Gehen, Bewegen, Verändern

Das Leben

Schon bevor ich von Graz nach Wien ging, hat mich der Drang nach Veränderung vorangetrieben. Ich wollte immer wieder Neues sehen und erleben. Seit dem 16. Lebensjahr habe ich ausgedehnte Reisen unternommen und im Alter von 30 Jahren Europa Adieu gesagt. Mit einem Standbein auf der anderen Seite der Erde bin ich selbst eine Reise geworden um viel von unserer Welt zu sehen.

In Australien hatte ich Short Stories und Gedichte gesammelt, übersetzt und in Pionierarbeit verlegt. Vieles war dort unkomplizierter als in Österreich: Es gab keine bürokratischen Hindernisse, wenn man Ideen umsetzen und neue Projekte verwirklichen wollte. Mit zunehmender Globalisierung sind diese Unterschiede zwischen Alter und Neuer Welt heute allerdings schon weitgehend verschwunden.

Eine Reise

Doch das Leben ist eine Reise. Als ich im Jahr 2006 meine Parkinson-Diagnose erhielt, hat für mich ein langsamerer Lebensabschnitt begonnen. Diese Krankheit bremst mich. Aber: Was man nicht ändern kann, muss man wohl akzeptieren. Seit 2007 bin ich deshalb in Pension, habe Selbsthilfegruppen für Parkinson-Erkrankte gegründet und mit Dr. Gerschlager ein Parkinson-Forum aufgebaut.

Und die Wurzeln? Ich bin ein typischer Doppelstaatsbürger. Wenn ich mich in Europa aufhalte, fühle ich mich als Australier, wenn ich in Australien bin, als Europäer. Und immer als Auslandsösterreicher. Meine Luftwurzeln werden mich hoffentlich noch lange beweglich halten.

Version 2
Daheim in Stattegg, fotografiert von Werner Schandor

Soweit ein kurzes Statement, das ich vor zehn Jahren schrieb. Heute ist es nach wie vor gültig, wenn auch mein Bewegungsradius mittlerweile sehr viel kleiner geworden ist. Von 16.000 Kilometer im Flugzeug nach Sydney auf 16 Kilometer am Fahrrad nach Graz. Aber letztes Jahr war ich noch in den USA und 2019 will ich nach Japan.

Allerdings fürchte ich schon jetzt die Zeit, wenn es einmal nur mehr 16 Meter im Garten sein werden. Dann muss meine Vorstellung die Nullen ersetzen, müssen meine Reisen im Kopf weiter gehen, (mich) bewegen und verändern. Die körperliche Lähmung wird mich auf meine letzte Reise vorbereiten, hoffe ich.

Version 2Man weiss nichts über diese Destination. Es gibt viele Vermutungen, aber keine übermittelten Berichte.

Version 2Das wird noch lustig.

In der Nachbarschaft

Da tut sich was. Nur eine Hausnummer weiter, im Wohnprojekt unterm Steinbruch, sind Flüchtlingskinder eingezogen. Nein, natürlich nicht die Kinder selbst, sondern ihre Fotografien. Die in Graz lebende Kanadierin Jenny Chapman hat sie mitgebracht.

4 refugee camps
40 rolls of film
featuring over 40 child photographers

Wie sieht die Welt in einem Flüchtlingslager in den Augen eines Kindes aus? Diese Frage will Jenny Chapman mit ihrem Projekt beantworten, in dem sie über 1.000 Bilder aus Kameras gesammelt hat, die sie in Lesbos, Griechenland und anderen Flüchtlingslagern, an 40 Kinder ausgeteilt hatte.

Die Kinder knipsten darauf los und eine Auswahl aus diesen Bildern zeigt sie in einer  Fotoausstellung, die nach dem Afro-Asiatischen Institut nun bis 5. Mai in Stattegg zu sehen ist. Ich war bei der Eröffnung.

Berührend, was es da auf Augenhöhe der kleinen Fotografinnen und Fotografen zu sehen und entdecken gibt.

BLOG Stattegg - 8
Jenny Chapman auf Augenhöhe mit den Fotos der Kinder

Wer es nicht nach Stattegg-Ursprung schafft (obwohl sich das gut mit einem Besuch bei mir verbinden ließe), kann auf Jennys Blog auch ONLINE eine Fotogalerie besuchen und im Blog all ihre Berichte nachlesen.

