Happy Birthday, Harri

60 Jahre Harri Stojka

Seine Finger greifen auch mit 60 noch unfassbar schnell die Saiten am Hals seiner Gitarre, die der Virtuose aus Wien, Floridsdorf, Träger des Goldenen Ehrenzeichens für Verdienste um die Republik Österreich, im Lauf seines Lebens in einem sehr breiten musikalischen Spektrum eingesetzt hat, etwa in der eigenen Band, dem Harri Stojka Express, an den ich mich noch gut erinnere, da wir etwa im gleichen Alter sind (OT: Wie es mir mit 60 geht? Früher freute ich mich aufs Fortgehen, jetzt ist es aufs Heimkommen.) aber auch mit Gipsy-Weltmusik und Rockstars wie Peter Wolf und Frank Zappa bis hin zu Musikern aus dem indischen Rahjastan, wo er auf der Suche nach seinen Wurzeln war.

Harri Stojka (* 22. Juli 1957 in Wien) ist ein österreichischer Gitarrist, Komponist, Arrangeur, Bandleader und Sänger, der als einer der bedeutendsten österreichischen Jazz-Musiker der Gegenwart gilt. „Harri“ entstammt der Lovara-Roma-Dynastie vom Stamm der Bagareschtschi und zählt zu den bekanntesten Roma Österreichs. Sein weltmusikalisch geprägter Musikstil wird auch „Gipsysoul“ genannt. Daneben spielt er mit Erfolg auch swingorientierte Musik, weiß das Lexikon.

 

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Auf seiner Birthday Concert Tour lässt er sich in der Generalmusikdirektion Graz, dann dem Kulturzentrum Kremsmünster, dem Treibhaus in Innsbruck und schließlich im Wiener Konzerthaus mit guten Freunden aus vielen Jahren feiern. Other Doors nennt sich seine jüngste Formation mit Claudius Jelinek, Gitarre, Alex Deutsch, Schlagzeug und Peter Strutzenberger, Bass. Im Roma Musik Enseble erweitert sich die Besetzung um Geri Schuller, Keyboard, Saška Janković, Gesang, Andi Steirer, Percussion, und Herbert Berger, Klarinette, und jm India Express mit Kutle Khan, Gafur Khan und Aditya Bhasin, Maultrommel, Tarang, Tabla, Gesang.

Das Publikum in Graz, großteils ebenso 60 oder darüber, war hellauf begeistert, lauschte, klatschte, sang „Happy Birthday, dear Harri“ und tanzte zur zweiten Draufgabe, einem zwar betagten aber immer noch swingenden Tune aus seinem neuesten Projekt, Harri Stojka goes Beatles.

Seine offizielle Website: www.harristojka.at

50 Jahre steirischer herbst

Updates >> 24. September >> 11. Oktober >> 14. Oktober

Die letzte Eröffnung

Where are we now? Die scheidende Intendantin Veronica Kaup-Hasler erinnerte in ihrer emotionalen Rede, dass der steirische herbst das älteste multidisziplinäre Festival für zeitgenössische Kunst in Europa sei und sich immer wieder neu erfinden müsse. Mit fünfzig Jahren am Buckel und dem 88-jährigen früheren Präsidenten Kurt Jungwirth anwesend kam ich mir auch schon sehr alt vor. Immerhin hat der steirische herbst seit dem Jahr 1977 mein Leben begleitet und damit sicher auch meine Offenheit für Neues und meine Liebe zur Avantgarde durch ein erweitertes Kulturverständnis mitgeformt. Obwohl es heute noch Menschen gibt, die unter dem steirischen herbst einfach den Herbst in der Steiermark verstehen, bin ich überzeugt, dass durch die unermüdliche Aufklärung des Festivals das seinerzeit kleinstädtische Bewußtsein der Einheimischen im Lauf der Jahre weltoffener geworden ist. Steter Tropfen höhlt den Stein.

Die nackte Performance

Die dänische Choreografin Mette Ingvartsen kannte ich bereits von 7 Pleasures, die ich vor zwei Jahren das Vergnügen hatte im Dom im Berg zu sehen. Mit to come (extended) landete sie eine gelungene Urauführung, einen vielstimmigen Orgasmus vor weitaus größerem Publikum. Die Anwesenden waren von der erotischen Körpersprache sichtlich begeistert, wenn auch ohne spontane Entkleidungen und Beteiligung am Tanz, die wohl so manchem in den Sinn gekommen war. Schade, dass man während der zweiteiligen blau/nackten Vorstellung nicht fotografieren durfte, Wer nicht dabei war und die Produktion dennoch unbedingt sehen will, muss eben nach Paris fliegen.

Das große Buffet

Als nach dem lange anhaltenden Applaus für die Tänzer ein schier endlos scheinendes Buffet langsam auf die Bühne gerollt wurde, war die Reaktion etwas zögerlich, doch dann ging es schnell, La Grande Bouffe war in der Tat ein opulent-sinnliches Angebot für den Gaumen, dem niemand widerstehen konnte. Beim darauf folgenden Abtanzen konnte man die Kalorien ohnedies wieder abbauen, sich mit den numehr bekleideten Tänzern aus aller Herren Länder unterhalten und nach Mitternacht guter Dinge nachhause fahren.

Stattegg, am 23. September 2017

Die nackte Performance II

Am nächsten Tag setzt sich das Nacktsein auf der Bühne fort. Ich frage mich, ob es in einer Zeit, in der die in den 60ern erkämpfte Freiheit von einem neuen Konservatismus langsam wieder überdeckt wird, der Kunst bedarf, an sexual liberation zu erinnern.

