Chilling with Spencer

Ich kannte seine Installationen am Wiener Ernst-Happel-Stadion und vor der Oper in Sydney und bewunderte seine Arbeit seit Jahren. Gestern hatte ich die Gelegenheit, mit dem Starfotografen den Nachmittag zu verbringen, nachdem er in Graz eine seiner „Party-Installationen“ fotografiert hatte. Als ich erfuhr, dass Spencer Tunick nach Graz kommt, hatte ich ein Exklusiv-Interview mit ihm vor, doch dann sassen wir einfach zusammen und taten, was ganz normale Menschen heutzutage tun: Wir zeigten einander unsere Arbeit am Handy, plauderten unverfänglich und dabei bastelte er an einem neuen Instagram Clip für den Holiday-Sale seines Buches mit dem Code „naked20“.

Spencer Tunick in Graz - 1
Spencer Tunick inkognito im Nova-Spa, Foto © Gerald Ganglbauer

Er fragt immer wieder nach Feedback von seinen zwei Sitznachbarn, einer jungen Münchnerin, die extra seinetwegen nach Graz gekommen war und mir, der ihm sein kommunalpolitisches Engagement für Freikörperkultur erzählte, aber mit Instagram noch gar nichts gemacht hatte. Ich holte uns erst einmal drei Gläser Tee und beobachtete, wie seine geübten Finger über das Handy wischten und dabei ein Werbeclip aus soeben erst gefilmtem Material entstand, gepostet und sofort kommentiert wurde. Kein Wunder bei 8.500 Fans seiner Arbeit auf Instagram allein.

Natürlich stellte ich Spencer auch hin und wieder eine Frage, wie sieht er sich primär, als Fotokünstler oder als Advokat für Nacktheit, geht er in die Sauna, ist er Naturist, hat er eine Mission und was mir sonst noch einfiel. Was unter dem Strich herauskam, war die Erkenntnis, dass er ein umgänglicher Typ ganz ohne Star-Allüren ist, der einfach macht was ihm gefällt. Seine Frau kümmert sich ums Geschäftliche. Dabei ist sein Cellphone voller nackter Menschen. Er durchforstet seine Aufnahmen jedoch streng nach US-Vorschriften („do you see a nipple here?“) und die Nacktheit scheint so normal, als ob die Haut des Menschen sein Gewand wäre (was sie ja auch ist).

Alles andere findet sich auf www.spencertunick.com

Ekaterina Degot

Eröffnungsrede zum steirischen herbst ’18

Europaplatz Graz, 20.9.18

steirischer herbst
20.9.–14.10.18

Ekaterina Degot © steirischer herbst

Der Platz, auf dem wir uns heute versammeln, heißt Europaplatz. Manche von Ihnen wissen das vielleicht gar nicht, denn dies ist offenkundig und unverkennbar ein Bahnhofsplatz. Genau so hieß dieser Platz auch, bevor er 1972 voller Stolz zum Europaplatz aufgewertet wurde. 1972 war ein Jahr des Optimismus, denn in der Politik gab mit Willy Brandt, Olof Palme und Bruno Kreisky ein starkes sozialdemokratisches Trio den Ton an. 1972 war ein gutes Jahr für das europäische Projekt.

Tatsächlich gibt es viele Europaplätze in Europa, die seltsamerweise oft an Bahnhöfen liegen, als befinde sich Europa stets anderswo und immer mindestens eine Zugreise weit entfernt. Nicht anders ist es in Berlin und Wien. Europaplätze sind in der Regel Nicht-Orte. Man kann ihren Namen kaum behalten und sie nicht einmal als Plätze im Gedächtnis bewahren. Sie sind Übergangszonen, Rundkurse der Migration, Rennbahnen für Aufbrechende und Neuankömmlinge, Heimat der Vertriebenen und von sich selbst Entrückten, sowie der Heimwehkranken und der Obdachlosen.

Als ich eingeladen wurde, den steirischen herbst zu leiten, und im vergangenen Jahr in dieser Funktion erstmals nach Graz kam, war ich mir schon im allerersten Augenblick sicher, dass das Festival nirgendwo anders beginnen kann als hier – im öffentlichen Raum und in einem Teil der Stadt, der einstweilen noch nicht zu ihrer bevorzugten Lage gehört. Ich wollte, dass wir den Anfang in diesem Durchgangsraum machen, dass wir uns versammeln, wo Einheimische und Außenseiter, Österreicherinnen und Österreicher und Fremde durcheinanderströmen und allesamt einer Unbeständigkeit anheimfallen, die für so manche ein Dauerzustand ist.

