50 Jahre steirischer herbst

Updates >> 24. September >> 11. Oktober >> 14. Oktober

Die letzte Eröffnung

Where are we now? Die scheidende Intendantin Veronica Kaup-Hasler erinnerte in ihrer emotionalen Rede, dass der steirische herbst das älteste multidisziplinäre Festival für zeitgenössische Kunst in Europa sei und sich immer wieder neu erfinden müsse. Mit fünfzig Jahren am Buckel und dem 88-jährigen früheren Präsidenten Kurt Jungwirth anwesend kam ich mir auch schon sehr alt vor. Immerhin hat der steirische herbst seit dem Jahr 1977 mein Leben begleitet und damit sicher auch meine Offenheit für Neues und meine Liebe zur Avantgarde durch ein erweitertes Kulturverständnis mitgeformt. Obwohl es heute noch Menschen gibt, die unter dem steirischen herbst einfach den Herbst in der Steiermark verstehen, bin ich überzeugt, dass durch die unermüdliche Aufklärung des Festivals das seinerzeit kleinstädtische Bewußtsein der Einheimischen im Lauf der Jahre weltoffener geworden ist. Steter Tropfen höhlt den Stein.

Die nackte Performance

Die dänische Choreografin Mette Ingvartsen kannte ich bereits von 7 Pleasures, die ich vor zwei Jahren das Vergnügen hatte im Dom im Berg zu sehen. Mit to come (extended) landete sie eine gelungene Urauführung, einen vielstimmigen Orgasmus vor weitaus größerem Publikum. Die Anwesenden waren von der erotischen Körpersprache sichtlich begeistert, wenn auch ohne spontane Entkleidungen und Beteiligung am Tanz, die wohl so manchem in den Sinn gekommen war. Schade, dass man während der zweiteiligen blau/nackten Vorstellung nicht fotografieren durfte, Wer nicht dabei war und die Produktion dennoch unbedingt sehen will, muss eben nach Paris fliegen.

Das große Buffet

Als nach dem lange anhaltenden Applaus für die Tänzer ein schier endlos scheinendes Buffet langsam auf die Bühne gerollt wurde, war die Reaktion etwas zögerlich, doch dann ging es schnell, La Grande Bouffe war in der Tat ein opulent-sinnliches Angebot für den Gaumen, dem niemand widerstehen konnte. Beim darauf folgenden Abtanzen konnte man die Kalorien ohnedies wieder abbauen, sich mit den numehr bekleideten Tänzern aus aller Herren Länder unterhalten und nach Mitternacht guter Dinge nachhause fahren.

Stattegg, am 23. September 2017

Die nackte Performance II

Am nächsten Tag setzt sich das Nacktsein auf der Bühne fort. Ich frage mich, ob es in einer Zeit, in der die in den 60ern erkämpfte Freiheit von einem neuen Konservatismus langsam wieder überdeckt wird, der Kunst bedarf, an sexual liberation zu erinnern.

Simon Mayer – Oh Magic

In der Abgeschiedenheit des Dom im Berg ist diese Erinnerung großartig gelungen. Der Oberösterreicher Simon Mayer hat es im besten Sinn mit seinem choreografierten Konzert Oh Magic mit Clara Frühstück, Tobias Leibetseder und Patric Redl, sowie den von Manuel Wagner ferngesteuerten Robotern bewiesen. Die Premiere bot 70 Minuten lang Überraschungen, anfangs im verdunkelten Raum den zaghaft suchenden Scheinwerfer eines R2-D2 artigen Lichtroboters, die ruhige Melodie eines selbstspielenden Klaviers, einer Triangel, Rückkopplungen eines Mikrofonroboters im Zusammenspiel mit dem Erscheinen des Menschen mit Stimme, Atmung und rockigem Sound Design, bis hin zur schrittweisen Entkleidung, ekstatischer Besessenheit mit dem nackten Körper und an Wahnsinn grenzende Trommelrituale. Ich gebe zu, dass diese Subsummierung in einem Satz der erlebten Show in keiner Weise gerecht wird, aber vielleicht verirrt sich der eine oder andere Leser noch zum Talk nach der zweiten und letzten Aufführung am Sonntag.

Stattegg, am 24. September 2017

Die zwei Alten

Einmal gänzlich ohne nackte Haut kommt die berührende Dokumentation der belgischen Künstlergruppe Berlin vom (Über-)Leben von Nadia und Pétro Opanassovitch Lubenoc aus. Zwei 80-jährige, die sich weigerten, nach dem nuklearen Meltdown im 25 Km entfernten Tschernobyl das ukrainischen Dorf Zvizdal (so auch der Titel des Stücks) zu evakuieren, werden einfühlsam porträtiert.

Massstabgetreues Modell aus Zvizdal

Über einige Jahre hinweg wurden die beiden eigensinnigen Verweigerer jeglicher Vernunft besucht und gefilmt, wie sie ihren kontaminierten Heimatboden bestellen und abgeschnitten von der Welt ohne Strom und fließendes Wasser der Natur und den unsichtbaren Strahlen trotzen. Auch die Liebe zwischen den beiden früheren Nachbarn wuchs im Sperrgebiet. Das umfangreiche Filmmaterial bis zum Tod Pétros wurde in eine multimediale Aufführung eingebettet, die mich nachdenklich hinterließ, was im darauffolgenden Talk auch das Publikum zum Ausdruck gebracht hat.

Auf dem Heimweg sind mir Parallelen zu Marlen Haushofers Die Wand in den Sinn gekommen.