Simon Mayer – Oh Magic

In der Abgeschiedenheit des Dom im Berg ist diese Erinnerung großartig gelungen. Der Oberösterreicher Simon Mayer hat es im besten Sinn mit seinem choreografierten Konzert Oh Magic mit Clara Frühstück, Tobias Leibetseder und Patric Redl, sowie den von Manuel Wagner ferngesteuerten Robotern bewiesen. Die Premiere bot 70 Minuten lang Überraschungen, anfangs im verdunkelten Raum den zaghaft suchenden Scheinwerfer eines R2-D2 artigen Lichtroboters, die ruhige Melodie eines selbstspielenden Klaviers, einer Triangel, Rückkopplungen eines Mikrofonroboters im Zusammenspiel mit dem Erscheinen des Menschen mit Stimme, Atmung und rockigem Sound Design, bis hin zur schrittweisen Entkleidung, ekstatischer Besessenheit mit dem nackten Körper und an Wahnsinn grenzende Trommelrituale. Ich gebe zu, dass diese Subsummierung in einem Satz der erlebten Show in keiner Weise gerecht wird, aber vielleicht verirrt sich der eine oder andere Leser noch zum Talk nach der zweiten und letzten Aufführung am Sonntag.

Stattegg, am 24. September 2017

Die zwei Alten

Einmal gänzlich ohne nackte Haut kommt die berührende Dokumentation der belgischen Künstlergruppe Berlin vom (Über-)Leben von Nadia und Pétro Opanassovitch Lubenoc aus. Zwei 80-jährige, die sich weigerten, nach dem nuklearen Meltdown im 25 Km entfernten Tschernobyl das ukrainischen Dorf Zvizdal (so auch der Titel des Stücks) zu evakuieren, werden einfühlsam porträtiert.

Massstabgetreues Modell aus Zvizdal

Über einige Jahre hinweg wurden die beiden eigensinnigen Verweigerer jeglicher Vernunft besucht und gefilmt, wie sie ihren kontaminierten Heimatboden bestellen und abgeschnitten von der Welt ohne Strom und fließendes Wasser der Natur und den unsichtbaren Strahlen trotzen. Auch die Liebe zwischen den beiden früheren Nachbarn wuchs im Sperrgebiet. Das umfangreiche Filmmaterial bis zum Tod Pétros wurde in eine multimediale Aufführung eingebettet, die mich nachdenklich hinterließ, was im darauffolgenden Talk auch das Publikum zum Ausdruck gebracht hat.

Auf dem Heimweg sind mir Parallelen zu Marlen Haushofers Die Wand in den Sinn gekommen.

Nadja lebt im Internet weiter: berlinberlin.be/chernobyl code: leavingzvizdal

Stattegg, am 11. Oktober 2017


Die nackte Performance III

Auch Apollon Musagète, die „Freakshow“ von Florentina Holzinger, wollte ich mir anschauen, aber leider war das wegen einer Terminkollision mit dem Jazz Festival Leibnitz nicht möglich gewesen. War sehr gut, wie man mir berichtet hat.

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Apollon Musagète | Foto ©2017 Radovan Dranga

Eine Gelegenheit, wieder einmal meinem Bedauern Ausdruck zu verleihen, dass ein Großteil der Produktionen viel zu kurz, nämlich meist nur zweimal, auf die Bühne kommt. Einem Besucher mit durchschnittlicher Freizeit ist es dadurch kaum möglich, sich alles anzusehen. Die herbst-Statistik gefällig? An 24 Festivaltagen gab es 137 Projekte und 451 Einzelveranstaltungen, das ist genauso wenig machbar, wie alle Bücherneuerscheinungen des Herbstes zu lesen.

Where Are We Now?

In der „Philosophierkantine“ des steirischen herbst werden bei einem Glas Wein und Speisen aus der Bar Gedanken weitergesponnen. Aber erst einmal wurde in eigener Sache das herbst-Buch vorgestellt.

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Buchpräsentation: 50 Antworten auf die Frage „Where Are We Now?“

Vorträge wurden als Diskussionsgrundlage serviert: Mangelnder Zugang zum Weltkulturerbe wurde von einer Kuratorin bedauert, Weltreligionen in einem Filmbeitrag angesprochen und heftig diskutiert, danach kam eines meiner Lieblingsthemen und ein süßes Dessert auf den Tisch: „Poly“ (Polyamory), ein Thema, das an unserem Tisch für angeregte Gespräche sorgte. Um Trading in einem Eisbrecher ging es im letzten Vortrag des Abends, aber da sich die Uhrzeiger gegen Mitternacht bewegten, hatten sich die Tische schon weitgehend gelichtet. Gute Nacht.

Pursuit of Happiness

Mit meinem letzten Gig im 50. steirischen herbst schließt sich der Kreis. Nature Theater of Oklahoma und die slowenische EnKnapGroup inszenieren in der Grazer Helmut List Halle ihre Suche nach dem Glück: „Pursuit of Happiness“. Das zweiteilige Stück trug ganz eindeutig die Handschrift der New Yorker. Im ersten Teil die Saloon-Szenen, Whiskey an der Bar, Finger am Abzug der Colts, Raufereien und ausgeschlagene Zähne, danach der überlange Monolog des Künstlers. Ich erinnerte mich an Life and Times – Episode VI, auch hier wieder die betont künstlichen Bewegungen, die extrem artikulierte Sprache, den persiflierten Akzent der Südstaaten und die großartige Darstellung der Tanzgruppe, für die der hohe Textanteil auch etwas Neues war, wie wir im anschließenden Talk erfuhren. Bleibt zu hoffen, dass die acht Slowenen (zwei Mitglieder der Gruppe waren nicht in dieser Produktion) auch mit eigenen Shows nach Graz kommen.

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Abschied von Pavel und Kelly, die in Neuberg an der Mürz noch den Dreh von Die Kinder der Toten fertigstellen, und von Veronica, deren Nachfolge  Ekaterina Degot antreten wird. Ich bin schon gespannt auf den 51. steirischen herbst (und den Ausgang der morgigen Nationalratswahl).

Stattegg, am 14. Oktober 2017

All that Jazz

Berndt Luefs Jazztett Forum Graz ist ein fester Bestandteil der hiesigen Jazzszene, Luef selbst ein Urgestein. Wir kennen einander seit Jahrzehnten und ich habe schon einige Berichte in Gangway Music Reviews über seine Musik verfasst. Über die zehn hervorragenden Jazzmusiker, allesamt Profis mit eigenen Bands oder im Musikunterricht, braucht man nichts mehr zu sagen, auch deren Schrullen (wie barfuß auf der Bühne zu stehen) sind bekannt.