Die BIlder gibt es auch zu kaufen und 100% dieser Einnahmen (ebenso wie meine, sollte das Video auf YouTube Geld einspielen) gehen an das Projekt Only Beyond Myself.

 

 

 

Welttag des Buches

23. April ist WELTTAG DES BUCHES und kunstGarten begeht ihn mit einer Literatur-Matinee

Die Autorin Marlen Schachinger (Foto: Wolfgang H. Wögerer, Wien) liest aus ihrem neuen und brandaktuellen Roman Martiniloben (5. Sep 2016, SEPTIME)

WBD-LandingPage_01_HeaderMona will der kalten Anonymität, dem aggressiven Gegeneinander und dem permanenten Stress in der Stadt entfliehen. Sie zieht in ein Dorf an der Landesgrenze, wo sie sich Ruhe und ein solidarisches Miteinander erhofft. Fortan pendelt sie zwischen beiden Lebenswelten und stellt fest, dass diese sich im Innersten ähneln. Das Dorf entpuppt sich als ebensolche Hölle wie die Stadt – nur mit einer anderen Dynamik: Mikrokosmos einer Gesellschaft, deren Klima durch Unsicherheit und Ängste dominiert ist, die einen radikalen Egozentrismus und rechte Tendenzen hervorrufen. Der vermeintlich erstarkte Gemeinschaftssinn äußert sich in manipulativer Sozialkontrolle: Fremdes wird kritisch beäugt, kommentiert und im Zweifel – ausgeschlossen. Als Mona sich für die im Dorf untergebrachten Flüchtlinge einsetzt, erfährt sie Missgunst und Ausgrenzung am eigenen Leib.
Durch Gerüchte genährt und Hetze geschürt, kippt die Stimmung im Dorf in Übergriffigkeit. Zum Martiniloben, dem Fest des Jahres, dem großen ländlichen Sauf- und Fressgelage, eskaliert die Situation.

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Karl-Markus Gauß schreibt: »Wie viele Autorinnen versammeln sich unter dem Pseudonym Marlen Schachinger? Ich schätze mindestens fünf. Die eine ist eine feministische Intellektuelle und Kämpferin erster Güte. Die zweite eine echte Stubengelehrte, die sich für so ziemlich alles interessiert. Die dritte gibt als fleißige und kollegiale Anthologistin einen Sammelband nach dem anderen heraus. Die vierte veröffentlicht Biografien, Sachbücher, Studien, Essays, Kurzgeschichten. Und die fünfte schreibt Romane, in denen sich alle fünf Frauen, die sich auf ihr gemeinsames Pseudonym geeinigt haben, regelmäßig treffen und bestens miteinander auskommen.«

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Aus organisatorischen Gründen  wird um Anmeldung bis zum Vorabend gebeten – unter kunstgarten@mur.at oder +43 316 262787. Bei Schönwetter und über 18° Celsius auf der Gartenbühne! Matinee Beginn 11:15.

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Irmi Horn

Payer-Weyprecht-Str. 27
8020 Graz | Österreich
fon+fax +43(0)316 262787

All that Jazz

Berndt Luefs Jazztett Forum Graz ist ein fester Bestandteil der hiesigen Jazzszene, Luef selbst ein Urgestein. Wir kennen einander seit Jahrzehnten und ich habe schon einige Berichte in Gangway Music Reviews über seine Musik verfasst. Über die zehn hervorragenden Jazzmusiker, allesamt Profis mit eigenen Bands oder im Musikunterricht, braucht man nichts mehr zu sagen, auch deren Schrullen (wie barfuß auf der Bühne zu stehen) sind bekannt.

Cover_35d7230f16Für mich bislang unbekannt war Dorothea Jaburek, eine sehr sympathische kleine Frau mit großer Stimme, die ich auch deshalb erwähne, weil sie nach der Show meine Frage sofort spontan mit einem JA beantwortet hat, ob sie mit uns bei Parkinsong Duets mitsingen würde.