Während diese Rede in den vergangenen Tagen allmählich in meinem Kopf Gestalt annahm, suchte ich nach einem Anfang jedoch lange Zeit vergeblich. Ich fragte mich, wen ich eigentlich ansprechen wollte. Sollte ich mich an die „lieben Besucherinnen und Besucher des Festivals“, an meine „lieben Freunde und Kolleginnen“ oder gar an die „geschätzten Pressevertreter, Sponsorinnen und Unterstützer“ wenden? Sollte ich außerdem noch – oder stattdessen – versuchen, die Aufmerksamkeit zufälliger Passanten auf diesem Bahnhofsvorplatz zu gewinnen? Dieser Vorbeieilenden, die uns auf dem täglichen Weg von oder zu ihrem harten Tagwerk mitsamt ihrem schweren Gepäck anrempeln?

Sie erraten es schon: Mir geht es um diese Passanten. Denn auch wir selbst gehören schon zu ihnen und sind nicht mehr nur „liebe Besucherinnen“ oder „werte Gäste“, sobald wir uns dem Umzug der großartigen, furchtlosen Künstlergruppe Bread & Puppet Theater anschließen. Wir werden der mitreißenden Gewalt der Kunst erliegen und dem Vertrauen in unser eigenes besseres Selbst nachgeben, dem sich diese Gruppe verpflichtet weiß. Wir können nicht die „lieben Zuschauer“ sein und in dieser passiven Rolle verharren. Wir werden selbst zu einem Teil des Kunstwerks und verleihen ihm mit unserem eigenen Körper Gestalt.

Passantinnen und Passanten also. Aber wie soll ich diese, Sie, uns alle ansprechen? Doch nicht mit „Meine Damen und Herren“, und auch nicht als „liebe Freunde und Kolleginnen“, denn noch während ich das murmele, sind sie alle längst auf und davon.

Es gibt eine überall anerkannte Form der Ansprache, die mir in dieser Situation angemessen erscheint: „Verzeihung, dürfte ich Sie etwas fragen?“ – „Entschuldigen Sie, können Sie mir sagen, wo die Straßenbahnhaltestelle ist?“ – „Verzeihung, interessieren Sie sich für zeitgenössische Kunst?“ – „Entschuldigung, sind Sie für Einwanderung oder dagegen?“ – „Gestatten Sie eine Frage: Horten Sie Nazi-Devotionalien in Ihrer Wohnung?“ – „Verzeihung, sind Sie einverstanden mit dem Spruch ‚Tod dem Faschismus, Freiheit für das Volk!‘?“ – „Entschuldigung, sind Sie für Conchita oder für Gabalier?“

Solche Fragen werden wir Ihnen im Verlauf dieses Festivals stellen. Also verzeihen Sie mir bitte, falls und dass ich Sie anspreche. Bekanntlich soll man heute schriftlich um Erlaubnis fragen, bevor man jemanden anruft. In diesem Sinn bitte ich hiermit um Ihre Erlaubnis, mich direkt an Sie zu wenden: jetzt und in den kommenden Jahren, in der aktuellen und in künftigen Ausgaben des steirischen herbst. Wir wollen mit Ihnen reden über das, was für uns alle von Bedeutung ist. Wir wollen Sie – und das ist Teil des Spiels – in die prekäre Lage bringen, sich vielleicht von uns gestört zu fühlen.

Zugegeben: Es kann sehr lästig sein, wenn man von jemandem angesprochen wird. Ich bin die erste, die ihre Ruhe braucht und in Frieden gelassen werden will. Mir ist auch klar, dass Kunst stören und manchmal unerfreulich sein kann. Aber genau so soll Kunst eigentlich sein. Sie sollte unsere Überzeugungen erschüttern und eine andere Sicht auf die Dinge unterbreiten. Sie sollte zerstörend Neues schaffen. Manchmal, wenn wir Glück haben, geht sie dabei so weit, dass unser Leben hinterher nicht mehr dasselbe ist.

Hier setzt der neue steirische herbst an. Er nennt sich Volksfronten und handelt von den politischen Widersprüchen und Gegensätzen unserer Zeit. Wir alle sind Tag für Tag und in jedem Augenblick darin verstrickt. Die Widersprüche und Gegensätze sind gesellschaftlicher Art. Sie haben mit Ungleichheit und vorenthaltenen Lebenschancen zu tun. Sie brüten und nähren die Würmer des Faschismus. Unterdessen geraten wir auf eine falsche Fährte. Man erzählt uns, dass es in diesen Gegensätzen und Kämpfen um Kulturen, Religionen oder Rassen gehe, dass sie den geschniegelten und gebügelten, überkommenen Identitäten unserer Vorfahren und ihrer angeblichen Unvereinbarkeit mit den geringfügig anders geschneiderten Identitäten gewisser anderer entspringen.