Cover_35d7230f16Für mich bislang unbekannt war Dorothea Jaburek, eine sehr sympathische kleine Frau mit großer Stimme, die ich auch deshalb erwähne, weil sie nach der Show meine Frage sofort spontan mit einem JA beantwortet hat, ob sie mit uns bei Parkinsong Duets mitsingen würde.

Hier eine Hörprobe, fünf Minuten Live Mitschnitt von gestern Abend, „Between the Walls“, von der gleichnamigen CD, den ich mit meiner nagelneuen ultrakleinen Canon IXUS 190 aufgenommen habe. Viel Vergnügen.

Dorothea Jaburek ist auf Facebook und hat eine ausführliche „hörbare“ Website – www.dorotheajaburek.com

2016

“Heite grob ma Tote aus”

Voodoo Jürgens, 2016

Jahresrückblick mit ELP auf dem Plattenteller

Dieses Jahr wurde es mir bewusst. Unsere Generation ist vom Aussterben bedroht, denn mehr und mehr Babyboomer lösen die Verbindung zum Mutterschiff Erde. Der biologische Zerfall ist angelaufen, unsere Wurzeln finden keinen nahrhaften Halt mehr im Boden. Meine Zeitgenossen wandern einer nach dem anderen ab ins Nirwana, oder wohin auch immer, wobei Himmel, Fegefeuer und Hölle schon grundsätzlich ausgeschlossen sind.

Im Jahr 2016 verstarben musikalische Legenden wie David Bowie, Leonard Cohen, Prince oder George Michael. Mit den Songs der ersteren konnte ich mich identifizieren, letztere waren gar nicht mein Geschmack. Aber die wahre Erkenntnis unserer Sterblichkeit liegt in der Tatsache, dass bereits zwei Drittel von ELP tot sind, wie auch Thomas Huber, einer meiner besten Freunde aus der Jugendzeit.

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Durch die Wüste (1980), Rannach (2012) und Kohfidisch Open Air (1977)

In Graz bin ich mit Emerson, Lake & Palmer herangewachsen, die ich 1973 auf meinem allerersten großen Rockkonzert live gesehen hatte. Welcome back my friends, to the show that never ends hat sich in mein Hirn eingebrannt, wie religiösen Menschen die Möglichkeit von unbefleckter Empfängnis. Speziell bei den Zeugen Jehovas, deren Besuche ich damals freudig zuließ, weil ich das nichtsahnende Paar in angeregter Diskussion immer wieder vom „rechten Weg“ abbringen wollte. Das gelang mir zwar nie, war aber eine ausgezeichnete Vorbereitung in Kommunikation und Rhetorik auf das spätere Studium.

Aber zurück zu ELP, dem Anlass zu dieser Betrachtung. Nach dem Konzert haben mir die Ohren vom quadrophonen Klangerlebnis so geglüht, dass ich mir sofort das gleichlautende dreifach-Album gekauft habe und die drei Briten zu meinen Lieblings Progrockern machte. Derart sozialisiert – soweit ich das beeinflussen wollte oder konnte –  habe ich auf unzähligen Openairfestivals in den späten 70er und frühen 80er Jahren guten Rock und freie Liebe gesucht und meine gelb-braun-gestreiften Hosen bekamen vor vier Jahrzehnten dementsprechend oft grüne Flecken auf uneinsichtigen Wiesenstücken.

Heuer ging die Show für ELP doch zu Ende. Keith Emerson starb am 11. März 2016 in seinem Haus in Santa Monica, Greg Lake starb am 7. Dezember 2016 an Krebs. Carl Palmer, Jahrgang 1950, geht es gut. Schlagzeuger leben gesünder.

“A bullet had found him
His blood ran as he cried
No money could save him
So he laid down and he died”

Aus: Lucky Man (Greg Lake)

Ausgegrenzt

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Airbourne am Big Day Out in Perth | Foto © 2011 Gerald Ganglbauer

Graz liegt nicht mehr auf der Landkarte des Rockzirkus

Die jungen Grazer tun einem leid. Sie müssen sich mit Andreas Gabalier zufrieden geben und aus dem Ausland kriegen sie gerade noch Unstimmig ein allerletztes Mal zu sehen. Auf der Landkarte internationaler Tourneen existiert Graz schon lange nicht mehr. Man muss sich sogar Rammstein im Westaustralischen Perth am Big Day Out anschauen oder zumindest nach Wien oder München fahren. Niemand kommt mehr nach Graz.

Zu meiner Zeit waren sie alle hier, von ELP über Dire Straits bis zu Frank Zappa. Auch der große Leonard Cohen. Aber heute gibt es keinen Vojo Radkovic, der sie für Vojo Concerts verpflichtet hätte. Er könnte sich das exorbitante Risiko heutzutage auch gar nicht mehr leisten. Damals ist die Neue Zeit eingesprungen. 2016 traut sich kein Grazer Veranstalter mehr an Rocklegenden, denn selbst ein ausverkauftes Konzert würde die Kosten nicht decken und die Stadt Graz erachtet Popkultur nicht als förderungswürdig. Ohne private Sponsoren bleibt es halt bei Gabalier. Sorry, Graz.

steirischer herbst 2016

Vom 23. September bis 16. Oktober 2016 krempelt sich der steirische herbst die Ärmel hoch:“ Wir schaffen das.” Die diesjährige Eröffnungsproduktion entführt in die Traumwelten des französischen Theaterzauberers Philippe Quesne. Für den steirischen herbst gräbt er sich unter die Erdoberfläche und stößt dort auf eine skurrile Gesellschaft.

steirischer herbst festival gmbh
Sackstraße 17
8010 Graz Austria
t +43 316 823 007
f +43 316 823 007 77
info@steirischerherbst.at

Wir schaffen das.
Über die Verschiebung kultureller Kartografien
.