Nadja lebt im Internet weiter: berlinberlin.be/chernobyl code: leavingzvizdal

Stattegg, am 11. Oktober 2017


Die nackte Performance III

Auch Apollon Musagète, die „Freakshow“ von Florentina Holzinger, wollte ich mir anschauen, aber leider war das wegen einer Terminkollision mit dem Jazz Festival Leibnitz nicht möglich gewesen. War sehr gut, wie man mir berichtet hat.

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Apollon Musagète | Foto ©2017 Radovan Dranga

Eine Gelegenheit, wieder einmal meinem Bedauern Ausdruck zu verleihen, dass ein Großteil der Produktionen viel zu kurz, nämlich meist nur zweimal, auf die Bühne kommt. Einem Besucher mit durchschnittlicher Freizeit ist es dadurch kaum möglich, sich alles anzusehen. Die herbst-Statistik gefällig? An 24 Festivaltagen gab es 137 Projekte und 451 Einzelveranstaltungen, das ist genauso wenig machbar, wie alle Bücherneuerscheinungen des Herbstes zu lesen.

Where Are We Now?

In der „Philosophierkantine“ des steirischen herbst werden bei einem Glas Wein und Speisen aus der Bar Gedanken weitergesponnen. Aber erst einmal wurde in eigener Sache das herbst-Buch vorgestellt.

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Buchpräsentation: 50 Antworten auf die Frage „Where Are We Now?“

Vorträge wurden als Diskussionsgrundlage serviert: Mangelnder Zugang zum Weltkulturerbe wurde von einer Kuratorin bedauert, Weltreligionen in einem Filmbeitrag angesprochen und heftig diskutiert, danach kam eines meiner Lieblingsthemen und ein süßes Dessert auf den Tisch: „Poly“ (Polyamory), ein Thema, das an unserem Tisch für angeregte Gespräche sorgte. Um Trading in einem Eisbrecher ging es im letzten Vortrag des Abends, aber da sich die Uhrzeiger gegen Mitternacht bewegten, hatten sich die Tische schon weitgehend gelichtet. Gute Nacht.

Pursuit of Happiness

Mit meinem letzten Gig im 50. steirischen herbst schließt sich der Kreis. Nature Theater of Oklahoma und die slowenische EnKnapGroup inszenieren in der Grazer Helmut List Halle ihre Suche nach dem Glück: „Pursuit of Happiness“. Das zweiteilige Stück trug ganz eindeutig die Handschrift der New Yorker. Im ersten Teil die Saloon-Szenen, Whiskey an der Bar, Finger am Abzug der Colts, Raufereien und ausgeschlagene Zähne, danach der überlange Monolog des Künstlers. Ich erinnerte mich an Life and Times – Episode VI, auch hier wieder die betont künstlichen Bewegungen, die extrem artikulierte Sprache, den persiflierten Akzent der Südstaaten und die großartige Darstellung der Tanzgruppe, für die der hohe Textanteil auch etwas Neues war, wie wir im anschließenden Talk erfuhren. Bleibt zu hoffen, dass die acht Slowenen (zwei Mitglieder der Gruppe waren nicht in dieser Produktion) auch mit eigenen Shows nach Graz kommen.

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Abschied von Pavel und Kelly, die in Neuberg an der Mürz noch den Dreh von Die Kinder der Toten fertigstellen, und von Veronica, deren Nachfolge  Ekaterina Degot antreten wird. Ich bin schon gespannt auf den 51. steirischen herbst (und den Ausgang der morgigen Nationalratswahl).

Stattegg, am 14. Oktober 2017

Die Kinder der Toten

Casting

Nach drei Jahren (Life & Times, 2014) treffe ich Kelly Copper und Pavol Liška vom Nature Theater of Oklahoma auf der Pressekonferenz 50 Jahre steirischer herbst und entscheide mich spontan, am Casting für ihren Film „Die Kinder der Toten“ frei nach Elfriede Jelineks 666-seitigem Roman mitzumachen.

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„You’re in!“ sagt mir Pavol trocken und ich unterschreibe einen Darstellervertrag.

Matinee

Das gemeinsame Projekt des steirischen herbst mit dem Nature Theater of Oklahoma und dem Literatur h aus Graz wird im Palais Attems dem Publikum vorgestellt. „Der Große Dreh“ in der Obersteiermark kann beginnen.

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Das Nature Theater of Oklahoma will den Spass am (Stumm-)Film …

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… und Klaus Kastberger (2. v. l.) fordert die Beschäftigung mit dem Text Jelineks.

LOCATION

Im Hotel Appelhof in Mürzsteg ist ein Zimmer für mich reserviert. Sehr gemütlich in einer Villa wie aus einem Horrormovie, wo es überall im Gebälk gespenstisch knarrt, wenn man sich im Finstern die Treppe hinauf tastet. Mürzsteg ist ziemlich weit vom Geschehen entfernt. Aber egal wo man untergebracht ist, man fährt über das Wochenende gute 100 Km talauf talab von Mürzsteg nach Neuberg, nach Kapellen, wo ein Riesenplakat auf das FAZ Mürzer Oberland hinweist und zurück. Dieser Ort am verlassenen Bahnhof einer längst verschwundenen Schienenstrecke ist ausgelagerter Drehpunkt des steirischen herbst und dient der Filmcrew als das Basislager.