Das ist nicht wahr, und es hindert uns, gemeinsame Sache zu machen. Dieser Verhinderung wollen wir mit dem Begriff Volksfronten unter Einbeziehung des darin mitschwingenden Unbehagens entgegentreten. Eigentlich ist die Sache ganz einfach. Nicht einfach sind die reichhaltigen, komplexen, vielschichtigen künstlerischen Gesten, die daran anknüpfen – die Projekte, Performances, Installationen und philosophischen Debatten. Wir hoffen, dass Sie sich Zeit für sie alle nehmen werden. Seien Sie mit uns in diesen drei leidenschaftlichen Wochen! Wir hoffen, uns in den kommenden Jahren mit Ihnen auf viele weitere geistige Wagnisse einzulassen.

G-G-SIX-O

Gerald Ganglbauer wird 60

Gerald-Ganglbauer-WSDer österreichisch/australische Verleger, Autor, Kulturjournalist und Parkinson Ambassador feiert Geburtstag in der Postgarage mit einem unplugged Benefizkonzert seiner Musikerfreunde, gemischt mit kurzen Lesungen aus „Geografie der Liebe“ und „Korrespondenzen auf Papier“ – www.gangan.com

Fix dabei ist Norbert Wally (The Base) und Singer/Songwriter Joerg Veselka, der seine neue Band vorstellt auch im ersten Beitrag für Parkinsong Duets zu hören ist.

Update 16.02.2018

In einer Woche geht das Fest über die Bühne, und es wäre beinahe ohne GG gelaufen. Vergangene Woche hatte ich einen heftigen grippalen Infekt mit hohem Fieber. Zum Glück geht es sich noch aus mit den verordneten Antibiotika vor dem Fest fertig zu sein, sonst hätte ich um Mitternacht nicht einmal mit einem Glas Sekt anstossen dürfen. Meine Stimme ist bis dahin wahrscheinlich immer noch unbrauchbar für ein Duett, wir hatten ohnedies keine Zeit für Proben, aber dabei sein ist schließlich alles!

Die Vorbereitungen sind daher eine Woche im Verzug und als Rekonvaleszent mit streng verordneter Bettruhe kann ich auch nicht viel machen. Neue Überraschungsgäste wie Thomas Moretti und Barbara Ladurner haben sich angesagt. Norbert Wally wird seine Stimme auch in einer Lesung aus Geografie der Liebe einbringen und Katharina Karmel wird ihre den Briefen aus Korrespondenzen auf Papier leihen.

G-G-SIX-O ist ein Fest und daher werden in der Postgarage keine Bücher verkauft, sondern Hunderte Bände von Reinhold Aumaier und Magdalena Sadlon verschenkt. Vorbestellungen der Bücher von Gerald Ganglbauer und Barbara Ladurner werden aber gerne unter verlag@gangan.at entgegengenommen. Infos unter www.gangan.com

ANNA

Anschließend kann mit ANNA (präsentiert von Audiotherapie) die Nacht bis in die frühen Morgenstunden abgetanzt werden – soundcloud.com/clashmusic/clash-dj-mix-anna – wir haben für unsere Gäste einen Spezialpreis für den heißen brasilianischen DJ ausgemacht.

Bilder vom Fest

Fotografiert von Lucija Novak

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Facebook QR CodeG-G-SIX-O und ANNA
Freitag, 23. Februar, 19 Uhr
bis Samstag, 24. Februar, 7 Uhr
Postgarage postgarage.at
Dreihackengasse 42 am Rösselmühlpark
8020 Graz

Spenden zugunsten von Parkinsong Duets www.parkinsong.orgpon.or.at | Gangan Verlag | Gangan Records

Gehen, Bewegen, Verändern

Das Leben

Schon bevor ich von Graz nach Wien ging, hat mich der Drang nach Veränderung vorangetrieben. Ich wollte immer wieder Neues sehen und erleben. Seit dem 16. Lebensjahr habe ich ausgedehnte Reisen unternommen und im Alter von 30 Jahren Europa Adieu gesagt. Mit einem Standbein auf der anderen Seite der Erde bin ich selbst eine Reise geworden um viel von unserer Welt zu sehen.