Kultur soll leistbarer werden mit den neuen herbst-Blocks | Grafik © steirischer herbst

Das diesjährige Motto könnte sich sogar auf mein neues Buch beziehen, habe ich doch mit meiner Geografie der Liebe immer schon kulturelle Grenzen verschoben. Wen das plakative “Wir schaffen das” hierzulande wozu motivieren soll, werden wir am 23. September auch nicht herausfinden. Behauptet hat es Angela Merkel, wobei Ähnlichkeiten mit Slogans von Bob the Builder und Barack Obama rein zufällig sind, wie ich annehme.

Heuer wird das Kulturangebot des steirischen herbst für jedermann erschwinglich mit den neuen herbst-Blocks: bis zu 56% des Ticketpreises sparen, herbst-Blocks (ab € 70 für den ermäßigten 6er) ab sofort online kaufen und einlösen. Das gesamte Programm gibt es auf www.steirischerherbst.at zu sehen. Wir werden von der Eröffnung berichten, Fotos vom musikprotokoll posten und hier mit einem Rückblick abschließen.

Buchungshotline +43 (0)1 96 0 96 (zum Ortstarif)
Öffnungszeiten: Mo – So: 09:00 – 21:00 Uhr
Sommeröffnungszeiten Juli & August: Mo – So: 09:00 – 20:00 Uhr

Stattegg-Ursprung, am 30. Juli 2016

Eröffnung

Über die herbst-Eröffnung kann ich nichts berichten, da ich zu dem Zeitpunkt in Portland, Oregon (USA) eine Präsentation meines virtuellen Selbsthilfe-Modells am 4th World Parkinson Congress machte und erst am 26.9. wieder in Graz landete. Es sei gut gelaufen, höre ich, beim Fest in der Helmut List Halle tummelten sich wie immer viele Leute. Das herbstliche Gesichtsbad ist für heimische Kulturschaffende schließlich ein Pflichttermin.

Apichatpong Weerasethakul (TH)
Cemetery of Splendour / Fever Room

Apichatpong Weerasethakul am Eröffnungsabend der Viennale 2010 im Wiener Gartenbaukino | Foto: © Manfred Werner

Mittwoch tauche ich ein: Der steirische herbst zeigt den neuen Film des thailändischen Regisseurs Apichatpong “Joe” Weerasethakul, ein sanftes Meisterwerk von traumwandlerischer Magie, das ganz hervorragend zu meinem Jetlag passt. Ich frage mich nur, welche Absicht dahinter stand, nach der Filmvorführung zwei selbstgefällige (weil eine Beteiligung aus dem Publikum ignorierende) vormalige Standard-Köpfe, nämlich Alexander Horwath (Österreichisches Filmmuseum) und Claus Philipp (Wiener Stadtkino) auf die Bühne zu setzen, und als Experten die “aus dem Kino kommen”, über einen Regisseur zu reden, der weit genug weg ist, um sich der Peinlichkeit nicht auszusetzen, wie marktschreierisch die beiden ihr 2009 erschienenes mittlerweile vergriffenes Buch über “Joe” oder gar “Joey” nun als PDF (!) auf einer DVD (!) bewerben. Und um den TALK nicht gänzlich zum Marketing-Spin absinken zu lassen, projiziert man den Film in sehr kleinem Rahmen (Orpheum Extra), so dass die Karten innerhalb der herbst-Fangemeinde schon ausverkauft waren, lange bevor die Show über die Bühne ging und das gemeine Volk überhaupt eine Chance hatte, sich etwas anzuschauen. Man fragt sich, ob der steirische herbst nun ein elitäres Programmkino geworden sei. Doch dafür war der Raum zu kalt und das Sitzen zu unbequem, auch wenn die Intendantin in der Pause auf lauwarme Drinks einlud.

Talk mit Alexander Horwath (Österreichisches Filmmuseum) und Claus Philipp (Wiener Stadtkino) | Foto: © Gerald Ganglbauer

Zwei Tage später, Freitag: Fever Room. Vor dem Orpheum sind kaum Leute, ich sehe Gerhard Melzer und wir wundern uns über die wenigen Besucher des “ausverkauften” Zwillingswerkes von Apichatpong Weerasethakul. Drinnen sind wir gezwungen, am nackten Boden zu sitzen. In Südost-Asien ist das wohl so üblich, hier bezweckte die Unbequemlichkeit vermutlich, nicht aus Langeweile einzuschlafen. Einmal, und noch einmal werden uns Orte und Gegenstände aufgezählt, bezeichnet, aus der Erinnerung an Träume. Jen und Itt, die schlafenden “Hauptdarsteller” in beiden Filmen teilen sich ihre Träume. Der Mekong Fluss, eine Höhle, und – als Sohn zweier Ärzte – immer wieder Szenen aus dem Krankenhaus. Nun statt auf einem auf vier Screens, fast bis zum Stillstand verlangsamt. Auch hier Schlafattacken. Der thailändische Heimatfilm ohne Handlung ist durch die Vervielfachung nicht weniger langatmig, trotz teils schöner visueller Eindrücke, die sowohl den politischen Aspekt in einem unter der Militärdiktatur zerfallenden Land einbeziehen, als auch die Umweltverschmutzung. Aber im Westen sitzt man auf Stühlen und glaubt nicht an Geister, auch wenn sie sich im zweiten Teil der “Installation” mit Laserlicht und Weihrauch dem Publikum präsentierten. Keine Warnung, dass man mit ungeschützten Augen nicht in den Laser schauen dürfe, und so erwachte ich heute mit brennenden Augen, weil das weiße Licht uns immer und immer wieder viel zu lange direkt in die Pupillen strahlte.