Ich bin schon sehr gespannt, worauf ich mich bei den Dreharbeiten eingelassen haben werde. Aber das dauert noch. Die Regisseure filmen in einer Fabrikshalle noch einige Szenen. Ich nütze die Zeit und lese unvorbereitet und öffentlich, jedoch nicht einmal so schlecht, meine 15 Minuten aus Jelineks Roman. Die Lesenden werden im Viertel-Stunden-Takt von Figuren aus Star Wars in einen in ein weisses Tuch eingepackten, ausrangierten Zugwagon begleitet, wo man einen Tag und Nacht durchlesenem 144 Stunden Lese-Marathon „Die Kinder der Toten“ abhält, den man sowohl im Hof aus Lautsprechern hört als auch für spätere Verwendung aufzeichnet.

SZENEN

  • Höllenszenario: Das Ende der Welt naht und die Erde verwandelt sich in eine Bühne für apokalyptisches Horrortheater. Die Polizei untersucht einen liegengebliebenen Holztransporter und findet eine übelriechende Leiche
  • Auferstehung der Toten: Weinendes Publikum im Kino betrauert seine Verstorbenen, die auf Super 8-Homevideos auf der Leinwand zu sehen sind. Nach einer Pause verwandelt sich ein Großteil der Kinogäste in Untote und durchstürmt die Leinwand, um die Verbleibenden zu attackieren.
  • Die Syrer: Sechs syrische Flüchtlinge werden von Einheimischen abgewiesen.
  • Im Supermarkt: Untote übernehmen die Kontrolle über den lokalen SPAR Supermarkt – und stellen ihn gehörig auf den Kopf.

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Und plötzlich ist man mittendrin im Film… Eine wertvolle neue Erfahrung, die ich mit nachhause nehmen darf. Hollywood wird mich nicht entdecken, wenn der Film ins Kino kommt, aber den Dreh hinter den Kulissen mitzuerleben hat großen Spass gemacht.

IM KINO

Mit den Dreharbeiten ist nun das künstlerische Projekt des steirischen herbst abgeschlossen. Jetzt geht es ans Produzieren. Unter maßgeblichem Engagement von Veronica Kaup-Hasler konnte im Sommer die Finanzierung des Materials als Film sichergestellt werden – der ORF, das Österreichische Filminstitut und das Land Steiermark sind beteiligt, produziert wird von Ulrich Seidl Film. Kelly Copper und Pavol Liska machen sich in den kommenden Monaten an die Bearbeitung des Materials, Ende 2018, Anfang 2019 soll der Film in die Kinos kommen.

Nature Theater of Oklahoma

Der steirische herbst ist kein Durchlauferhitzer, wo jedes Jahr andere Künstler durchs Dorf getrieben werden. (Martin Baasch, Leitender Dramaturg)

Das Ehepaar Kelly Copper und Pavol Liska, besser bekannt unter dem Namen Nature Theater of Oklahoma, ist wieder im Lande. Nach zahlreichen Episoden von Life and Times, die als Co-Produktionen mit dem steirischen herbst aufgeführt wurden, hat die scheidende Intendantin Veronica Kaup-Hasler die beiden noch einmal in die Steiermark geholt, um Elfriede Jelineks „Die Kinder der Toten“ mit ausgewählten Laiendarstellern und Beteiligung der gesamten Bevölkerung auf Super 8 zu filmen. Die Filmarbeit an sich, die an Originalschauplätzen in der Obersteiermark über vier Wochen im September/Oktober stattfinden wird, ist das eigentliche Kunstwerk. Mit etwas Glück könnte der Film sogar in die Kinos kommen.

Wer frühere Arbeiten der Künstler kennt, wird wissen, dass die freie Adaption von Jelineks Roman wieder sehr provozierend ausfallen wird, wobei Sex, Gewalt und Nationalsozialismus in dem Genre Horrorfilm nicht zu kurz kommen werden.

Für diejenigen Leser, die noch nicht in die Welt des Nature Theater of Oklahoma verführt worden sind, ein kleiner Vorgeschmack aus ihrer letzten Produktion in Köln, „Deutschland 2071“.

Und das liest man im eben online gegangenen Programm des steirischen herbst:
Das Nature Theater of Oklahoma wagt heuer außerdem das Unmögliche: Die Literaturnobelpreisträgerin Elfriede Jelinek hat ihr, in ihren eigenen Worten, wichtigstes Werk freigegeben für eine filmisch-performative Inszenierung durch das amerikanische Performance-Kollektiv. „Die Kinder der Toten“ – ein „Gespensterroman“, über 666 unheimliche Seiten gehende, phasenweise hochkomische, dann wieder beklemmende sprachliche und geschichtskritische Herausforderung. Nach zweijähriger Vorbereitungszeit mündet die Auseinandersetzung mit diesem Koloss an Sprache heuer in eines der bislang größten Projekte des Festivals: „Die Kinder der Toten“ wird vielstimmig und multimedial an seinen Ursprung zurückgeführt – nach Neuberg an der Mürz zwischen Mürzzuschlag und Mariazell.

 

An den Originalschauplätzen werden Kelly Copper und Pavol Liska vom Nature Theater of Oklahoma öffentliche Dreharbeiten zu einer freien filmischen Adaption des Romans inszenieren. Zusätzlich entsteht ein Basislager mit zahlreichen Begleitveranstaltungen – hier werden Mitwirkende auf die Drehs vorbereitet; hier stürzen wir uns in eine 144-stündige Dauerlesung von „Die Kinder der Toten“; hier starten geführte Touren zu den Schauplätzen des Romans und befeuert das „Cinema 666“ sein Publikum.