In Australien hatte ich Short Stories und Gedichte gesammelt, übersetzt und in Pionierarbeit verlegt. Vieles war dort unkomplizierter als in Österreich: Es gab keine bürokratischen Hindernisse, wenn man Ideen umsetzen und neue Projekte verwirklichen wollte. Mit zunehmender Globalisierung sind diese Unterschiede zwischen Alter und Neuer Welt heute allerdings schon weitgehend verschwunden.

Eine Reise

Doch das Leben ist eine Reise. Als ich im Jahr 2006 meine Parkinson-Diagnose erhielt, hat für mich ein langsamerer Lebensabschnitt begonnen. Diese Krankheit bremst mich. Aber: Was man nicht ändern kann, muss man wohl akzeptieren. Seit 2007 bin ich deshalb in Pension, habe Selbsthilfegruppen für Parkinson-Erkrankte gegründet und mit Dr. Gerschlager ein Parkinson-Forum aufgebaut.

Und die Wurzeln? Ich bin ein typischer Doppelstaatsbürger. Wenn ich mich in Europa aufhalte, fühle ich mich als Australier, wenn ich in Australien bin, als Europäer. Und immer als Auslandsösterreicher. Meine Luftwurzeln werden mich hoffentlich noch lange beweglich halten.

Version 2
Daheim in Stattegg, fotografiert von Werner Schandor

Soweit ein kurzes Statement, das ich vor zehn Jahren schrieb. Heute ist es nach wie vor gültig, wenn auch mein Bewegungsradius mittlerweile sehr viel kleiner geworden ist. Von 16.000 Kilometer im Flugzeug nach Sydney auf 16 Kilometer am Fahrrad nach Graz. Aber letztes Jahr war ich noch in den USA und 2019 will ich nach Japan.

Allerdings fürchte ich schon jetzt die Zeit, wenn es einmal nur mehr 16 Meter im Garten sein werden. Dann muss meine Vorstellung die Nullen ersetzen, müssen meine Reisen im Kopf weiter gehen, (mich) bewegen und verändern. Die körperliche Lähmung wird mich auf meine letzte Reise vorbereiten, hoffe ich.

Version 2Man weiss nichts über diese Destination. Es gibt viele Vermutungen, aber keine übermittelten Berichte.

Version 2Das wird noch lustig.

2016

“Heite grob ma Tote aus”

Voodoo Jürgens, 2016

Jahresrückblick mit ELP auf dem Plattenteller

Dieses Jahr wurde es mir bewusst. Unsere Generation ist vom Aussterben bedroht, denn mehr und mehr Babyboomer lösen die Verbindung zum Mutterschiff Erde. Der biologische Zerfall ist angelaufen, unsere Wurzeln finden keinen nahrhaften Halt mehr im Boden. Meine Zeitgenossen wandern einer nach dem anderen ab ins Nirwana, oder wohin auch immer, wobei Himmel, Fegefeuer und Hölle schon grundsätzlich ausgeschlossen sind.

Im Jahr 2016 verstarben musikalische Legenden wie David Bowie, Leonard Cohen, Prince oder George Michael. Mit den Songs der ersteren konnte ich mich identifizieren, letztere waren gar nicht mein Geschmack. Aber die wahre Erkenntnis unserer Sterblichkeit liegt in der Tatsache, dass bereits zwei Drittel von ELP tot sind, wie auch Thomas Huber, einer meiner besten Freunde aus der Jugendzeit.

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Durch die Wüste (1980), Rannach (2012) und Kohfidisch Open Air (1977)

In Graz bin ich mit Emerson, Lake & Palmer herangewachsen, die ich 1973 auf meinem allerersten großen Rockkonzert live gesehen hatte. Welcome back my friends, to the show that never ends hat sich in mein Hirn eingebrannt, wie religiösen Menschen die Möglichkeit von unbefleckter Empfängnis. Speziell bei den Zeugen Jehovas, deren Besuche ich damals freudig zuließ, weil ich das nichtsahnende Paar in angeregter Diskussion immer wieder vom „rechten Weg“ abbringen wollte. Das gelang mir zwar nie, war aber eine ausgezeichnete Vorbereitung in Kommunikation und Rhetorik auf das spätere Studium.

Aber zurück zu ELP, dem Anlass zu dieser Betrachtung. Nach dem Konzert haben mir die Ohren vom quadrophonen Klangerlebnis so geglüht, dass ich mir sofort das gleichlautende dreifach-Album gekauft habe und die drei Briten zu meinen Lieblings Progrockern machte. Derart sozialisiert – soweit ich das beeinflussen wollte oder konnte –  habe ich auf unzähligen Openairfestivals in den späten 70er und frühen 80er Jahren guten Rock und freie Liebe gesucht und meine gelb-braun-gestreiften Hosen bekamen vor vier Jahrzehnten dementsprechend oft grüne Flecken auf uneinsichtigen Wiesenstücken.