Hier eine Hörprobe, fünf Minuten Live Mitschnitt von gestern Abend, „Between the Walls“, von der gleichnamigen CD, den ich mit meiner nagelneuen ultrakleinen Canon IXUS 190 aufgenommen habe. Viel Vergnügen.

Dorothea Jaburek ist auf Facebook und hat eine ausführliche „hörbare“ Website – www.dorotheajaburek.com

A Page of Madness

Die renommierte Geigerin, Orchesterleiterin und Konzertmeisterin der Chicago Sinfonietta Renée Baker dirigiert das Styrian Improvisers Orchestra (STIO) zum Stummfilm A Page of Madness (1926, Teinosuke Kinugasa, japanischer Horrorfilm).


Renée Baker ist zur Zeit auch die Dirigentin des Aufsehen erregenden Chicago Modern Orchestra Project und seit langem Mitglied des weltbekannten Musikerkollektivs AACM (Association for the Advancement of Creative Musicians). Dabei spielte sie unter anderem mit Nicole Mitchell und George Lewis, im Great Black Music Ensemble und in Anthony Braxtons Creative Music Orchestra.

Das Styrian Improvisers Orchestra besteht bei variabler Besetzung aus 15 bis 25 Musikerinnen und Musikern der Grazer und Wiener Improvisationsszene. Unter den verschiedenen Dirigaten oszilliert das STIO zwischen Freiheit und Struktur, wobei sich virtuose Improvisationen und fragile Klanglandschaften abwechseln.

Do, 30. März 2017, 20:00 Uhr / STOCKWERK / Graz / Austria
RENÉE BAKER & STYRIAN IMPROVISORS ORCHESTRA
A Page of Madness

V:NM | Styrian Improvisers Orchestra | Josef Klammer

2016

“Heite grob ma Tote aus”

Voodoo Jürgens, 2016

Jahresrückblick mit ELP auf dem Plattenteller

Dieses Jahr wurde es mir bewusst. Unsere Generation ist vom Aussterben bedroht, denn mehr und mehr Babyboomer lösen die Verbindung zum Mutterschiff Erde. Der biologische Zerfall ist angelaufen, unsere Wurzeln finden keinen nahrhaften Halt mehr im Boden. Meine Zeitgenossen wandern einer nach dem anderen ab ins Nirwana, oder wohin auch immer, wobei Himmel, Fegefeuer und Hölle schon grundsätzlich ausgeschlossen sind.

Im Jahr 2016 verstarben musikalische Legenden wie David Bowie, Leonard Cohen, Prince oder George Michael. Mit den Songs der ersteren konnte ich mich identifizieren, letztere waren gar nicht mein Geschmack. Aber die wahre Erkenntnis unserer Sterblichkeit liegt in der Tatsache, dass bereits zwei Drittel von ELP tot sind, wie auch Thomas Huber, einer meiner besten Freunde aus der Jugendzeit.

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Durch die Wüste (1980), Rannach (2012) und Kohfidisch Open Air (1977)

In Graz bin ich mit Emerson, Lake & Palmer herangewachsen, die ich 1973 auf meinem allerersten großen Rockkonzert live gesehen hatte. Welcome back my friends, to the show that never ends hat sich in mein Hirn eingebrannt, wie religiösen Menschen die Möglichkeit von unbefleckter Empfängnis. Speziell bei den Zeugen Jehovas, deren Besuche ich damals freudig zuließ, weil ich das nichtsahnende Paar in angeregter Diskussion immer wieder vom „rechten Weg“ abbringen wollte. Das gelang mir zwar nie, war aber eine ausgezeichnete Vorbereitung in Kommunikation und Rhetorik auf das spätere Studium.

Aber zurück zu ELP, dem Anlass zu dieser Betrachtung. Nach dem Konzert haben mir die Ohren vom quadrophonen Klangerlebnis so geglüht, dass ich mir sofort das gleichlautende dreifach-Album gekauft habe und die drei Briten zu meinen Lieblings Progrockern machte. Derart sozialisiert – soweit ich das beeinflussen wollte oder konnte –  habe ich auf unzähligen Openairfestivals in den späten 70er und frühen 80er Jahren guten Rock und freie Liebe gesucht und meine gelb-braun-gestreiften Hosen bekamen vor vier Jahrzehnten dementsprechend oft grüne Flecken auf uneinsichtigen Wiesenstücken.