Lasershow aus “Fever Room” | Foto: © Chai Siris / Kick the Machine Films

Der 46-jährige Apichatpong Weerasethakul aus Bangkok, der 2010 als erster thailändischer Filmemacher die Goldene Palme der Internationalen Filmfestspiele von Cannes erhielt, sagt in einem französischen Interview, dass er es mag, wenn das Publikum “im Dunkeln sitzt wie Zombies”. Er will, dass wir uns unterordnen. Ich vermute, dass Europäer diese filmische Auseinandersetzung mit Thailands Geistern bestenfalls als “interessant” bezeichnen, obwohl Matthias Dell im SPIEGEL ONLINE begeistert scheint. Aber wenn es uns hier interessiert, wäre es in einem Südost-Asien Schwerpunkt im KIZ Programmkino besser aufgehoben, ohne dass sich das Publikum als “Oberfläche, auf die ein Licht projiziert wird” unterordnen muss.

Stattegg-Ursprung, am 30. September 2016

musikprotokoll

Das musikprotokoll war anfangs noch schwach besucht, erst Blixa Bargeld füllte den Dom im Berg | Fotos: © Gerald Ganglbauer

Blixa Bargeld
Kommod vs. Schiach

Wenn auch schon etwas gerundet (wie viele in unserem Alter) so ist Blixa Bargeld auch im schwarzen Anzug immer noch ein bunter Vogel. Er kann sogar kreischen wie ein Sulphur-crested cockatoo. Das muss er mit Nick Cave im australischen Outback gelernt haben. Wie auch immer, der Mann, der die Einstürzenden Neubauten oder Nick Cave and The Bad Seeds in seiner Biografie hat, ist auch (fast) solo eine imposante Erscheinung. Ich habe zwar ein oder zwei Alben der Neubauten am Mobiltelefon und höre ab und zu auf YouTube auch neuere Sachen, hatte das Material dieser One-Man-Show aber nicht gekannt. Daher war ich umso mehr beeindruckt, was man mit einer Stimme, zwei Loop-Recordern und einem guten Tontechniker an schrägen Klängen und mitreissenden Rhythmen live auf der Bühne zusammenbasteln kann. Kreative Ideen vorausgesetzt, wie z.B. das Sonnensystem akustisch nachzubauen, dabei das Publikum in eine unendliche Tonschleife einzubauen (und über Unendlichkeit zu philosophieren) oder spontan aus dem Publikum zugeworfene Worte – wir einigten uns nach einiger Diskussion auf Kommod und Schiach – in einem Duell zu verarbeiten. Das waren knappe eineinhalb Stunden bester Unterhaltungsqualität, die es wert waren darauf zu warten. Die beiden vorangegangenen Klangkünstler habe ich größtenteils mit einer jungen Dame in einem Seitenstollen des Schlossbergs vertratscht. Und ich erreichte laufend (und keuchend) auch gerade noch die vorletzte Straßenbahn nach Andritz.

ORF Radio-Symphonieorchester Wien & Klangforum Wien
Größe macht doch was aus

Unter der Leitung von Johannes Kalitzke war eine Urauffführung der besonderen Art in Graz zu erleben. Das ORF Radio-Symphonieorchester Wien vereinte sich mit dem Klangforum Wien zu einem fast 100-köpfig anmutenden Klangkörper für die Werke der türkischen Komponistin Zeynep Gedizlioglu (im Bild rechts unten) und des Slowenen Vito Zuraj. Zeitgenössische/neue Musik gehört nicht zu meiner täglichen Beschallung, aber hin und wieder kann sie auch mich durchaus entzücken. Ungewöhnliche Besetzungen wie in einer Komposition für drei Mundstücke (links oben) bis zum unisonen Klang aller nur denkbaren Instrumente in oft nicht vorgesehenem Einsatz ebendieser gehört zu den seltenen “ganzkörperlichen” Hörerlebnissen, die einen von FM4 zu Ö1 wechseln lassen. Noch besser war es allerdings, dieses “Concerto Grosso” live zu erfahren.

ORF Radio-Symphonieorchester Wien & Klangforum Wien in der Helmut List Halle | Fotos: © Gerald Ganglbauer

Stattegg-Ursprung, am 7. Oktober 2016

Exkurs zur Geografie der Liebe

Der dritte Tag musikprotokoll fiel für mich verständlicherweise aus, da ich an jenem Abend eine eigene Lesung/Buchpräsentation/Talk aus meinem neuen Buch Geografie der Liebe im passenden Ambiente des KunstGartens hatte. Volles Haus, gute Stimmung, aber die Journalisten waren wohl alle beim steirischen herbst.

Intime “Wohnzimmer-Atmosphäre” im KunstGarten Graz | Foto: © Irmi Horn

Stattegg-Ursprung, am 10. Oktober 2016

Die Bilanz

Der steirische herbst 2016, der dem Leitmotiv “Wir schaffen das. Über die Verschiebung kultureller Kartografien” folgte, ist zu Ende. Die Intendantin zog wiederum Bilanz, aber ich wurde das Gefühl nicht los, dass der Dampf raus war. Kann man sich wirklich 50 Jahre lang der Avantgarde widmen und sich immer wieder neu erfinden? OK, ich habe heuer den Anfang wegen einer Terminkollision mit einem Kongress in Portland und das Ende wegen eines Festivals in Leibnitz nicht gesehen, aber dazwischen war nicht wirklich viel, wie mir schien, und nichts das mich vom Stockerl gehaut hätte wie so manches in den Jahren zuvor. Ja haben sie es denn geschafft? Was wollten sie überhaupt schaffen? Wer wollte es schaffen? Wir als Menschheit, Europäer, Österreicher, Kulturschaffende, Künstler, oder nur als Publikum?

Daraufhin habe ich mich auf der Straße umgehört und das Ergebnis meiner improvisierten Umfrage hat selbst mich überrascht. Obwohl der steirische herbst bald 50 wird gibt es Grazer, die noch nie vom steirischen herbst gehört hatten, bzw. dachten, dass es sich dabei um die Jahreszeit Herbst in der Steiermark handle. Dann gab es jene, die zwar davon gehört hatten aber nicht wussten, dass er gerade über die Bühne ging, geschweige denn, was das heurige Leitmotiv meinte. Den Poststempel habe man zwar auf Bussen und in Schaufenstern gesehen, aber da er seit Jahren gleich aussieht, nicht beachtet. In der Firma steirischer herbst festival gmbh sollten schon die Warnlampen aufleuchten.