Heuer ging die Show für ELP doch zu Ende. Keith Emerson starb am 11. März 2016 in seinem Haus in Santa Monica, Greg Lake starb am 7. Dezember 2016 an Krebs. Carl Palmer, Jahrgang 1950, geht es gut. Schlagzeuger leben gesünder.

“A bullet had found him
His blood ran as he cried
No money could save him
So he laid down and he died”

Aus: Lucky Man (Greg Lake)

Hello World

Am 3. April 1996 begrüßte ich die virtuelle Welt mit eben diesen Worten, die auf allen Bildschirmen des damals noch in der Steinzeit befindlichen World Wide Web zeitgleich erschienen. Ich hatte eine “website” am Internet gebaut, in einer Zeit, wo der Mann von der Straße weder wusste, wofür “http://” stand, noch eine E-Mail Adresse zu seinem täglichen Leben gehörte. Doch da war sie, meine erste “homepage”, mit ihr war ich “online” und der Gangan Verlag sichtbar für alle Welt. Zumindest für jene Teile der Welt, die sich den Luxus leisteten, denn man bezahlte noch Unsummen für jede Minute Internetzugang.

20yonlinebanner

Als Startseite diente eine zentrierte Logo des Verlags, der man mit den damaligen Modem-Geschwindigkeiten beim Laden zusehen konnte, dann gab es einige Seiten Text über unsere Bücher, die durch geheimnisvolle Hyperlinks verknüpft waren, sowie die erste Ausgabe von Gangway, meinem vierteljährlichen Literaturmagazin. Alles noch in selbst erlernter HTML für den neuen Netscape Browser geschrieben, der gerade die erste Version vom März 1995 abgelöst hatte. Interessierte können sich die Entwicklung von gangan.com gern im Internetarchiv WayBackMachine ansehen. Gangway ist in der australischen Nationalbibliothek archiviert.

Vor zwanzig Jahren zählte ich damit zu den Pionieren des Internet, war stolz darauf und beobachtete voller Neugierde, wer sich meine Seiten ansah. Das waren in den 90-er Jahren sicherlich keine Leser zeitgenössischer Literatur, denn ich verkaufte kein einziges Buch. Aber es wurden immer mehr. Meist Computer-Geeks, die damals noch ziellos “surften”, wie man den sinnlosen Zeitvertreib nannte, jedoch keinerlei Interesse am Buchmarkt mitbrachten. Dennoch war ich überzeugt davon, dass das Internet einmal in jedem Haushalt landen würde und aktualisierte meinen Webauftritt parallel zum Fortschritt der Technik und der Programme.

Bei gangan.com und gangway.net ist nichts “von der Stange”, alles ist selbst entwickelt, programmiert und gestaltet. Als ich 1986 auf der Uni Graz Akademischer Medienfachmann wurde, war vom Internet noch keine Spur und es gab praktisch auch keine Ausbildung. Meiner Zeit voraus, habe das Metier weitgehend autonom erlernt und erst 2006 ein Diplom als Web Entwickler am SIT (Sydney Institute of Technology) gemacht. Leider wurde bald darauf meine berufliche Laufbahn mit der Diagnose Parkinson gebremst. Meine Vision, die ich seinerzeit in einem gemieteten Haus in der Whaling Road hatte, hat sich jedenfalls heute im Eigenheim am Jakobsweg mit rund einer halben Million Zugriffen pro Jahr auf meine Seiten längst bewahrheitet.

Ich wünsche mit der völlig neu gestalteten Website viel Vergnügen und eine spannende Entdeckungsreise in alle Ebenen des mittlerweile tausende Seiten umfassenden virtuellen Verlagshauses.

Gerald Ganglbauer
Stattegg-Ursprung, am 15. Februar 2016

whalingroad1996

La Strada Graz Festival 2016

Vom 29. Juli bis 6. August 2016 wird Graz wieder zu einer großen Bühne, auf der voller Lebenslust neue Perspektiven geschaffen werden, verspricht das internationale Festival für Straßenkunst und Figurentheater. Und ich frage Werner Schrempf nach dem Pressegespräch, ob man das großartige Vorjahr übertreffen könne. Müsse man gar nicht, meint der Intendant, solange die Qualität gehalten werde. Und das tut sie, vermute ich. Wir werden berichten.