Heuer ging die Show für ELP doch zu Ende. Keith Emerson starb am 11. März 2016 in seinem Haus in Santa Monica, Greg Lake starb am 7. Dezember 2016 an Krebs. Carl Palmer, Jahrgang 1950, geht es gut. Schlagzeuger leben gesünder.

“A bullet had found him
His blood ran as he cried
No money could save him
So he laid down and he died”

Aus: Lucky Man (Greg Lake)

Hello World

Am 3. April 1996 begrüßte ich die virtuelle Welt mit eben diesen Worten, die auf allen Bildschirmen des damals noch in der Steinzeit befindlichen World Wide Web zeitgleich erschienen. Ich hatte eine “website” am Internet gebaut, in einer Zeit, wo der Mann von der Straße weder wusste, wofür “http://” stand, noch eine E-Mail Adresse zu seinem täglichen Leben gehörte. Doch da war sie, meine erste “homepage”, mit ihr war ich “online” und der Gangan Verlag sichtbar für alle Welt. Zumindest für jene Teile der Welt, die sich den Luxus leisteten, denn man bezahlte noch Unsummen für jede Minute Internetzugang.

20yonlinebanner

Als Startseite diente eine zentrierte Logo des Verlags, der man mit den damaligen Modem-Geschwindigkeiten beim Laden zusehen konnte, dann gab es einige Seiten Text über unsere Bücher, die durch geheimnisvolle Hyperlinks verknüpft waren, sowie die erste Ausgabe von Gangway, meinem vierteljährlichen Literaturmagazin. Alles noch in selbst erlernter HTML für den neuen Netscape Browser geschrieben, der gerade die erste Version vom März 1995 abgelöst hatte. Interessierte können sich die Entwicklung von gangan.com gern im Internetarchiv WayBackMachine ansehen. Gangway ist in der australischen Nationalbibliothek archiviert.

Vor zwanzig Jahren zählte ich damit zu den Pionieren des Internet, war stolz darauf und beobachtete voller Neugierde, wer sich meine Seiten ansah. Das waren in den 90-er Jahren sicherlich keine Leser zeitgenössischer Literatur, denn ich verkaufte kein einziges Buch. Aber es wurden immer mehr. Meist Computer-Geeks, die damals noch ziellos “surften”, wie man den sinnlosen Zeitvertreib nannte, jedoch keinerlei Interesse am Buchmarkt mitbrachten. Dennoch war ich überzeugt davon, dass das Internet einmal in jedem Haushalt landen würde und aktualisierte meinen Webauftritt parallel zum Fortschritt der Technik und der Programme.

Bei gangan.com und gangway.net ist nichts “von der Stange”, alles ist selbst entwickelt, programmiert und gestaltet. Als ich 1986 auf der Uni Graz Akademischer Medienfachmann wurde, war vom Internet noch keine Spur und es gab praktisch auch keine Ausbildung. Meiner Zeit voraus, habe das Metier weitgehend autonom erlernt und erst 2006 ein Diplom als Web Entwickler am SIT (Sydney Institute of Technology) gemacht. Leider wurde bald darauf meine berufliche Laufbahn mit der Diagnose Parkinson gebremst. Meine Vision, die ich seinerzeit in einem gemieteten Haus in der Whaling Road hatte, hat sich jedenfalls heute im Eigenheim am Jakobsweg mit rund einer halben Million Zugriffen pro Jahr auf meine Seiten längst bewahrheitet.

Ich wünsche mit der völlig neu gestalteten Website viel Vergnügen und eine spannende Entdeckungsreise in alle Ebenen des mittlerweile tausende Seiten umfassenden virtuellen Verlagshauses.