Apropos Publikum, bevor ich vergesse es zu erwähnen, ich war beim Casting und habe eine Rolle als „Syrer“ bekommen. Wow, ich werde ein Filmstar … sicher nicht der späte Beginn einer Hollywood-Karriere, aber man darf gespannt sein!

Info +43 316 816 070, info@steirischerherbst.at, www.steirischerherbst.at

7×7+1=50

Der steirische herbst wird fünfzig

Vor rund 30 Jahren war Horst Gerhard Haberl dafür verantwortlich, dass ich als sein Student die Prinzipien von Werbung und PR verstand. In seiner Vorlesung an der Uni war mir nie fad, aber was dem Vater von Franz (HUMANIC)  nun als Logo für 50 Jahre steirischer herbst eingefallen ist, kann ich nur schwer nachvollziehen. War der Poststempel der letzten Jahre schon fad geworden, sind mir derlei Zahlenraster aus diversen Kalender Apps viel zu geläufig um einzigartig und unverwechselbar zu sein.

Druck

Typografisch ist die Helvetica, vom Grafiker Max Miedinger auf der graphique 57 für den Handsatz veröffentlicht, im Jahr 2017, nach 60 Lebensjahren als Hausschrift vieler Firmen allgegenwärtig, ebenso fad geworden. OK, ich gebe zu, dass viele Schriften schneller altern, die American Typewriter aus dem Jahr 1974 zum Beispiel, die ich Anfang der 80er noch im Kalenderteil unserer Jahrbücher einsetzte, ist längst verschwunden. Vielleicht weil sich heute keiner mehr an mechanische Schreibmaschinen erinnert? Nur, wozu lange über ein Logo reden.

Es geht ja schließlich um den Inhalt der Werbebotschaft. Und warum sollte sich ein Avantgarde Festival  in seiner visuellen Kommunikation immer wieder neu erfinden müssen? Weil Avantgarde seiner Zeit voraus sein sollte, wäre eine der möglichen Antworten, ist aber nicht die einzige. Genug.

Die Kinder der Toten

Es geht ja auch rückwärts mit viel Freude voraus. Nehmen wir das herbst-Freunden von den Life and Times Episoden gut bekannte Nature Theater of Oklahoma und mixen wir es mit Elfriede Jelineks Roman Die Kinder der Toten, der 1995 bei Rowohlt erschienen ist und 1996 mit dem Bremer Literaturpreis ausgezeichnet wurde, was seinerzeit in Australien völlig an mir vorüber gegangen war.

Kelly-Copper-Pavol-Liska-Nature-Theater-of-OklahomaKelly Copper & Pavol Liska vom Nature Theater of Oklahoma

Der Roman ist neben dem Internetroman Neid Jelineks umfangreichstes Werk und ist berüchtigt für seine Figurenvielfalt, seine verschlungenen Handlungsstränge und seine ironisch-zeitkritischen Querverweise. Gattungsspezifisch ist er dem postmodernen Roman und der Schauerliteratur zuzurechnen. Jelinek selbst bezeichnet ihn als einen „Gespensterroman in der Tradition der gothic novel“, kann man erfahren.

Untote und der Holocaust formen also die Asche, aus der Avantgarde entstehen soll und für dessen Besetzung 666 lebende Menschen gesucht werden. Im steirischen herbst HQ hat das Casting schon begonnen und auch ich habe mich selbstlos angemeldet, am Film- und Performance-Projekt in Neuberg an der Mürz mit Kelly und Pavol (leider ohne Kristin Worrall) mitzuwirken. Eine kleine Rolle hoffe ich zu bekommen, denn mit meinem Parkinson spiele ich einen Zombie bestimmt sehr überzeugend!

Informationen und Anmeldungen:
kinderdertoten@steirischerherbst.at
+43 664 24 500 85
www.steirischerherbst.at

steirischer herbst 2016

Vom 23. September bis 16. Oktober 2016 krempelt sich der steirische herbst die Ärmel hoch:“ Wir schaffen das.” Die diesjährige Eröffnungsproduktion entführt in die Traumwelten des französischen Theaterzauberers Philippe Quesne. Für den steirischen herbst gräbt er sich unter die Erdoberfläche und stößt dort auf eine skurrile Gesellschaft.

steirischer herbst Logosteirischer herbst festival gmbh
Sackstraße 17
8010 Graz Austria
t +43 316 823 007
f +43 316 823 007 77
info@steirischerherbst.at

Wir schaffen das.
Über die Verschiebung kultureller Kartografien
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Kultur soll leistbarer werden mit den neuen herbst-Blocks | Grafik © steirischer herbst
herbst-Block

Gerald GanglbauerDas diesjährige Motto könnte sich sogar auf mein neues Buch beziehen, habe ich doch mit meiner Geografie der Liebe immer schon kulturelle Grenzen verschoben. Wen das plakative “Wir schaffen das” hierzulande wozu motivieren soll, werden wir am 23. September auch nicht herausfinden. Behauptet hat es Angela Merkel, wobei Ähnlichkeiten mit Slogans von Bob the Builder und Barack Obama rein zufällig sind, wie ich annehme.

Heuer wird das Kulturangebot des steirischen herbst für jedermann erschwinglich mit den neuen herbst-Blocks: bis zu 56% des Ticketpreises sparen, herbst-Blocks (ab € 70 für den ermäßigten 6er) ab sofort online kaufen und einlösen. Das gesamte Programm gibt es auf www.steirischerherbst.at zu sehen. Wir werden von der Eröffnung berichten, Fotos vom musikprotokoll posten und hier mit einem Rückblick abschließen.