Opernring 12/I
8010 Graz
T. +43 316 69 55 80

La Strada ist eine Arbeitsgemeinschaft des Vereines zur Förderung von Straßenkunst und Figurentheater in Österreich und der Firma die ORGANISATION, Büro für Gestaltung und Veranstaltungsorganisation GmbH. Wer laufend am Laufenden sein möchte, dem steht die La Strada-App als gratis Download zur Verfügung.

La Strada 2016 wird im Grazer Opernhaus mit Cirkus Cirkör eröffnet | Foto © Mattias Edwall La Strada Graz 2016

La Strada 2016 wird im Grazer Opernhaus mit Cirkus Cirkör eröffnet | Foto © Mattias Edwall La Strada Graz 2016

Mit der La Strada-App findest du alle Gruppen und Aufführungen, Spielorte und Preise sowie einen Kalender, der auf einen Blick zeigt, was gerade wo stattfindet; Tickets bestellen ist genauso möglich wie Fotos und Videos der einzelnen Gruppen anzusehen. Und last but not least sind hier natürlich alle Social Media-Auftritte der Künstler verlinkt.

Die App ist kostenlos im App Store und im Google Play Store downloadbar. Das gesamte Programm gibt es auf www.lastrada.at zu sehen. Wir werden von der Eröffnung berichten und hier mit einem Rückblick abschließen.

Stattegg-Ursprung, am 12. Juli 2016

Eröffnung
Cirkus Cirkör – Limits

Visuelle Poesie auf der Erzähl- und Schaubühne des Cirkus Cirkör | Foto © Mats Bäcker

Tilde Björfors, die Gründerin des schwedischen Cirkus Cirkör, ist eine kluge Frau. Sie dachte schon als Kind, dass die Bewegung der Menschen über die Weltkugel diese in Balance hält. Auch ein Akrobat muss sich bewegen, sonst kippt, was auch immer er jongliert. Diese Analogie definiert gewissermaßen das Programm der Gruppe, die Grenzen nicht setzt, sondern sie ständig überschreitet, mit dem Reisepass so wie mit hoher akrobatischer Kunst. Parallel dazu zieht sich als narrativer Faden die Flüchtlingswelle, mit aktuellen Zahlen und Fakten visuell belegt, wie auch im Bühnenbild akribisch umgesetzt.

Cirkus Cirkör umgeht scheinbar auch die Grenze der Schwerkraft | Foto © Mats Bäcker

Migration sei zu befürworten, und wenn sich alle Beteiligten ein wenig entgegen kämen, könnten sich aus den Risiken neue Möglichkeiten eröffnen. Im Rückblick auf die Geschichte entstand Gutes meist aus Veränderung, meint die Schwedin. Ihr Land ist mit den Flüchtlingen so bunt wie die Welt. Und mir scheint die Farben werden satter, je höher man in den Norden blickt.

Die sechs Akrobaten und One-Woman-Band erhielten stürmischen Applaus, den sie sich mit den grandiosen Leistungen in Limits auch verdient hatten. Bis 5.8. noch fünfmal mit eigenen Augen zu sehen.

Stattegg-Ursprung, am 30. Juli 2016

Finale
Transe Express – Mù, cinématique des fluides

Mit einem großen & großartigen Finale endet auch die 19. Reinkarnation von Werner Schrempfs Straßenfestival. Das ist zumeist auch alles, was die Menschen in Erinnerung behalten, die ein solches Festival irgendwo auf der Welt gesehen haben. Spektakel dieser Größenordnung kommen oft so wie Transe Express aus Frankreich und ziehen kreuz und quer durch die Lande. Ich habe derartiges im Sydney Festival gesehen und es freut mich natürlich, dass dieser „neue Zirkus“ auch in unserem Großstädtchen Station macht.

Transe Express auf dem Weg zum Mond | Foto © La Strada

… und alles dazwischen

Neben den Extremen, Superlativen, sind es aber auch die leisen Töne, die La Strada ausmachen, allen voran Kudos für das aXe:körpertheater:graz – ich:sucht:leben (community art) im Grazer Stadtparkpavillon. Es war eine Freude zu erleben, wie gerührt die Darsteller den Applaus über sich ergehen ließen, wo doch viele von ihnen nur Obdachlosigkeit und unfreundliche Worte kannten. Sozialarbeit vom Feinsten und eine sympathische weil menschliche Komponente unserer Kultur. Ob es dem einen oder anderen hilft, aus dem Spinnennetz der Drogensucht (Bühnenbild) zu entfliehen, bleibt abzuwarten.