Gerald Ganglbauer
Stattegg-Ursprung, am 15. Februar 2016

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Ausgegrenzt

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Airbourne am Big Day Out in Perth | Foto © 2011 Gerald Ganglbauer

Graz liegt nicht mehr auf der Landkarte des Rockzirkus

Die jungen Grazer tun einem leid. Sie müssen sich mit Andreas Gabalier zufrieden geben und aus dem Ausland kriegen sie gerade noch Unstimmig ein allerletztes Mal zu sehen. Auf der Landkarte internationaler Tourneen existiert Graz schon lange nicht mehr. Man muss sich sogar Rammstein im Westaustralischen Perth am Big Day Out anschauen oder zumindest nach Wien oder München fahren. Niemand kommt mehr nach Graz.

Zu meiner Zeit waren sie alle hier, von ELP über Dire Straits bis zu Frank Zappa. Auch der große Leonard Cohen. Aber heute gibt es keinen Vojo Radkovic, der sie für Vojo Concerts verpflichtet hätte. Er könnte sich das exorbitante Risiko heutzutage auch gar nicht mehr leisten. Damals ist die Neue Zeit eingesprungen. 2016 traut sich kein Grazer Veranstalter mehr an Rocklegenden, denn selbst ein ausverkauftes Konzert würde die Kosten nicht decken und die Stadt Graz erachtet Popkultur nicht als förderungswürdig. Ohne private Sponsoren bleibt es halt bei Gabalier. Sorry, Graz.

7×7+1=50

Der steirische herbst wird fünfzig

Vor rund 30 Jahren war Horst Gerhard Haberl dafür verantwortlich, dass ich als sein Student die Prinzipien von Werbung und PR verstand. In seiner Vorlesung an der Uni war mir nie fad, aber was dem Vater von Franz (HUMANIC)  nun als Logo für 50 Jahre steirischer herbst eingefallen ist, kann ich nur schwer nachvollziehen. War der Poststempel der letzten Jahre schon fad geworden, sind mir derlei Zahlenraster aus diversen Kalender Apps viel zu geläufig um einzigartig und unverwechselbar zu sein.

Druck

Typografisch ist die Helvetica, vom Grafiker Max Miedinger auf der graphique 57 für den Handsatz veröffentlicht, im Jahr 2017, nach 60 Lebensjahren als Hausschrift vieler Firmen allgegenwärtig, ebenso fad geworden. OK, ich gebe zu, dass viele Schriften schneller altern, die American Typewriter aus dem Jahr 1974 zum Beispiel, die ich Anfang der 80er noch im Kalenderteil unserer Jahrbücher einsetzte, ist längst verschwunden. Vielleicht weil sich heute keiner mehr an mechanische Schreibmaschinen erinnert? Nur, wozu lange über ein Logo reden.

Es geht ja schließlich um den Inhalt der Werbebotschaft. Und warum sollte sich ein Avantgarde Festival  in seiner visuellen Kommunikation immer wieder neu erfinden müssen? Weil Avantgarde seiner Zeit voraus sein sollte, wäre eine der möglichen Antworten, ist aber nicht die einzige. Genug.

Die Kinder der Toten

Es geht ja auch rückwärts mit viel Freude voraus. Nehmen wir das herbst-Freunden von den Life and Times Episoden gut bekannte Nature Theater of Oklahoma und mixen wir es mit Elfriede Jelineks Roman Die Kinder der Toten, der 1995 bei Rowohlt erschienen ist und 1996 mit dem Bremer Literaturpreis ausgezeichnet wurde, was seinerzeit in Australien völlig an mir vorüber gegangen war.

Kelly-Copper-Pavol-Liska-Nature-Theater-of-OklahomaKelly Copper & Pavol Liska vom Nature Theater of Oklahoma

Der Roman ist neben dem Internetroman Neid Jelineks umfangreichstes Werk und ist berüchtigt für seine Figurenvielfalt, seine verschlungenen Handlungsstränge und seine ironisch-zeitkritischen Querverweise. Gattungsspezifisch ist er dem postmodernen Roman und der Schauerliteratur zuzurechnen. Jelinek selbst bezeichnet ihn als einen „Gespensterroman in der Tradition der gothic novel“, kann man erfahren.

Untote und der Holocaust formen also die Asche, aus der Avantgarde entstehen soll und für dessen Besetzung 666 lebende Menschen gesucht werden. Im steirischen herbst HQ hat das Casting schon begonnen und auch ich habe mich selbstlos angemeldet, am Film- und Performance-Projekt in Neuberg an der Mürz mit Kelly und Pavol (leider ohne Kristin Worrall) mitzuwirken. Eine kleine Rolle hoffe ich zu bekommen, denn mit meinem Parkinson spiele ich einen Zombie bestimmt sehr überzeugend!