Buchungshotline +43 (0)1 96 0 96 (zum Ortstarif)
Öffnungszeiten: Mo – So: 09:00 – 21:00 Uhr
Sommeröffnungszeiten Juli & August: Mo – So: 09:00 – 20:00 Uhr

Stattegg-Ursprung, am 30. Juli 2016

Eröffnung

Über die herbst-Eröffnung kann ich nichts berichten, da ich zu dem Zeitpunkt in Portland, Oregon (USA) eine Präsentation meines virtuellen Selbsthilfe-Modells am 4th World Parkinson Congress machte und erst am 26.9. wieder in Graz landete. Es sei gut gelaufen, höre ich, beim Fest in der Helmut List Halle tummelten sich wie immer viele Leute. Das herbstliche Gesichtsbad ist für heimische Kulturschaffende schließlich ein Pflichttermin.

Apichatpong Weerasethakul (TH)
Cemetery of Splendour / Fever Room

Apichatpong Weerasethakul am Eröffnungsabend der Viennale 2010 im Wiener Gartenbaukino | Foto: © Manfred Werner
Apichatpong Weerasethakul am Eröffnungsabend der Viennale 2010 im Wiener Gartenbaukino

Mittwoch tauche ich ein: Der steirische herbst zeigt den neuen Film des thailändischen Regisseurs Apichatpong “Joe” Weerasethakul, ein sanftes Meisterwerk von traumwandlerischer Magie, das ganz hervorragend zu meinem Jetlag passt. Ich frage mich nur, welche Absicht dahinter stand, nach der Filmvorführung zwei selbstgefällige (weil eine Beteiligung aus dem Publikum ignorierende) vormalige Standard-Köpfe, nämlich Alexander Horwath (Österreichisches Filmmuseum) und Claus Philipp (Wiener Stadtkino) auf die Bühne zu setzen, und als Experten die “aus dem Kino kommen”, über einen Regisseur zu reden, der weit genug weg ist, um sich der Peinlichkeit nicht auszusetzen, wie marktschreierisch die beiden ihr 2009 erschienenes mittlerweile vergriffenes Buch über “Joe” oder gar “Joey” nun als PDF (!) auf einer DVD (!) bewerben. Und um den TALK nicht gänzlich zum Marketing-Spin absinken zu lassen, projiziert man den Film in sehr kleinem Rahmen (Orpheum Extra), so dass die Karten innerhalb der herbst-Fangemeinde schon ausverkauft waren, lange bevor die Show über die Bühne ging und das gemeine Volk überhaupt eine Chance hatte, sich etwas anzuschauen. Man fragt sich, ob der steirische herbst nun ein elitäres Programmkino geworden sei. Doch dafür war der Raum zu kalt und das Sitzen zu unbequem, auch wenn die Intendantin in der Pause auf lauwarme Drinks einlud.

Talk mit Alexander Horwath (Österreichisches Filmmuseum) und Claus Philipp (Wiener Stadtkino) | Foto: © Gerald Ganglbauer
Kino Talk Kino Talk Kino Talk Kino Talk

Zwei Tage später, Freitag: Fever Room. Vor dem Orpheum sind kaum Leute, ich sehe Gerhard Melzer und wir wundern uns über die wenigen Besucher des “ausverkauften” Zwillingswerkes von Apichatpong Weerasethakul. Drinnen sind wir gezwungen, am nackten Boden zu sitzen. In Südost-Asien ist das wohl so üblich, hier bezweckte die Unbequemlichkeit vermutlich, nicht aus Langeweile einzuschlafen. Einmal, und noch einmal werden uns Orte und Gegenstände aufgezählt, bezeichnet, aus der Erinnerung an Träume. Jen und Itt, die schlafenden “Hauptdarsteller” in beiden Filmen teilen sich ihre Träume. Der Mekong Fluss, eine Höhle, und – als Sohn zweier Ärzte – immer wieder Szenen aus dem Krankenhaus. Nun statt auf einem auf vier Screens, fast bis zum Stillstand verlangsamt. Auch hier Schlafattacken. Der thailändische Heimatfilm ohne Handlung ist durch die Vervielfachung nicht weniger langatmig, trotz teils schöner visueller Eindrücke, die sowohl den politischen Aspekt in einem unter der Militärdiktatur zerfallenden Land einbeziehen, als auch die Umweltverschmutzung. Aber im Westen sitzt man auf Stühlen und glaubt nicht an Geister, auch wenn sie sich im zweiten Teil der “Installation” mit Laserlicht und Weihrauch dem Publikum präsentierten. Keine Warnung, dass man mit ungeschützten Augen nicht in den Laser schauen dürfe, und so erwachte ich heute mit brennenden Augen, weil das weiße Licht uns immer und immer wieder viel zu lange direkt in die Pupillen strahlte.

Lasershow aus “Fever Room” | Foto: © Chai Siris / Kick the Machine Films

Der 46-jährige Apichatpong Weerasethakul aus Bangkok, der 2010 als erster thailändischer Filmemacher die Goldene Palme der Internationalen Filmfestspiele von Cannes erhielt, sagt in einem französischen Interview, dass er es mag, wenn das Publikum “im Dunkeln sitzt wie Zombies”. Er will, dass wir uns unterordnen. Ich vermute, dass Europäer diese filmische Auseinandersetzung mit Thailands Geistern bestenfalls als “interessant” bezeichnen, obwohl Matthias Dell im SPIEGEL ONLINE begeistert scheint. Aber wenn es uns hier interessiert, wäre es in einem Südost-Asien Schwerpunkt im KIZ Programmkino besser aufgehoben, ohne dass sich das Publikum als “Oberfläche, auf die ein Licht projiziert wird” unterordnen muss.