Die vorläufige Bilanz: An 24 Festivaltagen gab es 130 Projekte und 465 Einzelveranstaltungen. Mehr als 50.000 Besucherinnen und Besucher (diese Zahl stagniert seit Jahren) zählte das Festival, nicht zugerechnet seien dabei die Projekte, die im öffentlichen und medialen Raum stattgefunden haben. Man freute sich zwar auch über die Auslastung von über 90% bei den szenischen Produktionen und Konzerten, aber im Vorjahr waren es noch 95%. Etwa 900 Beteiligte aus insgesamt 56 Nationen waren involviert.

Stattegg-Ursprung, am 16. Oktober 2016

steirischer herbst 2015

Alle Welt blickt auf Michael J. Fox, dessen Film-Trilogie am 21.10. eine neue Bedeutung bekommt, wenn wir Prophezeiung und Gegenwart vergleichen. Mit dem Parkinson Ambassador kriege ich auch elegant die Kurve zum heurigen Thema des steirischen herbst.

Das Programmbuch
steirischer herbst 2015
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“Zurück in die Zukunft!”

Eröffnung steirischer herbst 2015 – ich, das Publikum, mein Tischnachbar, die Intendantin, DJs | Fotos © Claudia Parenzan

Specter of the Gardenia oder Der Tag wird kommen

Der Autor Josef Winkler verlässt die Bühne, eine Dame aus dem Publikum, der Sprecher Johannes Silberschneider, die List-Halle nach der Aufführung, das legendäre Fest | Fotos © Claudia Parenzan

7 Pleasures – Mette Ingvartsen

Nach einer Erfrischung im Graf Leopold freut es mich, Gerhard Melzer (mit dem ehemaligen Literaturhaus-Chef redet es sich gut über Josef Winklers Specter of the Gardenia) und Christine Gaigg (wir hatten uns bei ihrem Stück Maybe the way you made love 20 years ago is the answer? im Vorjahr kennen gelernt) wieder im Dom im Berg zu entdecken.

Langsam steigt die Spannung und das Foyer füllt sich mit Menschen. In „7 Pleasures“ – einer Uraufführung der dänischen Choreografin und Tänzerin Mette Ingvartsen – ist hautnah mitzuerleben, wie sich Konzepte von Nacktheit und Sexualität durch die Zeit verändert haben. So steht es in der Programmankündigung und alle in der engen Menschentraube sind auch aufgrund des einzig kursierenden Bildes gespannt was man wirklich zu sehen bekommt und drängen sich um die besten Plätze. Das Publikum ist vorwiegend unter 30 und die junge Dame rechts von mir reckt ihren Hals, um sich nur ja kein Detail entgehen zu lassen, während ein harter drum-loop laut auf uns ein hämmert bis sich die Tänzer aus dem Publikum herauslösen, entkleiden, und auf der Bühne ihre Positionen einnehmen.

Die folgenden 90 Minuten sind zur Gänze dem Vergnügen gewidmet, jenem des Zusehers, der von jedem der sieben Abschnitte auf andere Weise begeistert und überrascht ist, aber auch von dem Spass, den die Tänzer bei der Performance haben, auch wenn es professionelle Darsteller sind, die – wie wir im darauf folgenden Publikumsgespräch erfahren – sehr genau individuelle intime Grenzen definiert haben. Die wechselnde Dynamik der Vergnügen faszinierte, riss einen mit und nahm jegliche Langeweile aus den Segmenten, die von einer ungeheuerlichen Langsamkeit der Bewegungen bis zum energiegeladenen Beat reichten, bei dem so mancher Zuseher wie Yours Truly auf den Schenkeln mitklopfte und selbst am liebsten mitgemacht hätte.

7 Pleasures Talk nach der Performance im Dom im Berg | Foto © Claudia Parenzan

Öffentliche Nacktheit per se und Performances nackter Körper sind nichts ungewohntes für uns Zeitgenossen, aber die politische Dimension, die von Mette Ingvartsen auch im nachfolgenden Gespräch betont wird, ist interessant und auch im Publikum nimmt man wahr, dass sich seit der Flower-Power-Revolution der 60er Jahre mit All You Need Is Love, freier Liebe, Woodstock (da wäre ich gern dabei gewesen) Vietnam-Kriegsgegnern, Anti-Atomkraft- und Frauenbewegung ein neuer Konservativismus in der Jugend breit macht, dessen Ursache in der frei zugänglichen Pornografie zu liegen scheint, mit der die What’s App-Generation aufwächst.

Ich als einer der „alten Nackten“ verstand die Botschaft, stellte aber die Frage in den Raum, ob es nicht besser sei, mit der Tanzperformance tatsächlich an eine breitere mediale Öffentlichkeit zu gehen, als in einem kleinen exklusiven Rahmen den bereits Bekehrten zu predigen. Nun, die Produktion wird von Graz aus auf die Reise durch Europa gehen, vielleicht „normalisiert“ sie noch einige Menschen, die zu dem nackten Körper noch kein so natürliches Verhältnis gefunden haben, wie das Dutzend Tänzer rund um Mette Ingvartsen.

Die dänische Choreografin und Tänzerin Mette Ingvartsen (35) im Gespräch | Foto © Claudia Parenzan

Ursprung, am 28. September 2015

Luise 37 – Die Rabtaldirndln

Die Rabtaldirndln in Hart bei Graz | Foto © Claudia Parenzan

Der sogenannte “Speckgürtel” (damit meint man die reicheren Dörfer in Graz Umgebung) hat was. Nämlich eine gute Portion Selbstironie, wenn man eine Show der Rabtaldirndln (Barbara Carli, Rosi Degen, Bea Dermond und Gudrun Maier) erlebt hat. Ich muss vorausschicken, dass ich mit dem Hintergrund, dem Spannungsfeld zwischen Stadt- und Landkultur, recht gut vertraut bin, da ich selbst seit kurzem in einer solchen Gemeinde im Norden von Graz lebe. Um ganz sicher zu gehen, habe ich auch noch eine Freundin aus Hart bei Graz, dem Ort der Uraufführung, mitgenommen.