Informationen und Anmeldungen:
kinderdertoten@steirischerherbst.at
+43 664 24 500 85
www.steirischerherbst.at

Jazz & Wein Leibnitz 2016

Das Programm des Internationalen Jazz Festival Leibnitz “Jazz & Wein” von 13.-16. Oktober ist einen Besuch mit dem neuen Shuttlebus-Service wert. Nach seiner Auferstehung im Jahr 2013 geht das Jazz Festival Leibnitz heuer auch schon wieder in seine vierte Runde und setzt mit gleich vier Stargästen einen großen Schritt in Richtung internationaler Wahrnehmung. Voriges Jahr gab es leider eine Terminkollision mit unserem Benefizkonzert. Heuer wird aus Leibnitz berichtet.

Isabella Holzmann | Organisation und Kommunikation
Internationales Jazzfestival Leibnitz Jazz & Wein
Kaspar-Harb-Gasse 4 | A-8430 Leibnitz
M +43.664.1586084 | T +43.3452.76506
office@leibnitz-kult.at

Leibnitz gets all that Jazz

Niemand geringerer als US-Altmeister Chico Freeman (Tenorsaxophon) wird das Jazzfestival Leibnitz heuer im Duo mit dem Schweizer Edel-Bassisten Heiri Känzig eröffnen. Die Kultband The Bad Plus, Saxophonistin Tia Fuller mit Trio und Vanessa Rubin aus Cleveland, die schon mit Woody Herman und Herbie Hancock auf Tournee war, beehren das Jazzfestival Leibnitz 2016 mit ihrer Performance. Schauplätze des viertägigen Konzertmarathons sind wieder der riesige Weinkeller auf Schloss Seggau, das Kulturzentrum Leibnitz und die im Vorjahr so erfolgreich erprobte Open Air-Bühne beim Weingartenhotel Harkamp. Und erstmals wird auch ein Jazzbus zwischen Graz und Leibnitz pendeln.
– Otmar Klammer, Künstlerischer Leiter

Die Programmvorschau ist auf www.jazzfestivalleibnitz.at bereits online. Wir versprechen, die hervorragenden südsteirischen Weine nur sehr zurückhaltend zu konsumieren, um weitgehend nüchtern zu berichten, Fotos auf Facebook zu posten und hier mit einem Rückblick abzuschließen.
See you in Leibnitz.

Stattegg-Ursprung, am 1. August 2016

Leibnitz ist nicht Pori
– und das ist gut so

Jazz Musik ist 100 Jahre jung und da darf man einen kleinen historischen Exkurs in die Geschichte machen. Jazz Musik ist international und überall: Wien, Wiesen, Saalfelden (Österreich), Willisau (Schweiz), Viersen (Deutschland), um nur ein paar Orte zu nennen. Pori Jazz ist ein internationales Festival, das 1966 mit 600 Jazzfreunden in der finnischen Kleinstadt begann und nun bereits 162.000 Besucher verzeichnet. Im Sommer 1983 war ich dabei und habe u.a. Bobby McFerrin und Herbie Hancock gesehen. Ich sage das, weil Otmar Klammer im zweiten Anlauf (nach Sigi Feigl in den 90ern) den Ehrgeiz entwickelt hat, weiter zu wachsen. Er sei stolz, im vierten Jahr die “magische Grenze” von 1.000 Besuchern überschritten zu haben.

Ich frage mich, wie weit man überhaupt noch wachsen sollte (bzw. könnte), denn im gegenwärtigen Maßstab passt nämlich alles. Der intime Rahmen im Schloss Seggau oder dem Weingartenhotel Harkamp war bis auf den letzten Platz ausverkauft, das Kulturzentrum Leibnitz beinahe an seiner Kapazitätsgrenze. Wo will man mehr Besucher unterbringen? Einziger Ausweg wäre ein Open Air oder zusätzliche Venues, aber was wäre gewonnen? Klein und fein muss die Devise bleiben, wie z.B. im INNtöne Jazzfestival und ein Lineup in die Steiermark bringen, das Jazzfreunden Qualität und Vielfalt mit dem Ambiente eines Jazzclubs verspricht. Und genau darin liegt Otmar Klammers Stärke, die aus seiner langjährigen Erfahrung mit dem Stockwerk resultiert.