aXe:körpertheater:graz – ich:sucht:leben | Foto © Gerald Ganglbauer

Das Figurentheater trat mit zwei Produktionen hervor: Handmaids Berlin mit Salome, die das klassische Thema spannend und aktuell aufarbeiteten, indem sie meterweise Papier aufrollten, ihre „Puppen“ daraus formten und immer wieder zerknüllten, bis sie, in blutrotes Licht eingefärbt, Salomes Tod visualisierten, und, ebenso aus Deutschland, United Puppets mit A No Man Show (An Evening With Andy Warhol), das die Kultfigur der 60er Jahre in Erinnerung rief. Zwar hat Figurentheater eine loyale Fanbase im Grazer Publikum, die Plätze im Next Liberty blieben teilweise jedoch leer.

Figurentheater von United Puppets (0ben) und Handmaids Berlin (unten) | Fotos © Martin Hauer

Ich vermute, dass La Strada in der Bevölkerung zumeist im Kontext mit Straßenkünstlern verstanden wird, wo man im Sommer mit zufälligen Begegnungen rechnet, sofern man in der Innenstadt ist, sich jedoch nicht zu einer bestimmten Zeit irgendwo dafür einfindet und auch noch Karten kauft. Das höre ich jedenfalls gelegentlich, wenn ich das Gespräch auf La Strada lenke. Dass La Strada inzwischen auch die Randzonen der Stadt erfasst hat, muss sich erst noch herumsprechen. Noch eine Erschwernis: auf der Straße ist man dem Wettergott ausgeliefert, der es dieses Jahr gar nicht gut mit uns meinte.

Cheptel Aleïkoum – Maintenant ou Jamais | Fotos © Gerald Ganglbauer

Vom Wetter nicht betroffen, da unter einem Zirkuszelt, das äußerst unterhaltsame Programm von Cheptel Aleïkoum – Maintenant ou Jamais, in dem eine elfköpfige Circus Brass Band auf Fahrrädern das Publikum nicht nur unterhält, sondern auch einbindet. Auch ich wurde in die Zeltmitte eingeladen und durfte die Trommel schlagen, während sich die Band auf zwei Fahrrädern im Kreis neu konfigurierte. Unvorstellbar, wie viele Menschen auf ein Radl passen, ohne umzufallen. Man sah den Franzosen an, dass sie Spaß daran hatten und uns, ihr Publikum, gerne daran teilhaben ließen. Die charmante Akrobatin, die mich ins Zirkusrund entführte, bedankte sich danach bei mir mit einem Kuss und flüsterte mir in inniger Umarmung zu: „I’ve made the right choice with you, merci!“, worauf ich mich sofort unsterblich in sie (in den Zirkus) verliebte.

Irgendwie schade, dass ich vom eigentlichen Herzstück von La Strada heuer gar nichts mitbekommen habe. Für Straßentheater blieb mir kaum Zeit und war auch selten einladendes Wetter. Publikum zu sein, kann auch ganz schön anstrengen. Ich hoffe, nächstes Jahr noch so fit zu sein, um mich auf das 20. La Strada einzulassen.

Stattegg-Ursprung, 6. August 2016

Spencer Tunick

Nude Beaches in Sydney

When Spencer Tunick called for volunteers to take part in his mass nude photographic installation in front of the Sydney Opera House on a chilly Monday morning in March this year, over 5,000 people – more than twice the number expected – turned up and stripped off for the US artist.

Free Beach Action doing a nude Cleanup in 2010 | Photo: Alan Place

But just a week earlier, a display of public nudity at another waterfront location in Sydney drew a very different reaction. On a warm, sunny Sunday plain-clothes police officers descended on a regular gathering of nude bathers at Little Congwong Beach at La Perouse. The police instructed the nudists to cover up or leave, taking details from several people and returning some time later to ensure compliance. The following day, the incident was widely reported as a “raid” or “crackdown” on an “illegal nude beach”. (Although Little Congwong has never been a legally designated nude beach, nudists claim it has been used as such for at least 40 years with minimal objection – until now.)

The contrast between the two episodes raises questions about attitudes towards nudity in contemporary Australia. On the one hand, according to Spencer Tunick, Sydneysiders’ willingness to peel off and be photographed with thousands of naked strangers “delivered a very strong message to the world that Australians embrace a free and equal society”. On the other hand, as Sydney grows and its demographic make-up changes, members of local councils say they face increasing calls to reclaim established nude beaches for what nudists call the “textile-using” public.