Stattegg-Ursprung, am 30. September 2016

musikprotokoll

Das musikprotokoll war anfangs noch schwach besucht, erst Blixa Bargeld füllte den Dom im Berg | Fotos: © Gerald Ganglbauer
Dom im Berg Dom im Berg
Blixa Bargeld Blixa Bargeld

Blixa Bargeld
Kommod vs. Schiach

Wenn auch schon etwas gerundet (wie viele in unserem Alter) so ist Blixa Bargeld auch im schwarzen Anzug immer noch ein bunter Vogel. Er kann sogar kreischen wie ein Sulphur-crested cockatoo. Das muss er mit Nick Cave im australischen Outback gelernt haben. Wie auch immer, der Mann, der die Einstürzenden Neubauten oder Nick Cave and The Bad Seeds in seiner Biografie hat, ist auch (fast) solo eine imposante Erscheinung. Ich habe zwar ein oder zwei Alben der Neubauten am Mobiltelefon und höre ab und zu auf YouTube auch neuere Sachen, hatte das Material dieser One-Man-Show aber nicht gekannt. Daher war ich umso mehr beeindruckt, was man mit einer Stimme, zwei Loop-Recordern und einem guten Tontechniker an schrägen Klängen und mitreissenden Rhythmen live auf der Bühne zusammenbasteln kann. Kreative Ideen vorausgesetzt, wie z.B. das Sonnensystem akustisch nachzubauen, dabei das Publikum in eine unendliche Tonschleife einzubauen (und über Unendlichkeit zu philosophieren) oder spontan aus dem Publikum zugeworfene Worte – wir einigten uns nach einiger Diskussion auf Kommod und Schiach – in einem Duell zu verarbeiten. Das waren knappe eineinhalb Stunden bester Unterhaltungsqualität, die es wert waren darauf zu warten. Die beiden vorangegangenen Klangkünstler habe ich größtenteils mit einer jungen Dame in einem Seitenstollen des Schlossbergs vertratscht. Und ich erreichte laufend (und keuchend) auch gerade noch die vorletzte Straßenbahn nach Andritz.

ORF Radio-Symphonieorchester Wien & Klangforum Wien
Größe macht doch was aus

Unter der Leitung von Johannes Kalitzke war eine Urauffführung der besonderen Art in Graz zu erleben. Das ORF Radio-Symphonieorchester Wien vereinte sich mit dem Klangforum Wien zu einem fast 100-köpfig anmutenden Klangkörper für die Werke der türkischen Komponistin Zeynep Gedizlioglu (im Bild rechts unten) und des Slowenen Vito Zuraj. Zeitgenössische/neue Musik gehört nicht zu meiner täglichen Beschallung, aber hin und wieder kann sie auch mich durchaus entzücken. Ungewöhnliche Besetzungen wie in einer Komposition für drei Mundstücke (links oben) bis zum unisonen Klang aller nur denkbaren Instrumente in oft nicht vorgesehenem Einsatz ebendieser gehört zu den seltenen “ganzkörperlichen” Hörerlebnissen, die einen von FM4 zu Ö1 wechseln lassen. Noch besser war es allerdings, dieses “Concerto Grosso” live zu erfahren.

ORF Radio-Symphonieorchester Wien & Klangforum Wien in der Helmut List Halle | Fotos: © Gerald Ganglbauer
List Halle List Halle
List Halle List Halle

Stattegg-Ursprung, am 7. Oktober 2016

Exkurs zur Geografie der Liebe

Der dritte Tag musikprotokoll fiel für mich verständlicherweise aus, da ich an jenem Abend eine eigene Lesung/Buchpräsentation/Talk aus meinem neuen Buch Geografie der Liebe im passenden Ambiente des KunstGartens hatte. Volles Haus, gute Stimmung, aber die Journalisten waren wohl alle beim steirischen herbst.

Intime “Wohnzimmer-Atmosphäre” im KunstGarten Graz | Foto: © Irmi Horn / Gangan Verlag
Gerald Ganglbauer liest im Kunstgarten, 8.10.2016

Stattegg-Ursprung, am 10. Oktober 2016

Die Bilanz

Der steirische herbst 2016, der dem Leitmotiv “Wir schaffen das. Über die Verschiebung kultureller Kartografien” folgte, ist zu Ende. Die Intendantin zog wiederum Bilanz, aber ich wurde das Gefühl nicht los, dass der Dampf raus war. Kann man sich wirklich 50 Jahre lang der Avantgarde widmen und sich immer wieder neu erfinden? OK, ich habe heuer den Anfang wegen einer Terminkollision mit einem Kongress in Portland und das Ende wegen eines Festivals in Leibnitz nicht gesehen, aber dazwischen war nicht wirklich viel, wie mir schien, und nichts das mich vom Stockerl gehaut hätte wie so manches in den Jahren zuvor. Ja haben sie es denn geschafft? Was wollten sie überhaupt schaffen? Wer wollte es schaffen? Wir als Menschheit, Europäer, Österreicher, Kulturschaffende, Künstler, oder nur als Publikum?