Was haben wir dabei gelacht! Die vier Dirndln führten uns auf den Fußballplatz (dort ist das soziale Zentrum jeder Landgemeinde) und erzählten, sangen und kickten uns durch den unterhaltsamen Abend, indem sie einer imaginären 37 Jahre alten Luise mit drei Söhnen, die wegen der guten Luft, dem Grün und den Kindern nach GU gezogen war, einen Spiegel vor hielten, der die verlorenen Träume und das desillusionierte Leben einer Jungfamilie recht pointiert darstellte.

Das Fußballtraining hat uns gut getan, keine(r) war beleidigt und in Hart bei Graz wird danach wohl alles wieder seinen gewohnten Gang genommen haben. Die Kinder da und dort hin führen, zur Arbeit, zum Bipa, zum Spar fahren, zu schnell fahren, die Wäsche bügeln, den Rasen mähen, Ö3 und Kronehit Radio hören, einmal pro Woche die Freundinnen treffen, Prosecco in der einen, Zigarette in der anderen Hand … ach, einfach das Vorstadtleben, wie wir es aus Desperate Housewives kennen.

Nach der Vorstellung gabs Jausensemmeln, einen Talk gibts erst am 9. Oktober. Nach der Uraufführung vergangenen Freitag waren die weiteren Termine schnell ausverkauft. Wegen der unvermindert großen Nachfrage wird es am kommenden Sonntag, dem 11. Oktober, um 16.00 einen Zusatztermin geben. Karten sind ab sofort unter 0316 81 60 70 und www.steirischerherbst.at/tickets erhältlich.

Ursprung, am 6. Oktober 2015

Life and Times – Nature Theater of Oklahoma

Life and Times Episode 7 | Foto © Claudia Parenzan

Das Nature Theater of Oklahoma war herbst-Besuchern bereits bekannt, daher überraschten die Episoden 7 – 8 – 9 nicht wirklich. Das Langzeitprojekt des New Yorker Performance-Kollektivs, ein banales Leben in den USA – ein 16-stündiges Telefongespräch mit Kristin Worrall (im Bild oben mit Ensemblemitgliedern bei der Premiere im Schubertkino), mit unzähligen Like, You Know? und Oh My God! akriebisch transkribiert, das den Bogen von Sex in der High School und 9/11 bis zu Besuchen von Ausserirdischen spannt – mit sehr unterschiedlichen künstlerischen Methoden zu einem Epos zu machen. Letztes Jahr im Mumuth fand ich Episode 5 amüsant – man musste sie selbst als Graphic Novel lesen –, und Episode 6 als Bühnenstück zwar witzig, aber viel zu lang. Dieses Jahr hielt mich Episode 7 als Film Noir über zwei Stunden lang munter und interessiert. Kristin Worralls O-Ton wurde von einer meist männlichen Stimme auf die Lippenbewegung anderer Personen synchronisiert, ein immer wieder frischer Effekt, auch filmtechnisch eine großartige Arbeit, hervorragend dargestellt.


Life and Times Episode 8 | Fotos © Gerald Ganglbauer

Episode 8 enttäuschte, hier wurde der Kristin Worrall Text gesungen, eine Art Filmmusical mit Musik von Daniel Gower im Stil von Jesus Christ Superstar. Was Anfangs Dynamik hatte – die Sänger bewegten sich fortwährend auf die Kamera zu – wurde nach 60 Minuten einfach zu lang. Dennoch haben sich die Bilder nachhaltig ins Hirn eingebraben und die Gesänge klingen noch im Ohr.


Life and Times Episode 9 | Fotos © Claudia Parenzan

Erfrischend dann die vorläufig letzte Episode 9 – ein 17 Minuten dauernder übercooler Hip-Hop Video Verriss in Addidas Trainingsanzügen, komplettiert mit Goldketterln und -ringen, als Koproduktion mit dem steirischen herbst gefilmt in Österreich, vieles davon auch in Graz, u.a. in der Postgarage. Yo!

Ursprung, am 7. Oktober 2015

Cuando vuelva a casa voy a ser otro – Mariano Pensotti / Grupo Marea (Argentinien)

Cuando vuelva a casa voy a ser otro – Mariano Pensotti / Grupo Marea (Argentinien) | Foto © Wolfgang Silveri

Die bunte Fassade setzt sich im filmartigen Bühnenbild fort, Gespräche auf Förderbändern von rechts nach links und zurück, die Vergangenheit erzählend zu uns, dem Publikum, in die Gegenwart transportiert.

Anfangs haben die deutschen Übertitel meine Müdigkeit gefördert, allein die Spannung war zu groß um ihr zu erliegen. Die Story ist im Wesentlichen echt, der Vater des Autors Mariano Pensotti vergräbt als argentinischer Revolutionär Ende der 70er-Jahre belastende Gegenstände und erkennt Jahrzehnte später nach Auffindung dieser nicht alle wieder.

Durch Gegenstände, Fotos, Erzählungen wird man zu seinem eigenen Doppelgänger, mimt das bereits gelebte und zum Teil verzerrte Bild weiterhin, ohne zu bemerken, dass man mittlerweile ein anderer ist. Somit lebt man nicht sein Leben gemäß der natürlichen Veränderungen durch die Zeit im Jetzt sondern in Anlehnung an die Vergangenheit.

Ein wunderbares Stück, das mich an meine Situation erinnert, im Zug zwischen zwei Zuhause: „Wenn ich zurück komme, bin ich ein anderer“ – „Cuando vuelva a casa voy a ser otro“

– Claudia Parenzan

Talking heads: Mariano Pensotti und Veronica Kaup-Hasler | Fotos © Claudia Parenzan

Wien, am 11. Oktober 2015

Golden Hours (As you like it)

Letztes Foto: die leere Bühne der List Halle | Foto © Claudia Parenzan

Somit ging ein gelungenes Festival neuer Kunst, das dem Leitmotiv Back to the Future folgte, zu Ende. 131 Projekte und 457 Einzelveranstaltungen gab es an 24 Festivaltagen.