FBA (NSW) Convenor Gerald Ganglbauer

Robert Belleli is the deputy mayor of Randwick, the local council responsible for Little Congwong Beach. He says that with the advent of motorway access from the outer suburbs, La Perouse has attracted an increasing number of visitors over recent years. Upgrades to the national park behind Congwong and Little Congwong beaches are bringing day-trippers closer to the nudists than ever before. “Families are using the bushwalk and then they’re being shocked by the sight of what they’re seeing there,” Belleli says. Randwick Council has twice rejected requests from the lobby group, Free Beach Action NSW, a group convened in October 2005 by Gerald Ganglbauer, to legalise nude bathing at Little Congwong.

The call for more “family-friendly” beaches can also be heard in the debate over another of Sydney’s nude beaches, Lady Bay Beach in Vaucluse. Woollahra councillor Anthony Boskovitz says that over the past five years he has been “worn down” by requests to have Lady Bay taken off the list of NSW’s legal nude beaches. An economist by training, he believes the issue boils down to a question of supply and demand. “We’re not really supplying enough beaches for the demand. The demand is for family-friendly beaches; the demand is for beaches that everybody can go to,” he says.

Juan Mellado, a regular user of Little Congwong Beach and a member of Free Beach Action NSW, sees nudist beaches as a sub-set of family-friendly beaches, rather than the opposite. “Naturism is a family activity,” he says. “We have a group of families going there with their kids. We play cricket with the kids and stuff like that.”

From a historical perspective, too, the terms “nudist” and “family friendly” are not the strict opposites that critics suggest. Sociologist Ruth Barcan, author of Nudity: A Cultural Anatomy, explains: “There’s a sort of venerable tradition, going back a century, of nudist writing about the social and psychological benefits of bringing up children without shame. There’s always been a really strong current in nudist writing about the beneficial effects of kids growing up with a comfortable relationship with their own body.”

Barcan points out, however, that nudism as a philosophy-cum-lifestyle “has always been a quite hidden and quite particular practice” in Australia. She says that while popular perceptions of nudism as “anything from comic to strange to downright perverse” remain much the same, change is occurring in our attitudes towards the naked body more generally.

“What I see happening is the association between nudity and only one thing is strengthening,” she says. “That’s a definite trend: nudity equals sex. Nudity obviously has always had erotic and sexual meanings, but nudity could also mean a whole lot of other things. It could be heroic, it could be majestic, it could signify truth, authenticity, innocence and so on. But that range of other associations is really under threat – I think that’s new.”

In addition to this restricted view of nudity, Barcan believes a restriction in the range of body types deemed acceptable by popular culture is another factor driving public uneasiness about nude beaches.

Woollahra councillor Anthony Boskovitz describes the shift in public attitudes in the following way: “There’s a different standard these days than there was 30 years ago. People don’t feel as comfortable around nudity now as they did back then. There’s certainly an increase in modesty these days.”

Boskovitz, 27, says he doesn’t know why this change has occurred. “Older people have said there was a place for [a nude beach at Lady Bay] back in the 70s and people used it. But these days younger people who use beaches are just not partaking in nude bathing. I just don’t think it’s as socially acceptable as it was back then.”

So how did Spencer Tunick manage to draw such a big crowd in a city where nudism is a marginal practice and the general population’s attitude to nudity is at best indifferent? Ruth Barcan lists several reasons including the celebrity status of the photographer, the institutional backing of the Sydney Mardi Gras, and the circumscribed nature of the event, which gave people who are not regular nudists the chance to participate in something fun and exhilarating, but ultimately quite safe.

“The thing about a Spencer Tunick is precisely the fact that it’s a one-off,” Barcan says. “When you do a one-off thing in a special circumstance, in a specially licensed place, what it confirms is that we don’t do this most of the time, whereas nudists want to do this most of the time, if not all of the time.”

Despite the pressures, the demise of nude beaches in the Sydney metropolitan area may be some way off yet. At a council meeting in February, Anthony Boskovitz’s motion to have Lady Bay declassified as a nude beach was voted down, receiving support from just one of his fourteen fellow councillors. Down at Little Congwong, meanwhile, Juan Mellado says that over the last couple of years he has seen a growing number of newcomers (recognisable by the “textile marks on their bodies”) showing up to try out nude bathing – young couples and women notably among them. Robert Belleli of Randwick Council concedes that as long as nudists want to use Little Congwong, they will. He adds that enforcement of the law prohibiting nude bathing there will continue to be a matter for the police.

Acknowledgement: This article was witten by Fergus Grieve, journalism student at the University of Technology Sydney fergusgrieve@gmail.com phone 0401 166 829.