Sieben Tage hat die Woche, und sieben Gigs in vier Tagen waren für mich mehr als genug, um jedes einzelne Set zu genießen und mich danach auch noch an alles zu erinnern. Jazzpublikum ist ein anderes als die Besucher eines Hardrockfestivals am Lake Schwarzl, und dementsprechend war die Stimmung beschwingt und freundlich. Im Kulturzentrum Leibnitz gab es eine Weinverkostung zur Ausstellung von Bildern des Fotografen Pino Ninfa, wo sich so manche alte und neue Weingüter vorstellten und auch MANA Apfelwein debütierte, ein neuer frischer Geschmack zwischen Cider und Prosecco.

1. Tag

Im wunderschönen Weinkeller des Schloss Seggau eröffneten (nach überlangen Ansprachen, Begrüßungen und Danksagungen, die an das Protokoll der Politik erinnerten) das Hadar Noiberg Trio aus Israel mit Querflöten Loops und Obertönen und das Chico Freeman – Heiri Känzig Duo (US/CH).

Tag 1: Der Weinkeller des Schloss Seggau | Fotos © Peter Purgar und Gerald Ganglbauer


The Arrival: Chico Freeman (Tenor Saxophon) und Heiri Känzig (Bass) | Videos © Gerald Ganglbauer

2. und 3. Tag

Auf der Bühne des Hugo Wolf-Saales beeindruckten am Tag 2 FAT (Fabulous Austrian Trio) des in Wien und Los Angeles lebenden Alex Machacek an der Gitarre, so wie die very coolen The Bad Plus aus Minnesota. Am Tag 3 das Sextett Gypsy Fire der deutschen Melanie Bong, die in Graz Jazzgesang studiert hatte und einer Meredith Monk in nichts nach stand. Das letzte Doppelkonzert bestritt das Tia Fuller Trio, selbstbewusste Saxophonistin aus Colorado, eine sehr kleine Frau in High Heels. Sie lud uns als ihre “Angelic Warriors” ein, mit ihr zu singen und es sei dahingestellt, ob sie ihre Kraft aus jener der Engel schöpfte. Ihr “God Bless” konnte man als Amerikanismus entschuldigen. Der stärksten Eindruck in allen vier Outfits hinterließ jedoch die Virtuosität der vier Schlagzeuger. Nicht nur in den Solos bewunderte ich deren hochgradige Musikalität und Technik, und das in einer unvorstellbaren Geschwindigkeit, die den Puls rasen ließ. Derlei hohe Anforderungen gibt es nur in Jazzkompositionen, das Bild vom gemütlichen Dixieland Drummer mit dem Beserl hat sich aufgelöst. Herbert Pirker von FAT sei als international ebenbürtiger Obersteirer extra erwähnt.

Tage 2 und 3: Hugo Wolf-Saal im Kulturzentrum | Fotos © Gerald Ganglbauer

4. Tag

Nach einer Odyssee durch die steirische Hügellandschaft (mein Navi hatte das Signal verloren und so musste ich mich bei den Einheimischen durchfragen) erreichte ich am letzten Tag zu Mittag den Venue mit der schönsten Aussicht, das Weingartenhotel Harkamp in Flamberg bei St. Nikolai im Sausal. Dort gab es Brunch – und Vanessa Rubin aus Cleveland erfreute das Publikum zum Nachtisch mit klassischem Jazzgesang. Ein relaxed swingender Ausklang des Jazz Festivals bei anhaltend gutem Wetter. Kudos an Dagmar, Isabella, Otmar und die vielen freiwilligen Helfer, die dieses Festival zu einem Erlebnis machten. Da freut man sich aufs nächste Jahr.

Tag 4: Weingartenhotel Harkamp | Fotos © Gerald Ganglbauer

Stattegg-Ursprung, am 16. Oktober 2016