifizieren, letztere waren gar nicht mein Geschmack. Aber die wahre Erkenntnis unserer Sterblichkeit liegt in der Tatsache, dass bereits zwei Drittel von ELP tot sind, wie auch Thomas Huber, einer meiner besten Freunde aus der Jugendzeit.

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Durch die Wüste (1980), Rannach (2012) und Kohfidisch Open Air (1977)

In Graz bin ich mit Emerson, Lake & Palmer herangewachsen, die ich 1973 auf meinem allerersten großen Rockkonzert live gesehen hatte. Welcome back my friends, to the show that never ends hat sich in mein Hirn eingebrannt, wie religiösen Menschen die Möglichkeit von unbefleckter Empfängnis. Speziell bei den Zeugen Jehovas, deren Besuche ich damals freudig zuließ, weil ich das nichtsahnende Paar in angeregter Diskussion immer wieder vom „rechten Weg“ abbringen wollte. Das gelang mir zwar nie, war aber eine ausgezeichnete Vorbereitung in Kommunikation und Rhetorik auf das spätere Studium.

Aber zurück zu ELP, dem Anlass zu dieser Betrachtung. Nach dem Konzert haben mir die Ohren vom quadrophonen Klangerlebnis so geglüht, dass ich mir sofort das gleichlautende dreifach-Album gekauft habe und die drei Briten zu meinen Lieblings Progrockern machte. Derart sozialisiert – soweit ich das beeinflussen wollte oder konnte –  habe ich auf unzähligen Openairfestivals in den späten 70er und frühen 80er Jahren guten Rock und freie Liebe gesucht und meine gelb-braun-gestreiften Hosen bekamen vor vier Jahrzehnten dementsprechend oft grüne Flecken auf uneinsichtigen Wiesenstücken.

Heuer ging die Show für ELP doch zu Ende. Keith Emerson starb am 11. März 2016 in seinem Haus in Santa Monica, Greg Lake starb am 7. Dezember 2016 an Krebs. Carl Palmer, Jahrgang 1950, geht es gut. Schlagzeuger leben gesünder.

“A bullet had found him
His blood ran as he cried
No money could save him
So he laid down and he died”

Aus: Lucky Man (Greg Lake)