Daraufhin habe ich mich auf der Straße umgehört und das Ergebnis meiner improvisierten Umfrage hat selbst mich überrascht. Obwohl der steirische herbst bald 50 wird gibt es Grazer, die noch nie vom steirischen herbst gehört hatten, bzw. dachten, dass es sich dabei um die Jahreszeit Herbst in der Steiermark handle. Dann gab es jene, die zwar davon gehört hatten aber nicht wussten, dass er gerade über die Bühne ging, geschweige denn, was das heurige Leitmotiv meinte. Den Poststempel habe man zwar auf Bussen und in Schaufenstern gesehen, aber da er seit Jahren gleich aussieht, nicht beachtet. In der Firma steirischer herbst festival gmbh sollten schon die Warnlampen aufleuchten.

Die vorläufige Bilanz: An 24 Festivaltagen gab es 130 Projekte und 465 Einzelveranstaltungen. Mehr als 50.000 Besucherinnen und Besucher (diese Zahl stagniert seit Jahren) zählte das Festival, nicht zugerechnet seien dabei die Projekte, die im öffentlichen und medialen Raum stattgefunden haben. Man freute sich zwar auch über die Auslastung von über 90% bei den szenischen Produktionen und Konzerten, aber im Vorjahr waren es noch 95%. Etwa 900 Beteiligte aus insgesamt 56 Nationen waren involviert.

Stattegg-Ursprung, am 16. Oktober 2016

steirischer herbst 2012

Die Wahrheit ist konkret.
Das Leitmotiv des diesjährigen herbst zitiert Brecht, der Lenin zitiert, der Hegel zitiert: Mit ihm suchen wir nach dem Konkreten in der Kunst, nach einer Definition von Wahrheit, die zwar komplex und nicht endgültig ist, in jedem Fall aber dennoch konkretes Handeln ermöglicht.

(steirischer herbst 2012 Pressetext)

Truth is concrete [apparently]

Untitled Feminist Show

Young Jean Lee’s Theater Company: Untitled Feminist Show © Blaine Davis (die Balken sind nicht von uns)

Gerald Ganglbauer Beim Besuch der beindruckenden Büroraume im Palais Attems stelle ich mir die Frage, wie dieser Think Tank steirischer herbst unter lieblichen Engelsfiguren an der hohen Decke ein zeitgemäßes Programm auf die Beine stellen kann, das sowohl den Festival Gründern – der seinerzeitigen Avantgarde – gerecht wird, als sich auch richtungsweisend in unserer sich ständig verändernden Gesellschaft mit moderner Kunst auseinandersetzen soll. Aber es gelingt. Kurt Jungwirth und Horst Gerhard Haberl scheinen vergessen zu sein, wenngleich ihr Geist dem Besucher doch irgendwie durch die ehrwürdigen Steinmauern das herrschaftlichen Bauwerkes in der Grazer Sackstraße folgt.

Die aktuellen Spielstätten für das mittlerweile längst etablierte und auch finanziell gut abgesicherte Festival waren freilich zeitgemäß. Die Baustelle rund um die alte Thalia neben der Oper (wo der Gangan Verlag vor dreißig Jahren noch seine Jour fixe Lesungen hielt) bot fast allen Aufführungen eine gemütliche, beinahe private Camp-Atmosphäre. Womit ich andeute, dass ich mir wesentlich mehr Publikum für ein dermaßen gut beworbenes Get-together ganz im Zeichen der Kunst vorgestellt hätte. Es gab kaum einen Bus, eine Straßenbahn, ein Schaufenster, das nicht den markanten roten steirischer herbst Stempel trug. Und dennoch, wo waren die Massen?

Terre ThaemlitzIm Camp jedenfalls nicht. Als sinnliches Häppchen hier ein Mitschnitt aus No days of innocence! 2 von Franz Pomassl, drei Minuten, die ich im Camp Wohnzimmer aufgezeichnet habe.

Die erste Folge dieser Reihe elektronischer Musik gestaltete am selben Ort in der Woche davor Terre Thaemlitz (kleines Foto).

Foto und Video © Gerald Ganglbauer

Auch das Publikum war jünger geworden (oder ich älter?) und mit ihm die Macher, was sich wiederum im Angebot spiegelte. 24/7 über Kunst und Wahrheit nachzudenken, hat mich, der ich zumindest 6 Stunden Schlaf brauche, so abgeschreckt, dass ich mir das Camp Truth is concrete gänzlich erspart habe. Ich war der Meinung, dass man an so etwas entweder im Kontext teilnehmen müsse oder gleich daheim bleiben könne (wo es ohnedies 100 andere Dinge zu erledigen gäbe). Also verliere ich kein Wort aus zweiter Hand über das gut dokumentierte Camp.

Wohl aber habe ich die meisten Theateraufführungen besucht: Im Black Cube 1 hour 18 minutes, auf Russisch mit deutschen und englischen Untertiteln ein gewagter aber gelungener Versuch, eine politische Komponente zu verleihen; oder auch das gut choreografierte Stück Come Back, wo mich auch der wie ein Chamäleon seine Farbe wechselnde Spielort an der Kunstuniversität Graz (siehe Foto) sehr beeindruckt hat.

MUMUTH

MUMUTH: Haus für Musik und Musiktheater an der KUG © Gerald Ganglbauer (weitere Fotos in meinen FacebookAlben)

Auch der Black Cube, das vorgelagerte Bloghaus und das Wohnzimmer im Camp wurden bespielt, für vier Tage vor allem vom musikprotokoll 2012, das von Emil Breisach vor 45 Jahren gegründet wurde, sich symbiotisch in den steirischen herbst einfügt und heuer unter dem musikalischen Fachausdruck Enharmony wieder ungewöhnliche Klangerlebnisse lieferte. Ein persönliches Detail am Rande: Sowohl Breisach (Massenkommunikation, Programmgestaltung in Hörfunk und Fernsehen) als auch Haberl (Werbung, public relations) zählten Mitte der 80er zu meinen Lehrern an der Uni Graz.