Mehr als 50.000 Besucherinnen und Besucher zählte das Festival, nicht zugerechnet sind dabei die Projekte, die im öffentlichen und medialen Raum stattgefunden haben.

Die Intendantin freut sich auch über die Auslastung von über 95% bei den szenischen Produktionen und Konzerten. Etwa 800 Künstler, Theoretiker und sonstige Teilnehmer aus insgesamt 46 Nationen waren involviert.

8 aus 10 Darbietungen im steirischen herbst 2015 waren wie immer hervorragend, das Festival wie immer straff organisiert, die Laufzeit der einzelnen Produktionen wie immer zu kurz (einzig die Rabtaldirndln erhielten Zusatztermine für Luise, 37).

Somit bleibt uns nichts anderes übrig, als auf das nächste Jahr zu warten. Der kommende steirische herbst findet von 23.09. bis 16.10.2016 statt. Das Programm wird im Juni präsentiert.

Stattegg-Ursprung, am 19. Oktober 2015

Stockwerk Graz – Weihnachtskonzert

Jedes Jahr um diese Zeit laden KPD* sich gerne Gäste ein. Dem Vernehmen nach sind bislang auch alle Musiker unseres diesjährigen Weihnachtskonzertes pumperlgesund (im Vorjahr musste das traditionelle Konzert wegen Erkrankung von gleich zwei Musikern ja erstmals in seiner langen Geschichte abgesagt werden). Das traditionelle Weihnachtskonzert ist gleichsam auch unser letztes Konzert in diesem Jahr.
Otmar Klammer

Stockwerk Jazz
Jakominiplatz 18, 8010 Graz
+43.316.82 14 33

Weihnachtskonzert

Bettina Wenzel (Stimmen) | © Otmar Klammer, Stockwerk Graz 2012

Bettina Wenzel (Stimmen), Nika Gorič (Sopran), Martin Philadelphy (Gitarre), Heimo Puschnigg (Klavier), Josef Klammer (Schlagwerk, Elektronik)

*) KPD steht bekanntlich für das langjährige neutönerische Klammer-Puschnigg Duo, das Jahr für Jahr ein spezielles Weihnachtskonzert für die Reihe STOCKWERKJAZZ erarbeitet. Die dabei jährlich wechselnden Gastmusiker sind so auserlesen wie das stilistisch nicht fassbare Programm ungewöhnlich, aber noch immer irgendwie weihnachtlich ist.

Den traditionellen Gesangspart übernimmt heuer die lyrische Sopranistin Nika Gorič aus Maribor, und Bettina Wenzel wird als zweite (oder erste?) Sängerin gesangstechnisch keinen Stein auf dem anderen lassen.

Normale Singtöne, also do, re, mi, fa, so und so weiter sind Wenzels Sache nicht. Nein, sind sie wirklich nicht. Zischen, Schnalzen, Zwitschern, Quietschen, Grunzen, Glucksen und Meckern sowie Formen vorsprachlicher Lautäußerungen sind es schon eher. Beschrieben ist die Mission von Bettina Wenzel damit aber nur unzulänglich. Die Kölner Stimmakrobatin und unangefochtene Meisterin im Wenzeln ist jedenfalls der diesjährige Stargast unseres traditionellen Weihnachtskonzertes.

Damit aber noch nicht genug, hat sich doch das verwegene Gespann Klammer/Puschnigg mit Martin Philadelphy weiters einen Gitarristen eingeladen, der zu den buntesten Vögeln der Rock- und Improvisationsszene im Lande zählt und dem wir auch einen gewissen Hang zum Song nachsagen wollen.

Auf der Abendordnung stehen klassisch Improvisiertes, improvisiertes Klassisches, weihnachtlich Avantgardistisches, zwölftönerisch Weihnachtliches und allseits Versöhnliches.

Graz, am 16. Dezember 2012

Das KPD Weihnachtskonzert

Samstag, 22. Dezember 2012, 21 (!) Uhr, Stockwerk Graz

Stockwerk Graz | Fotos © Gerald Ganglbauer 2012

Graz, am 23. Dezember 2012

Stockwerk Graz: Stefan Heckel Group

Otmar Klammers Programm begeistert mich. Wir sollten einmal ein Interview mit ihm machen, wie er all that Jazz nach Graz in sein “Stockwerk” bringt. Auch gestern (Freitag, 14. Dezember 2012) hat er uns wieder eine faszinierende Lifeline (Titel ihres neuen Albums) präsentiert: die “Stefan Heckel Group”, mit dem Briten Julian Argüelles am Saxophon, dem Zürcher Christian Weber (nicht verwandt mit Eberhard) am Bass, Wolfgang Rainer am Schlagzeug und dem Kapellmeister selbst am Akkordeon.

Stockwerk Jazz
Jakominiplatz 18, 8010 Graz
+43.316.82 14 33

“Weltmusik” geht mit Zuhörern auf Reisen

Der ruhige Schweizer Bassist wird zum stürmischen Liebhaber seines schönen hölzernen Tonkörpers und das manchmal einbeinig gespielte Akkordeon versteht sich perfekt im Dialog mit dem satten Saxophon des kleinen Briten. Und die musikalische Reise beginnt. Manchmal fühle ich den Fahrtwind eines offenen Cadillac, dann sehe ich den Pfau am Dach, der Heckel zu einer Komposition inspiriert hat. Die Gruppe nimmt den Zuhörer als Anhalter mit auf die Reise, und wenn Otmar Klammer in seiner Einführung auch nicht ganz glücklich mit der Schublade “Weltmusik” war, so haben uns diese Tunes doch entführt, weit über die Grenzen unserer eigenen Kultur hinaus. Stockwerk – stockwerkjazz.mur.at – See you there.

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Stefan Heckel Group, Stockwerk Graz | © Gerald Ganglbauer 2012

Hier ein noch unerfahrener Versuch mit meiner Sony Handicam und VideoSoftware einen Musikclip zu basteln. Ich bitte um Nachsicht, jeder muss einmal anfangen 🙂