Ob dieb13 nun im Bloghaus Kompositionen von John Cage stahl und das Publikum sie auf vier Plattentellern neu zusammensetzen konnte, das Cantus Ensemble mit dem Ensemble Zeitfluss im Black Cube Neue Musik und Erfahrung zwischen Graz und Zagreb austauschte, man im Instrumentarium I auf einer Projektion der Performance für Musiker in getrennten Räumen folgte, oder Daniel Lercher für eine missa brevis sogar die Heilandskirche bespielte (Lercher: In meiner Musik arbeite ich oft mit Obertonstrukturen von Klängen und da ist ein halliger Raum sehr von Vorteil […] und die Kirche ist ein Raum, wo sehr viel Konzentration herrscht, wo Leute in sich gehen und genau zuhören) – die Ohren wurden herausgefordert und belohnt. Und nicht im göttlichen Sinn, denn die Moderne Kunst ist eine gottlose Angelegenheit (Gott sei Dank).

Camp: Bloghaus

Camp: Bloghaus vor der alten Thalia © Gerald Ganglbauer

Der nackten Wahrheit kam das Publikum erst gegen Ende des Festivals auf die Spur. Selbstbewusste Körper im Kostüm der Haut, wohin man blickte. Für Naturisten war das an sich noch nicht außergewöhnlich, wenngleich Nacktheit selten auf der Bühne zelebriert wird. Die zwei Aufführungen von Young Jean Lee’s Theater Company: Untitled Feminist Show (siehe Foto oben, ohne Balken) und La Pocha Nostra: The Insurrected Body (siehe Fotos unten, sowie auf Facebook) nützten den nackten Körper ohne falsche Scham und Rücksicht auf Gravitation und wurden dafür mit Applaus nur so überhäuft.

In der feministischen Schau ohne Titel überzeugte die Selbstsicherheit der sechs Damen aus New York, die allesamt ihr im intimen Rahmen des Black Cube so wunderbar hautnahes Tanztheater mit der Grazie von Ballerinas und viel Spass darboten, und sich auch nicht über ein paar Kilos zu viel Sorgen zu machen schienen und sie wabbeln ließen. Grandios und auch ein wenig frech! Spass hatte sicher auch die gemischte Truppe von La Pocha Nostra (Mexico/USA) im Dom im Berg, die jedoch ein bisschen auf den Grusel von Blut und Gedärmen setzte und ganz im Gegensatz zur Frauengruppe rege Publikumsbeteiligung und Fotografie (Where are the photographers? Come on, post it tonight on Facebook) anregte. All das ereignete sich inmitten der Zuseher und machte somit jeden einzelnen zu einem Teilnehmer am skurilen Geschehen des Theatermachers Guillermo Gómez-Peña.

La Pocha Nostra La Pocha Nostra La Pocha Nostra La Pocha Nostra
La Pocha Nostra La Pocha Nostra La Pocha Nostra La Pocha Nostra

La Pocha Nostra: The Insurrected Body © Gerald Ganglbauer (weitere Fotos auf Facebook)

Ein berührender Höhepunkt und würdiger Abschluss des steirischen herbst 2012 war die Uraufführung von When the mountain changed its clothing von Heiner Goebbels. Die vierzig jungen Mädchen des Vocal Theatre Carmina Slovenica aus Marburg, die das Stück (Englisch mit deutschen Übertiteln) auf die Bühne brachten, erhielten standing ovations für ihre beachtliche Leistung in der Helmut-List-Halle. So manch eine erwachsene Frau im Publikum konnte sich mit der Thematik der scheinbar harmlosen Spiele identifizieren, die in Texten von Eichendorff bis Haushofer zu denken gaben, wenn man sich nicht gerade mit geschlossenen Augen dem vollen Klangkörper und den feinen Obertönen der jungen Stimmen hingab. Feinstes Musiktheater unter der Leitung von Karmina Šilec.

Carmina Slovenica Carmina Slovenica
Carmina Slovenica Carmina Slovenica

Carmina Slovenica: When the mountain changed its clothing © Gerald Ganglbauer (weitere Fotos auf Facebook)

Insgesamt zeigte der steirische herbst 2012 rund 579 Veranstaltungen an 24 Festivaltagen. Rund 45.000 Besucherinnen und Besucher zählte das Festival, nicht eingerechnet sind dabei – wie immer – die Projekte, die im öffentlichen und medialen Raum stattgefunden haben. Über 800 Künstler, Theoretiker und sonstige Teilnehmer aus insgesamt 74 Nationen waren involviert. Man freute sich auch über die erneut sehr hohe Auslastung von deutlich über 90% bei den szenischen Produktionen und Konzerten.

Das Festival hielt Graz von 21. September bis zum 14. Oktober 2012 auf den Zehenspitzen. Da es bei dem dichten Angebot einer einzelnen Person schlicht unmöglich war, alles zu sehen, zu hören und zu erleben, kann das komplette Programm auf www.steirischerherbst.at und www.truthisconcrete.org nachgelesen werden. Man darf schon gespannt sein, was den Machern im Palais Attems nächstes Jahr mit noch mehr Geld von der regionale (www.regionale12.at das Festival für Gegenwartskunst abseits der Ballungszentren wird abgeschafft, dafür muss der steirische herbst 2013 auch in die Provinz) unter den Barockengerln einfallen wird.

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Graz, am 14. Oktober 2012